Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 678 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 678. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. wir, da Palästina augenblicklich nicht zu haben ist, die Hoffnung des Zionismus von Palästina nach dem Rifttal verlegen sollen, — das dortige Land sei ebenso gut, wie z. B. die englische Provinz Surrey — daß die Bearbeitung des Bodens eine gute Schule sür die Juden sei, und daß wir dort einen autonomen Staat bilden werden, eine prächtige Vorbereitung für den autonomen Staat in Palästina, und so weiter und so weiter. Meine Herren, alle diese Behauptungen werden vor einem eigens dazu einberufenen Publikum in der Provinz von der Tribüne herab verkündet; diese Versammlungen sollen ein Beweis für unsere Einigkeit sein, abweichende Stimmen werden nicht gehört oder aus den Berichten gestrichen. Alle diese Behauptungen werden zu einer Zeit aufgestellt, da die Haupt- und Kernfragen, wie die Größe und Fruchtbarkeit des künftigen Landes noch 8ub judice sind, da der Kongreß selbst noch auf nichts eingehen, sondern erst nähere Informationen abwarten und die Angelegenheit gründlich überlegen wollte. Denn der Kongreß hatte die englischen Blaubücher noch nicht gelesen, der Kongreß wußte noch nichts von dem in Rede stehenden Land. Darum bin ich es den hier anwesenden Zionisten und Nichtzionisten und allen englischen Juden schuldig, die ich für unsere Sache gewinnen und als Mitglieder in unseren Nationalrat einreihen möchte, die Wahrheit zu zeigen und nicht falsche Versprechungen zu machen. Der Zionismus kann nicht aufhören, Zionismus zu sein, um Ostafrikanismus zu werden. Nach meinen vorherigen Mitteilungen brauchte ich erst nicht auf die Behauptung jenes englischen Zionisten einzugehen, der eine oder anderthalb Millionen Juden nach Ostafrika führen will. Vielleicht glaubte er, das Land noch auf andere Weise als durch Landbau zu entwickeln, vielleicht durch die Schaffung von Industrie- und Fabrikzentren wie Birmingham, Manchester mnd Bradford. Darauf möchte ich bemerken, daß das Nachbarland, Deutsch-Ostafrika, seit fünfzehn Jahren der Boden für systematische Versuche von Seiten der deutschen Regierung und deutscher Kapitalisten gewesen; daß die größte wissenschaftliche Sorgfalt und ungeheure Geldsummen an die Ausnützung und Entwickelung der möglich vorhandenen Hilfsquellen gewagt worden, und das alles in einer Weise, die den englischen Berichterstatter fast mit Neid erfüllt und ihn veranlaßt, sie der englischen Regierung als Neuster hinzustellen. Und welche Erfolge sind dort zu verzeichnen? Die Kolonie verschlingt noch alljährlich viele Millionen aus dem Säckel der deutschen Regierung zur Deckung ihrer Defizits, und das Mutterland wird immer noch mit Leistungsversprechungen gefüttert. Die Aussicht, an den 4 Millionen Eingeborenen ein kaufkräftiges Publikum zu finden, ist nach dem, was ich über die Lebensweise dieser Volksstämme berichtet, nicht viel wert. Das Rifttal kann eben nicht plötzlich das Nachtasyl für anderthalb Millionen Juden abgeben, dazu ist nicht genügende Schlafgelegenheit vorgesehen. Wenn demnach auf bescheidener Grundlage gearbeitet werden und mit einer kleinen Kolonie von Ansiedlern begonnen werden soll — wozu dann das ungeheure Aushängeschild eines autonomen Staats? In dem Brief des Auswärtigen Amts war weder von einem autonomen Staat noch von einer autonomenKoloniedieNede,daheißt es einfach: „dieKolonie behält freie Hand für Munizipal-Gesetzgebung, für die Ausübung von Religions- und rein inneren Angelegenheiten; diese