Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 682 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 682. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. geschrieben nicht allein die unberechtigten Forderungen, sondern auch die berechtigten Interessen von Handwerk und Landwirtschaft in mehr als leidenschaftlicher Weise antastete und die Gegner geradezu zur Erbitterung reizte. Würdig unterstützt wurde dies Blatt von der Ullstein'schen „Berliner Zeitung", von der Cohnffchen „Volkszeitung", während Herr Sonnemann im Süden Deutschlands mit seiner „Frankfurter Zeitung" die antisemitische Bewegung energisch und hartnäckig verbreitete. Schon um die Mitte der siebziger Jahre wurden vereinzelt Stimmen laut, die den Niederträchtigkeiten gegen Bismarck, veröffentlicht in den Spalten „liberaler" Blätter, entgegentraten und für diese Preßerzeugnisse die Juden verantwortlich machten. Als aber im Jahre 1876 Lasker mit den nationalliberalen Juden wieder zur Konfliktsopposition zurückkehrte, da war die Zeit reif für die antisemitische Bewegung, da hatte sich an der Kraft die Gegenkraft zu erproben. Also: So lange das Judentum bcn nationalen Gedanken hochhielt, seiner Ansicht nach in der Konfliktszeit auch gegen Bismarck hochzuhalten vermeinte, so lange der Liberalismus national war, gab es keinen politischen Antisemitismus. Nach der Gründung des Reiches sah aber das deutsche Volk in Bismarck seinen Nationalheros, und je mehr der Liberalismus, der es dem großen Mann nicht verzeihen konnte, daß er sein Programm in den Hauptteilen durchgeführt hatte, ihn verlästerte und verhöhnte, je antinationaler der Liberalismus dem deutschen Volk zu werden schien, um so mehr Boden verlor der liberale Gedanke. Das Judentum, das in Deutschland bis zum Jahre 1866 alles dem Liberalismus zu danken hatte und teilweise auch noch bis zum Jahre 1879 von der öffentlichen Meinung in der Gefolgschaft des Liberalismus glimpflich behandelt wurde, d. h. also, so lange dieser nationalen Zielen zustrebte, hat auch seinem starren Festhalten am absterbenden Freisinn den Antisemitismus zu verdanken. Vollends aber ist es d-ie Freisinnige Vereinigung, die vereinsamt und verlassen als das Höchste der Gefühle von Mosse, Cohn, Ullstein und Sonnemann gepriesen wird, eine Partei, die Herrn Barth zum Häuptling zählt, der leider die mciften Juden angehören, und die hinter Herrn Singer, dem jüdischen antinationalen Revolutionär, einhertrottet, und sich auch gelegentlich von ihm Fußtritte versetzen läßt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so tieftraurig wäre!" Der Artikel schließt mit den Worten: „Der Antisemitismus ist nicht zu bewältigen, so lange Männer wie Mosse, Cohn, Ullstein, Sonnemann und vor allem der unglückselige Barth ihn immer von neuem anfachen und die Juden mit ihrem „Liberalismus" anlocken, wie die Mücken das Licht." Nicht ohne Grund haben wir den ausländischen Ursprung des Leiters jenes Vereins für nationale Gesinnungs-Besserung hervorgehoben. Denn darin liegt zwar keine Entschuldigung, aber ein mildernder Umstand für die bodenlose Unkenntnis der eben wiedergegebenen Darstellung. Man muß unheilbar fremdbürtig sein, um den deutschen Liberalismus für antinational anzusehen und das in demselben Satz zu betonen, in dem man gesagt hat, daß Bismarck durch Schaffung des Reichs einen Teil des liberalen Programms verwirklicht habe. Man muß unheilbar landfremd sein, um das Entstehen des Antisemitismus aus einer Reaktion der Bevölkerung gegen angeblich unzureichende nationale Gesinnung der deutschen Juden zu erklären, in einer Zeit, in der über drei Millionen sozialdemokratische Stimmen bei der Reichstagswahl abgegeben worden sind. Sehr hübsch aber