Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 669 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 669. jüdischen Strafgefangenen (Dr. Prager - Kassel). 6. Wahl eines Vertreters für den Ausschuß zur Beratung der Gesamtorganisation der deutschen Juden. 7. Beitrag des Rabbiner- Verbandes zu den Ausgaben des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels (Dr. Werner-München). Kerlin, 15. November. (Mädchenstift.) Das Jüdische Mädchenstift zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen für den Dienstbotenberuf nimmt für die zum 1. Januar frei werdenden Stellen schon jetzt Anmeldungen, die an den Vorsitzenden Dr. Strelitz, Schönhauser Allee 162, zu richten sind, entgegen. Dessau, 15. November. (Die Nachlassenschaft der Baronin Cohn.) Allmählich gelangen bestimmte Nachrichten darüber in die Oeffentlichkeit, wie die aus dem Nachlaß der Baronin v. Cohn-Oppenheim der Stadt Dessau überwiesenen fünf Millionen Mark verwendet werden sollen. Schon bei Lebzeiten hatte die Stifterin die allgemeine Bestimmung getroffen, daß die Zinsen nur zur Förderung allgemeiner Wohlfahrtseinrichtungen ohne Unterschied der Konfession aufgebraucht werden sollen. Eine Entlastung von Steuern sollte nicht herbeigeführt werden, da hieraus nur die reichen Leute Vorteil gezogen hätten. Dennoch sind zwei Steuereinheiten Nachgelassen worden. In einer Bürgervereinsversammlung gab Stadtverordneter Dr. Cohn über die Wirkung der Stiftung folgenden Aufschluß: Für die Unterhaltung des von Baron Cohn gestifteten und mit einer Million Kapital ausgestatteten Armenstiftes werden jährlich 24 000 Mark gegeben. Dem Kuratorium der Handwerker- und Kunstgewerbeschule wurden 14 000 Mark zugewiesen. Für die Errichtung eines nach dem Herzog benannten Friedrichswaisenhauses wurden 10 000 Mark deponiert; für '^ecke des Arbeitsnachweises sollen jährlich 15 000 Mark ver- ^n^rdet werden: man habe dabei die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit im Auge behalten. Es wurden weiter zugedacht: der städtischen Kleinkinderschule, sowie den anderen städtischen Instituten ein Zuschuß von 5000 Mark; der Stadt eine Summe für einen Desinfektionsapparat im Falle einer Epidemie; der Stadtverwaltung 2000 Mark; der Herzogin eine Summe von 5000 Mark zur Verwendung für gute Zwecke; 5000 Mark zur Kräftigung der Jugend in den Ferienkolonien; der Volksküche jährlich 2000 Mk.; der Krippe 2000 Mk.; den grauen und Evangelischen Schwestern je 500 Mk.; 500 Mk. zur Kräftigung von bedürftigen Rekonvaleszenten; der städtischen öffentlichenBibliothek und Lesehalle 7000 Mark; eine Summe den durch die Armenkasse Unterstützten; zur Errichtung von Rekonvaleszentenstätten iim Wald 12 000 Mark; dem Elisabethhaus (evangelisches Mädchenheim) 1000 Mark; für Wöchnerinnenpflege und sonstige Zwecke 4000 Mark; für die Interessen zur Hebung der Gesundheitspflege der Jugend 5000 Mark; dem Lehrerinnenheim 1500 Mark; 2000 Mark als Stiftung für junge Kaufleute, Handwerker, Meisterkurse u. s. w.; mit einer Beihilfe von 5000 Mark soll ein Krematorium errichtet werden; mit 5000 Mark soll der Gartenbauverein die Jugenderziehung fördern. Ueber die Erbschaft der jüdischen Gemeinde sind auch schon umfassende Dispositionen getroffen worden. Das anhaltische Staatsministerium, das auch die Aufsicht über die der jüdischen Gemeinde zugefallenen fünf Millionen hat, wünscht, daß die Zinsen ebenfalls ohne Unterschied der Konfession verwendet würden. Noch schweben Verhandlungen zwischen Gemeinde und Ministerium hierüber. Selbstverständlich kann der eben erwähnte Wunsch einen Anspruch auf Berücksichtigung erst haben, nachdem evangelische oder katholische Gemeinden mit dem Beispiel der Verwendung ihres