Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 670 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 670. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. der tiefe Ernst, die sich in dieser Stunde aufdrängen, so recht im 116. Psalm zum Ausdruck gebracht werden, auf dessen nähere Betrachtung er dann eingeht. Ausgehend von der Vergänglichkeit, der Flüchtigkeit und der unnennbaren Tragik des Menschenlebens, das dem Schatten eines Vogels gleicht, führt er das Stille und Grauenhafte des Friedhofs vor Augen, des Grabes, an dem die Vereinsamten um die Lieben weinen, die ihnen entrissen sind. Aber wie ein mächtiger Heroldsruf tönt der Gottesruf des Psalmisten in die Herzen. Aus den Gräbern wächst die Blume der Unsterblichkeit; was sterblich ist, gehört der Erde an, aber die Seele wird nicht ins Grab gelegt; sie kehrt zurück zu Gott, der sie gegeben hat. So ist der Friedhof nicht nur ein Ort der Tränen, sondern auch ein Ort des Lebens, von dem wir einziehen aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit, und wir weihen den Friedhof nicht dem Tode sondern der Ewigkeit und Unsterblichkeit. Als Trost und Erquickung dient uns der Gedanke der Unsterblichkeit, die aus den Gräbern sprießt. So möge der Friedhof ein Orl des Trostes und der Erquickung sein, eine Himmelsleiter, die die Zeitlichkeit mit der Ewigkeit verbindet, die Erde mit dem Himmel, und mögen die, die hier dermaleinst ausruhen sollen, nach einem gottbegnadeten, arbeitsreichen Leben als müde Pilger eintreffen. Mit einem Gebet für die Entschlafenen, die draußen auf dem Friedhof ruhen, schloß er dann seine Worte. Nochmaliger Gesang, bei dem Oberkantor Davidsohn die Soloführung übernommen, und die erhebende Feier erreichte ihr Ende. — Zum Schluß sei noch des neuen Friedhofsgebäudes gedacht, das, wie schon erwähnt, nach den Plänen und unter der Leitung des Architekten Max Fleischer in Wien ausgeführt worden ist. Es besteht aus einem Gebäude-Komplex, dessen Mittelpunkt die große Zeremonienhalle bildet. Diese ist in der Grundform eines Rechtecks von 10,5 m Breite und 17,6 m Länge errichtet; die Höhe der Halle beträgt 10 m. Der Fußboden ist mit Tonfliesen ausgelegt, die in weiß und schwarz ein Dessin gaben. Die beiden Längswände sind durch Pfeiler in drei Felder abgeteilt, lieber den Pfeilern, der Ouere des Raumes nach, sind Gurten gespannt, welche die Gewölbsdecken tragen. Diese ist in Beton und Eisen spitzbogig ausgeführt. Das Licht erhält die Halle durch in den beiden Stirnwänden angebrachte große Maßwerksfenster. An die Halle anschließend und mit dieser durch eine weite Türe in Verbindung stehend, ist die Vorhalle, in die man von der Straße gelangt und die einen Durchgang nach dem Friedhof gestattet. An die Vorhalle schließt sich ein Flügel an, der die Räume für den Leichenwächter, die Leichenverwahrung und Leichenwaschung enthält. Der ganze Trackt ist für sich abgeschlossen und kann daher im Falle des Bedarfes ganz aus dem Verkehre ausgeschaltet werden. Links von der Halle ist ein Flügelbau genau so ausgestattet, wie der vorher beschriebene, der die Wohnung für den Friedhofsaufseher, eine solche für einen Hilfsbeamten, eine Kanzlei und einen Warteraum für den Rabbiner enthält. Die Heizung der Halle wird vom Keller aus erfolgen. Dermalen fehlen noch die Malerei der Wände und die Glasmalerei der Fenster; es ist beabsichtigt, beide stilgemäß und künstlerisch ausführen zu lassen. Das Gebäude ist ein Ziegelrohbau im gothischen Stile, im Sinne der Backsteinbauten des nördlichen Deutschlands. Die große Halle überragt die übrigen Gebäudeteile; ein Giebel, der das Dach deckt und von zwei Fialen flankiert ist, schließt nach oben diesen Bau ab, der sonst ohne jede Anwendung von Haustein und Bildhauerarbeit durch sein mächtiges Verhältnis eine