ist, daß die „Kreuzzeitung", in der die berüchtigten, in strafrechtlich unfaßbarer Weise Bismarck verleumdenden „Aera-Artikel" gestanden, den Satz von den „Niederträchtigkeiten gegen Bismarck, veröffentlicht in den Spalten liberaler Blätter", ohne Erröten abdruckt. Dieser Verein wird keine Juden fangen! Dazu ist er zu stammeswidrig dumm. * * * (Konservativer Patriotismus.) Die Konservativen versichern recht oft, daß die Sozialdemokratie jeder patriotischen Gesinnung ermangle, und daß es deshalb patriotische Pflicht sei, bei den Wahlen unter allen Umständen den Sozialdemokraten entgegenzutreten. Ob die Versicherung zutrifft, können wir bei unserer Abneigung gegen Gesinnungsschnüffelei nicht kontrolieren. Wohl aber können wir feststellen, daß die Konservativen selbst nach ihrer eigenen Lehre nicht handeln, sondern ganz gern den Sozialdemokraten gegen die Liberalen helfen, wofür sie übrigens die Unterstützung der Sozialdemokraten gegen dieselben Liberalen genießen. Das hat sich auch bei den jüngsten preußischen Landtagswahlen gezeigt. Bei den Berliner Wahlen wollten die Konservativen sogar noch ein antisemitisches Extra - Gewinnchen herausschlagen. Für den dritten Berliner Wahlkreis hatten die Konservativen sofort die Parole ausgegeben, die freisinnigen Kandidaten, die wahrscheinlich nicht die absolute Mehrheit haben, von vornherein zu unterstützen. Das sieht gut aus und kostet nichts. In der „Post" aber meldete sich ein von ihr als wohlunterrichtet und einflußreich bezeichneter konservativ-nationaler Gewährsmann, der diese Unterstützung davon abhängig machen möchte, daß die Freisinnigen den einen ihrer Kandidaten, Herrn Rosenow, fallen lassen, weil er Jude ist. Dieser National-Konservative behauptet, daß die Freisinnigen in diesem Wahlkreis nur mit Hilfe der konservativen Wahlmänner siegelt könnten, und schreibt daraufhin: Wenn nun auch die nationalen Wahlmänner gewiß nicht gern oder geschloffen für die sozialdemokratischen Kandidaten stimmen können, so darf auch nicht vergessen werden, daß der Freisinn in der Wahl seiner Kandidaten, wenigstens des jüdischen Kandidaten Rosenow, denkbar unklug gehandelt hat, denn es bedeutet entschieden für den aufgeklärten anthropologisch und staatsmännisch geschulten Patrioten eine furchtbar schwere Zumutung, einen Juden in das Parlament zu wählen, besonders, wenn dieser, wie im vorliegenden Falle, ein ausgesprochener Gegner des Mittelstandes und Verfechter der Warenhäuser ist. Die nationalen Wahlmänner im dritten Berliner Landtagswahlkreis sehen in solchen jüdischen Parlamentariern Schädlinge, die ebenso gefährlich sind, wie die sozialdemokratischen Staatsfeinde. Unter diesen Umständen können wir Eugen Richter nur dringend und aufrichtig raten, noch in letzter Stunde von der Person des Kandaten Rosenow abzusehen und das nationale Ehrgefühl der nationalen Wahlmänner unnütz auf eine allzuharte Probe zu stellen. Die „harte Probe" blieb den national-antisemitischen Wahlmännern erspart. Die freisinnigen Kandidaten wurden im ersten Wahlgang gewählt, obwohl die konservativen Patrioten das Mögliche taten, den Sozialdemokraten den Weg ins Abgeordnetenhaus zu ebnen. Das antisemitische Ansinnen aber wurde in seiner ganzen Unverschämtheit dadurch beleuchtet, daß der jüdische Kandidat auch nicht eine Stimme weniger erhielt, als seine nichtjüdischen Parteigenossen. * * * (Eine Neuerung in Sachsen.) Um den wirtschaftlichen Bestand der israelitischen Gemeinden und die religiöse Erziehung ihrer Jugend sicher zu stellen, soll künftig jeder in Sachsen aufhältliche Israelit genötigt werden, sich einer Gemeinde seines Bekenntnisses anzuschließen, wie dies bereits in Preußen und Württemberg gefordert wird. Die Zahl der