Vermögens zu interkonfessionellen Zwecken vorangegangen sein werden. Köln, 15. November. (Vom Israelitischen Asyl.) Das Preisgericht für den Wettbewerb zur Errichtung eines Krankenhauses und einer Alterversorgungsanstalt nebst Nebenanlagen für das Israelitische Asyl für Kranke nnd Altersschwache in Köln hat den ersten Preis im Betrage von 3000 Mark dem Architekten Wilhelm Winkler in Charlottenburg zuerkannt, und drei Preise dritter Klasse im Betrage von je 1000 Mark den Architekten Alfred Ludwig in Leipzig, H. Weßkaluys in Saarbrücken und Arthur Werner in Leipzig- Connewitz. Gleiwih, 16. November. (Die Einweihung des neuen Friedhofs.) Zahlreiche Teilnehmer versammelten sich gestern vormittag, um an der Feier der Einweihung des neuen jüdischen Friedhofes am Stadtwald teilzunehmen. Als Vertreter des Magistrats erschienen Erster Bürgermeister Mentzel, Bürgermeister Miethe und Stadtrat Rawitz, die Stadtverordneten vertrat der Vorsteher Neumann und Warlo. Pünktlich um 10 Uhr leitete Gesang die Feier ein Dann ergriff Architekt Fleischer aus Wien, der die Pläne für den Bau entworfen und die Leitung des Baues übernommen hat, das Wort. Es hätten sich große Schwierigkeiten entgegengestellt, als man ihn berief, um der Gemeinde bei der Anlegung dieser Stätte der ewigen Ruhe und des ewigen Friedens behilflich zu sein. Wenn ihm nach Abänderung des eigentlichen Bauplanes und nach Ueberwindung aller der anderen Schwierigkeiten möglich geworden, ein Werk zu errichten, das für die verschiedenartigen Funktionen und Zeremonien seinen Zweck erfülle, der Gemeinde zur Ehre und der Stadt zur Zierde gereiche, so danke er hierfür in erster Linie dem allmächtigen Weltbaumeister, unter dessen Schutz der Bau emporwachsen durfte, ohne irgend einen ernsten Unfall; so habe er aber ferner dem Gemeindevorstand, den Gemeinderepräsentanten und allen denen, die bei der Ausführung des Baues behilflich waren, in erster Linie seinem Vertreter Architekt Johann Miedel und den Bautechnikern Andreas Holzenpfeil und Oskar Stanjura, zu danken. Er übergibt das Gebäude mit dem Wunsch, daß die Benutzung der Gemeinde noch recht lange erspart bleiben möge. Rechtsanwalt Schüller hält es als Vorsteher der Synagogen- Gemeinde für angebracht, heute an dieser Stätte einen kurzen Blick rückwärts zu werfen. Als man vor Jahrzehnten mit dem Bau des Gotteshauses zugleich einen Friedhof anlegte, glaubte man für lange Zeit vorgesorgt zu haben. Aber mit dem schnellen Wachsen der Stadt Gleiwitz <nahm auch die Gemeinde schnell zu und dementsprechend hielt auch der Tod eine reiche Ernte, so daß gar bald Stimmen laut wurden, die auf die Unzulänglichkeit des bisherigen Friedhofes hinwiesen und für Errichtung eines neuen, Sammlungen veranstalteten. Wenn jetzt ein Bauwerk errichtet sei, das, von einem ausgezeichneten Meister ausgeführt und entworfen, eine Zierde sei, so danke er allen, die daran mitgewirkt; in erster Linie den städtischen Behörden, die den Grund und Boden zur Verfügung stellten, dem Meister, den Architekten, den Bauleuten, den Mitgliedern des Friedhofsausschusses, den Gemeindevertretern, der Gemeinde und nicht zum mindesten denen, die sich so gern in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt haben, den Mitgliedern des Beerdigungsvereins. Er übernimmt den Friedhof und hofft, daß er ein Hort des Friedens für die Dahingeschiedenen sein möge, die hier ihren Frieden finden, ein Hort des Friedens für die Lebenden, die hier losgelöst von dem Hasten und Treiben des Alltagslebens ausruhen, und ein Hort der Gottesverehrung: im wahren Sinn ein Friedhof und ein Gottesacker. Nach abermaligem Gesang ergriff Rabbiner Dr. Münz das Wort. Er wies darauf hin, daß die Fülle der Gedanken und