lokale Autonomie bedingt aber das Recht der königlichen Regierung auf die Ausübung einer allgemeinen Aufsicht". Aber was finge ein am Aequator, 300 Meilen von der Seeküste entfernt gelegener Staat von 160 000 Seelen selbst mit der Autonomie an, wenn z. B. einmal eine Eisenbahnbrücke einstürzt und er nur durch Luftballon mit der übrigen Welt verkehren könnte! Der Staat wäre für Ein- und Ausfuhr vollständig von der Eisenbahn abhängig, die ihm nicht gehört, und von den Hafenbehörden in Mombasa, die alle Ein- und Ausfuhr nach Belieben besteuern' darf. So nationalistisch ich auch gesinnt bin, ich würde mir doch einen anderen Platz zur Aufhissung der zionistischen Flagge der Autonomie aussuchen. Da wäre Palästina am Mittelmeer doch schöner. Der Wunsch, einen jüdischen Gouverneur zu besitzen, kann an sich doch keinen so großen Reiz ausüben; den haben wir ja hier in London an dem eben zurückgetretenen Lord Mayor gehabt. Auch die Behauptung, daß eine ostafrikanische Kolonie eine gute Schule für die körperliche Entwicklung der Zionisten wäre, ist nicht zutreffend. Die jüdischen Turnvereine in Basel halten prächtige Leistungen aufgewiesen; über 100 000 jüdische Soldaten dienen in den verschiedenen europäischen Heeren und sind tüchtige Leute, dazu brauchen wir Ostafrika nicht. Redner kommt zum Schluß nochmals darauf zurück, daß die ganze Welt die zionistische Organisation als den Mittelpunkt des jüdischen Lebens betrachtet. Er erkennt das dankbar an, spricht auch von der Bereitwilligkeit der Zionisten, in wichtigen Dingen zum Wohl der Judenheit mit anderen jüdischem' Körperschaften gemeinsam zu arbeiten und eventuell bei eine von der englischen Regierung begünstigten Niederlassung als Bankiers oder Aufsicht tätig zu sein. Aber der Zionismus kann nicht, wie der englische Richter, auf der ewigen Rundreise sein und seine Flagge heute für Ostafrika und morgen für Timbuktu herleihen. Die Zionisten wollten gern zum Besten der Judenheit mit allen möglichen Regierungen unterhandeln, aber sie wollten bei diesem Geschäft etwas verdienen, und der Gewinn sollte darin bestehen, daß die übrige Judenheit sie in ihren Bemühungen um Palästina unterstützt. In der Diskussion spricht erst Oberst Goldsmid. Das wohlgemeinte Anerbieten der englischen Regierung dürfte nicht ohne weiteres vorr der Hand gewiesen werden. Er selbst würdeals Mitglied des Kongresses für Entsendung einer Kommission gestimmt haben, denn jetzt wüßte man noch gar nichts näheres über das in Frage stehende Land, es könnte ebenso gut für Millionen wie für Tausende Raum bieten. Vielleicht soll Ostafrika die Wüste bilden, die vor der Erreichung von Kanaan durchwandert werden muß. Unter den folgenden Rednern ist noch Mr. I. Zangwill zu erwähnen als eifriger Befürworter des Ostafrika-Projekts. Nach seiner Meinung handelt es sich nicht um ein Gebiet von 2000, sondern vielleicht von 20 000 Quadratmeilen. Ein Anerbieten von weniger als 10 000 Quadratmeilen würde er ablehnen. Der Vergleich des ostafrikanischen Terrains mit dem der Provinz Surrey rühre von Mr. Chamberlain her. Palästina wäre ebensowohl tropischer Boden wie Ostafrika. Er würde, wenn der Bericht der Prüfungskommission günstig aussiele, von der I. C. A. die zur Auswanderung geeigneten Leute erbitten. Ihm persönlich habe ein in Ostafrika ansässiger Mann geschrieben, daß er sofort bereit wäre, 500 Juden in seinen geschäftlichen, landwirtschaftlichen und Fabrikanlagen Arbeit zu geben. Es entspinnt sich noch eine längere Diskussion über Zionismus, Religion und Assimilation, in der nichts neues vorgebracht wird.