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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. Seite 677

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 677 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 677. Judentum zu nennen; es ist Monotheismus Me der rationalistische Deismus, und es hat eine Moral, wie sie Gemeingut aller modernen Kulturvölker ist. Die Moral stützt sich nur noch auf die autonome Sanktion der Vernunft und des Gewissens. Das einzige Band zwischen Gott und Mensch, das zugleich den Regulator ihres gegenseitigen Verhältnisses bildet, die geoffenbarte Gesetzeslehre, ist als solches aufgehoben und Gott und Mensch in völlige Isolierung gegeneinander gesetzt. Die autonome Sittlichkeit oder die Sanktion der Vernunft und des Gewissens steht außer jeder Beziehung zum religiösen Bewußtsein, weil das einzige bisherige Bindeglied zwischen beiden, das geoffenbarte Gesetz, herausgerissen ist. Mit andern Worten: die theoretische wie die praktische Weltanschauung des Reformjudentums ist irreligiös, darum kann es bei seinen Bekennern nichts anders als religiösen Jndifferentismus großziehen. Misch-Aastika m näherer Kelenchlnn-. II. Nehmen wir einmal an, daß der englische Teil von Ostafrika besseres Land ist, daß Getreide dort wachsen, Vieh und Pferd dort gedeihen wird, daß die natürlichen Hindernisse überwunden, Straßen mit kostspieligen massiven Brücken gebaut, daß Bewässerungsanlagen zur Vermeidung von Hungersnot gemacht und die von der Kommission als für Europäer notwendig empfohlenen Häuser gebaut werden — was ist der Erfolg? Ein Platz für tropische Landwirtschaft. Ich verstehe etwas vom Landbau in gemäßigten Zonen, jedoch nichts vom tropischen Landbau, aber ich bin der Meinung, daß, wo tropische Landwirtschaft von den Bauern guf eigene Rechnung und nicht für millionenreiche Sklavenbesitzer oder große Gesellschaften oder Fürsten auf Riesen-Plantagen betrieben wird, daß dort der Gewinn für die Bauern sehr unbedeutend und gering sein wird, mindestens ebenso ärmlich wie jetzt der Lohn der russischen Juden in ihrem heimatlichen Ansiedelungsgebiet. Aber auch dazu müßten die obenerwähnten Straßen- und Häuserbauten ausgeführt worden sein, ehe eine regelrechte Auswanderung organisiert werden könnte. Wie Sie wissen, will aber die britische Regierung an den Unkosten nicht teilnehmen, sondern sich nur die Ober-Aufsicht Vorbehalten. Erst kürzlich hat mir Jemand gesagt, der sich sehr für das Ostafrika-Projekt ins Zeug legt und dessen Pflicht es gewesen wäre, die offiziellen Berichte zu lesen: „Wir wollen den Einwanderern dort nicht Häuser und Einrichtungen geben, sondern sie nur kommen lassen, damit sie dort ebenso gut wie in Amerika sich ihr Brot verdienen." Dieser Herr weiß, daß unsere Auswanderer arm sind, daß sie nicht die im Bericht erforderten 300 L. St., das sind 3000 Rubel, besitzen, nicht einmal 2000, und wenn er das nicht weiß, so will ich es ihm sagen, daß russische Juden, die 2000 Rubel ihr Eigen nennen, nicht nach Ostafrika gehen werden. Wir haben keine zehntausend Juden, die mit dem nötigen Geld in der Tasche nur darauf warten, nach Afrika als Ansiedler zu gehen und dort die Rolle von unabhängigen Pionieren zu spielen. Nein. Es muß deutlich gesagt werden, daß wenn es zur Auswanderung nach Ostafrika kommt, man mit ein paar hundert Familien wird den Anfang machen müssen, für die man alle Anschaffungen machen muß; sonst wird überhaupt keine Auswanderung zustande kommen. Rechnen wir also nur 10 000 Hausstände zum reduzierten Preis von 200 L. St., so macht das 2 Millionen L. St., ungefähr ebensoviel dürfte man auf