Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 671 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 671. mißt die Schuld an dem plötzlichen Einwandererzufluß verschiedenen ausländischen Regierungen bei, die durch Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit ganze Bevölkerungsklassen aus der Heimat verjagen. Er bekämpft die Einwanderer nicht, weil sie Fremdbürtige sind oder einem anderen Glauben angehören, er verachtet Jeden, der diesen Standpunkt einnimmt, der für einen chinesischen Mandarin oder für die spanische Inquisition gut genug ist. Niemand könne aufrichtiger und herzlicher die Greuel von Kischinew und Hömel beklagen, und er nehme gern die Gelegenheit wahr, öffentlich seinen Dank und seine Anerkennung für die Liebenswürdigkeit und Höflichkeit auszusprechen, mit der ihn die Angehörigen jenes verfolgten Volkes auf seinen Reisen in den östlichen Ländern ausgenommen haben. Aber das verhindere ihn nicht, die Mißstände im eigenen Land zu sehen, und da das Hemd uns näher ist als der Rock, müssen wir versuchen, die Einwanderung so zu regulieren, daß unsere heimische Bevölkerung möglichst vor Schaden bewahrt wird. Mit einer energischen Verurteilung des Antisemitismus schließt der Redner die mit großem Beifall aufgenommene Rede. Die Absingung der Nationalhymne bildet den Schluß der Protestversammlung. Kaltimore, 5. November. (Der letzte Wille des verstorbenen Rabbiners Dr. Marcus Jastrow.) Der verstorbene Rabbiner Dr. Jastrow hat Anordnungen für seine Beerdigung hinterlassen, die auch für weitere Kreise von großem Interesse sind. Es heißt darin: „Es ist mein Wunsch, daß meine Beerdigung in der einfachsten Weise und mit dem geringst möglichen Kostenaufwand erfolgt. Nur zwei bis drei Wagen sollen zur Aufnahme meiner Angehörigen und der Bahrtuch- Träger bestellt werden. Wenn sonst noch Jemand den Wunsch ^^mir seine Achtung und meinen Lieben Sympathie zu befo mögen diese Freunde sich für weniges Geld eine erMne Fahrgelegenheit besorgen. Ich wünsche in einem großen weißen Leichentuch begraben zu sein. Bei meiner Beerdigung sollen nur die rituellen Gebete verlesen werden. Weder Predigt noch Ansprache soll gehalten, nur mein letzter Wille zur Erklärung dieser Tatsache angeführt werden. Diese Wünsche spreche ich aus, um ein Beispiel von Einfachheit gegenüber der jetzt bei Beerdigungen üblichen übertriebenen Prunkliebe zu geben, die oft eine drückende Last für solche Leute bildet, die des äußercn Anscheins wegen über ihre Verhältnisse gehen müssen. Aus demselben Grund wünsche ich auch keine Leichenrede. Für Tröstung und religiöse Erbauung können unsere alten Gebete und Psalmen nicht übertroffen werden, und eine individuelle Ansprache kann die Gelegenheit nicht feierlicher machen. Nach dem heutigen Gebrauch ist die Leichenrede zu einem förmlichen Lobgesang geworden, und selbst wo der Prediger bemüht ist, die Grenzen der Wahrheit nicht zu überschreiten, wird das Publikum voraussetzen, daß die Rede dem Reichtum und der sogenannten sozialen Stellung des Verstorbenen gilt. Es gibt auch Prediger, deren Uebertreibungen den denkenden Hörern die Schamröte ins Gesicht treiben." Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Unter den Auszeichnungen, die der König von England an seinem Geburtstag verliehen hat, sind auch verschiedene an hervorragende Juden verteilt worden. Das Parlamentsmitglied Harry S. Samuel und Mr Nathaniel Nathan sind in den Ritterstand erhoben worden, und Arthur David Sassoon hat die 4. Klaffe des Viktoria-Ordens erhalten. — Der Seniorrabbiner der Berkeleystreet-Synagoge in London, Professor Dr. Marks, wird am 22. November den 93. Geburtstag feiern. Der verehrte Rabbiner befindet sich in bester Gesundheit. — In der Stadt Haifa in Palästina sind Fälle von asiatischer Cholera vorgekommen; die von dort nach anderen türkischen Häfen des Mittelmeers kommenden Schiffe müssen sich einer fünftätigen Quarantäne unterziehen. Die Provinz Jerusalem einschließlich der Stadt Bethlehem ist für cholerafrei erklärt worden. — Vakanzen. Berlin. Sem. geb. K. Meld. an Vorst. - Friedeberg N.-M. Sem. geb. Rel.-L., K, Sch., 1350 M. Geh. Meld. an Herrn Sally Maaß. — Schwiebus. Gepr. Rel -L., K, Sch, 1500 M. Eink. Meld. an Herrn Lewin Silberstein. - Hünfeld. El.-L. u. K., 1200 M. Geh., 130 M. Alterszul., fr. W, 300—400 M. Nebeneink. Meld. an Borst, in Fulda. - Grabow i. Posen. Rel.-L., K., Balk., Sch., 1000 M. Geh., 200 M. Nebeneink. Meld. an Herrn S. Speten. — Zürich. Unterl. u. Gefl.-Sch, 1200—1600 Francs Geh. Meld. an Israel. Rel.-Gesellschaft. Feuilleton. Ei» ftaufttlebnt. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) „Dann würdest du wohl nicht mit mir hinüberrudern wollen nach Robinson Eiland?" „Aber gewiß!" rief das Mädchen voll Vertrauen zu ihrem Märchenprinzen; außerdem brannte sie darauf, diesen interessanten Fleck Erde in der Nähe zu sehen. Alfred machte ein Boot los, ein Kanoe, wie er es bedeutungsvoll nannte; nach zehn mäßigen Schlägen landeten sie bei Robinson Eiland. Der Pavillon, der, wie kundige Thebaner behaupten, aus des Fürsten etwas lustiger Junggesellenzeit stammte, hatte aus den Tagen seines Glanzes ein kleines, aber sehr hübsches Rokokomobiliar aufzuweisen, einen Tisch mit Schiebladen, in dem, wie Alfred seiner Begleiterin gleich beim Eintritt anvertraute, er seine Pistolen und zwei Dolche verwahrte, eine silberbeschlagene Truhe und einen Divan, dessen seidengeblümter Ueberzug Postel so kostbar erschien, daß sie kaum wagte, sich darauf niederzulassen. „Ach, sitz nur", ermunterte der junge Wirt, „ungeniert! Ich liege hier immer lang. Aber du wirst Hunger haben. Zum Glück hat Freitag mein Vespermahl schon hergebracht." Er nahm eine Schüssel mit großen Gartenerdbeeren und Biskuits vom Tisch und nötigte Postel tapfer zuzulangen. „Freitag ist nämlich mein Sklave, sonst heißt er James und ist Mamas Groom. Es darf bei Todesstrafe niemand, wenn ich hier bin, diesen Raum betreten. Das ist mein Reich!" Postel hörte mit andächtiger Bewunderung zu. Dann wagte sie bescheiden die Frage, was der junge Held hier treibe? „Ich angle, ich schieße Wasserhühner und erwarte die Wilden: sie trauen sich aber leider nicht hierher. Meistens aber —" Alfred war ein viel zu ehrlicher Junge, um lange flunkern zu können — „meistens mache ich hier meine häuslichen Aufgaben." Dann saßen die Kinder nebeneinander und erzählten sich aus ihrem jungen Leben. „An deiner Stelle", meinte Alfred, „würde ich dem Stiefvater, wenn er mich ungerecht behandelt, gehörig meine Meinung sagen". „Ja du bist ein Mann!" Sie hätte es nicht raffinierter anstellen können, das Herz des jungen Gräfleins zu fangen. —