monumentale Wirkung macht, die noch durch das gewaltige Maßwerksfenster erhöht wird. Einen guten Eindruck macht die rechts und links vom Gebäude aufgeführte Einfriedigungsmauer mit den schmiedeeisernen Einfahrtstoren. Im ganzen beglückwünschen wir die Gemeinde zu diesem Bauwerk, das ihr zur Ehre und der Stadt zur Zierde gereicht. Die Ausführung oblag dem Maurermeister Julius Scheer, der im Verein mit den übrigen von ihm beschäftigten Werkleuten — sämtlich aus Gleiwitz und nächster Umgebung — alles aufbot, um ein solides und vornehmes Bauwerk herzustellen. Maris. 15.November. (Die Allianz-Schule in Tanger.) Die Schule von Tanger nimmt unter den von der Allianz gegründeten Unterrichtsanstalten dem Alter nach die zweite Stelle ein, da ihr Bestehen auf das Jahr 1864 zurückzuführen ist. Seitdem hat die Allianz dieser Stiftung jährlich beträchtliche Zuwendungen gemacht, aus die sie aber mit großer Befriedigung blicken darf. In dieser Schule wurden nämlich Zöglinge ausgebildet, die jetzt zu tüchtigen und gelehrten Männern und Frauen herangewachsen sind, an der Spitze der jüdischen Gemeinde stehen und es für ihre Pflicht halten, die Kosten der Schule jetzt auf sich zu nehmen. In der Tat werden heute die Schullasten, abgesehen vom Gehalt der Direktoren, sämtlich von der Gemeinde getragen. Auch ließ diese Gemeinde aus ihren eigenen Mitteln ein prachtvolles und geräumiges Schulgebäude errichten, dessen Einweihung in voriger Woche unter großer Feierlichkeit im Beisein aller Lokalbehörden stattfand. In solchem Tun liegt der beste Beweis dafür, daß diese marokkanische Gemeinde einer neuen Aera entgegengeht, daß sie sich kulturell allmählich den Gemeinden des Westens gleichstellen, und daß sie segensreichen Einfluß auf die übrigen Gemeinden Marokkos ausüben wird. — Ziel und Zweck der Allianz ist es, in den Gemeinden das lebendige Bewußtsein zu wecken, daß die Unterrichtsfürsorge ihre höchste Aufgabe Ist dies erreicht, sind einmal die Gemeinden, wie es in Tange,, der Fall ist, sozusagen mündig geworden und zu selbständiger Lebensführung fähig, so überläßt ihnen die Allianz die Verwaltung ihrer Unterrichtsanstalten, um ihr Kulturwerk in weniger begünstigten und geistig zurückstehenden Gemeinden fortzusetzen, d. h. neu zu beginnen. London. 16. November. (Protestversammlung gegen Einwanderung.) Am Dienstag hat im Volkspalast eine große Versammlung stattgefunden, die von der britischen Bruderliga einberufen und gegen die Mißstände der übermäßigen Einwanderung zu protestieren bestimmt war. Die von 4000 Personen, Männern und Frauen, besuchte Versammlung verlief bedeutend ruhiger als die vor zwei Jahren in demselben Saal und zu demselben Zweck einberufene. Nach einer ziemlich inhaltlosen Ansprache wurde folgende Resolution eingebracht und nach einiger Diskussion einstimmig angenommen. „Die Versammlung begrüßt mit der größten Befriedigung die von der Majorität der königlichen Kommission empfohlene Einschränkung und Regelung der Fremdeneinwanderung und ersucht die Regierung, bei der nächstmöglichen Gelegenheit in der bevorstehenden Parlamentssession einen diesen Empfehlungen sich anschließenden Gesetzentwurf einzubringen. Eine Abschrift dieser Resolution ist dem Premierminister zu übermitteln." Eine zweite Resolution spricht dem Parlamentsmitglied Major Evans-Gordon den herzlichen Dank der Versammlung für die großen Dienste aus, die er als Mitglied der königlichen Einwanderungskommission geleistet, und beglückwünscht ihn zu dem Sieg, den er dem englischen Volk im Ostend erfochten. Alle Redner betonen nachdrücklich, daß ihre Gegnerschaft gegen übermäßige Einwanderung' keinerlei parteipolitische oder konfessionelle Beweggründe habe. Besonders energisch spricht dies Major Evans-Gordon aus, der mit großem Jubel begrüßt wird. Er r