Bewässerung, Wege, Brücken, Krankenhäuser, Polizei und allgemeine Verwaltung rechnen. Das wäre der Geldpunkt. Die zur Gründung der Kolonie erforderliche Zeit dürfte 20 bis 25 Jahre betragen. Neben einer geregelten Auswanderung giebt es zwei Alternativen: man überläßt die Angelegenheit der persönlichen Unternehmung einiger weniger Männer, dann wird die Etablierung 50—100 Jahre in Anspruch nehmen, es müßten denn Gold oder Diamanten gefunden werden; oder man versucht das Zusammenstopfen von Tausenden armer Leute auf einmal,dann wird es nur ein Jahr oder noch weniger lange dauern, gerade so lange, bis die Nachrichten von dem Elend der Auswanderer ihre Heimat erreichen — und das ganze Projekt fliegt in die Luft. Gewissenhafte Zionisten und Nichtzionisten werden niemals ihre Hand dazu bieten. Nachdem ich über das Land selbst aus den offiziellen Berichten das nötige mitgeteilt habe, sei es mir gestattet, aus denselben Quellen noch etwas über die Eingeborenen zu sagen, die die Nachbarschaft des Rist-Tales bewohnen. Dieses Tal selbst ist fast unbewohnt. In den dichten Wäldern des Mau- Gebirges wohnen einige Wanderobos, ein scheuer, wilder Jägerstamm, die das Wild mit vergifteten Pfeilen erlegen. In der besten Gegend von Ostafrika, westlich vom Mau leben die Naudi, ein schwer zu behandelnder, streitsüchtiger Stamm, der der Regierung schon viel Ungelegenheiten gemacht hat. Unter anderem gefährden diese Wilden die Sicherheit der Eisenbahn, indem sie die Nägel aus den Schienen und die Telegraphendrähte stehlen. Die Nägel benutzen sie zum Töten ihrer Feinde, die Drähte zum Schmuck ihrer Schönen. Noch weiter westlich wohnen die Kawirondo, die der Bericht als einen der wenigen Stämme der Welt schildert, deren Weiber ohne jegliche Bekleidung auskommen, „ihr ganzes Kostüm Lesteht aus einem Blätterzweig". Nach Norden und Süden zu leb^n^oie Massai, ein Landwirtschaft und Viehzucht treibendes Volk, das eine Organisation von Aeltesten und Kriegern besitzt. Der Nordosten, das Kirkuja- und Kenya-Gebiet ist dicht bevölkert von den Kikuju, „die bessere Landwirte sind als die meisten Eingeborenen von Ostafrika. Aber während der letzten Hungersnot im Jahr 1897 sind große Plantagen verlassen worden, und die Eigentümer haben nicht versucht, die Schäden an ihren Feldern wieder aufzubessern, sondern sind in andere Distrikte gezogen". Aus all diesen Tatsachen ziehe ich folgenden Schluß: Wenn die vom Kongreß abgesandte Prüfungskommission in Gemeinschaft mit dem dortigen königlichen Verweser einen freien Landstrich findet, der fruchtbar und geeignet ist, von Weißen eigenhändig bearbeitet zu werden; wenn ferner die öffentliche und private Meinung damit einverstanden ist, eine organisierte Auswanderung nach jenem Land zu unternehmen; wenn die dazu nötigen Millionen von allen jüdischen Gemeinden und reichen Leuten aufgebracht werden; wenn eine Körperschaft von tüchtigen Verwaltern und Fachleuten — Zionisten oder Nichtzionisten — zusammengestellt würde, kurz, wenn alle diese „wenns" richtig aufgingen, so würde eine Niederlassung von 70 000, vielleicht gar 100 000 Juden im Lauf der Zeit im Rist-Tal und den angrenzenden Ländern zustande kommen, und ich bin überzeugt, daß die Leute trotz größter Schwierigkeiten alle Kraft daran wenden würden, alle Hilfsquellen des Landes zu entwickeln, denn ich habe großes Vertrauen zum jüdischen Volk. Wenn diese Berechnungen Ihnen zu optimistisch erscheinen, was sagen Sie dann zu der auf zionistischen Rednertribünen ausgesprochenen Behauptung, daß wir dort eine Million, ja anderthalb Millionen Juden unterbringen können? Daß

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