Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 667 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 667. Bericht über die Landtagswahlen in Nassau, insbesondere auch in Frankfurt a. M. Da wird erzählt, daß die Freisinnsdemokraten gesiegt haben. Dann heißt es weiter: „Natürlich ist die Frankfurter Sonnemannokratie jetzt Mansche oben ob dieses Wahlsieges." Mansche oben! In der Tat, so steht es im sozialdemokratischen „Vorwärts". Daneben wird gegen ,>die reichen Geldmänner, die Börsenjobber usw." geeifert. Wir gratulieren dem Blatt, das im Verlage Singer & Co. erscheint, zu der Bereicherung des politischen Sprachschatzes. Wenn „Mausche oben" Herr Kopsch gesagt hätte! Manche, die das Bündnis mit der Sozialdemokratie befürworteten, wärerl dann einig gewesen, daß die Freisinnige Volkspartei unter Richters Führung total antisemitisch verseucht ist, auch v. in sie vier Juden Landtagsmandate verschafft hat! Mit der antisemitischen Vergangenheit des Herrn v. Gerlach und dem noch heute nicht verleugneten gesellschaftlichen Antisemitismus des Herrn Naumann — ja, Bauer, das ist ganz was anderes! Und vollends die Sozialdemokratie bleibt immer — Mausche oben!" Wie wir die vielumstrittene Aeußerung des Herrn Kopsch auffassen, haben wir früher schon gesagt. Herr Kopsch ist sicher kein Antisemit. Davon kann nicht die Rede sein. Er hat nur früher in Uebereinstimmung mit der Leitung der Freisinnigen Volkspartei den vorausgesetzten antisemitischen Strömungen gegenüber eine Fügsamkeit gezeigt, die wir von unserem Standpunkt aus nicht billigen können. Was aber den Ton der jüdischen Sozialdemokraten betrifft, so richtet er sich selbst; er ist wohl auch dazu angetan, manchem die Augen zu öffnen. * * * (Das Blutmärchen auf der Postkarte.) Das Zirkular eines Münchener Kunstateliers, durch das den Händlern mit Ansichtskarten eine solche Karte mit der Darstellung eines jüdischen „Ritualmordes" nach einem alten Kupferstich angeboten wurde, ist, wie wir gemeldet haben, von der Münchener Staatsanwaltschaft zum Gegenstand einer strafgerichtlichen Untersuchung gegen jenes Münchener Atelier gemacht worden. Zugleich wurde u Oesterreich die weitere Verbreitung dieser Zirkulare durch Beschlüsse der Landesgerichte von Wien und Prag verboten. Die Zirkulare sind von München aus in großer Zahl besonders nach Tirol versendet worden, und gerade dort können solche aufreizende Darstellungen leicht eine gefährliche Wirkung auf die Landbevölkerung ausüben. Tirol ist übrigens auf den Import aus München gar nicht angewiesen, sondern besitzt schon seit längerer Zeit seine eigene heimische Produktion von Ritualmordpostkarten. Im Verlag von A. Czichna in Innsbruck ist eine Karte erschienen, die mit der bildlichen Darstellung des Blutmärchens von dem Ritualmord versehen ist, der am 10. Juli 1462 an dem heiligen Ander! von Rinn verübt worden sein soll. Dieser Ritualmord ist in der Kirche von Rinn durch eine Gruppe lebensgroßer geschnitzter Holzfiguren dargestellt; die Postkarten zeigen die Photographien dieser Gruppe, die sich in einem Seitenschiff der Kirche befindet. Vor der Kirche liege ein Steinbock, auf dem der Sage nach der Knabe ermordet worden sein soll. Man ersieht daraus, daß in Tirol seit jeher für die Verbreitung des Blutmärchens unter der Bevölkerung gesorgt worden ist. * * * (Präsident Roosevelt über die Einwanderungsfrage.) Der Präsident der Vereinigten Staaten hat sich zu einem Korrespondenten der „Neuen Freien Presse" über die Einwanderungsfrage in folgender Weise geäußert: „Meine Haltung in dieser Angelegenheit ist vielfach mißverstanden worden. Schon die Zusammensetzung meines Blutes würde mir verbieten, ein Nativist zu sein. In meinen Adern rollt holländisches, schottisches, irisches, deutsches und Hugenottenblut. Ich weiß genau, was unser Land den Einwanderern schuldet. Was ich verhüten möchte, ist nur der Zuzug von Elementen, die unsere Erwerbsbedingungen drücken müssen und so unserem wirtschaftlichen Aufschwünge hinderlich sind. Nehmen Sie die Einwanderung aus Ihrer Monarchie. Ich würde es mit Freuden sehen, wenn Ihre Landsleute als Farmer und Farmarbeiter nach dem Innern gehen wollten. Wir können niemals genug solche Hilfskräfte bekommen. Aber sie siedeln sich mit Vorliebe in den Minendistrikten an, wo sie durch ihre größere Genügsamkeit die schwerste Arbeit zu den geringsten Preisen auf sich nehmen und so eine ständige Gefahr für die durchaus löblichen Absichten der Arbeiter bilden, sich für ihre Tätigkeit volle Löhne zu sichern. Ich habe es noch von meiner Tätigkeit als Polizeikommissär in Newyork her in Erinnerung, wie beispielsweise bei der Kleiderindustrie, die zum größten Teil in den Händen von Galizianern und Rumänen liegt, schon die kleinste Lohnerhöhung genügt hat, um so starken Zuzug durch Einwanderung herbeizuführen, daß dadurch eine Reduktion neuerlich möglich wurde. Dagegen bin ich entschieden, wenn Sie wollen, auch im Interesse der Einwanderer selbst, die wenn sie schon alles aufgeben, wenigstens günstige und gesicherte Lebensmöglichkeiten hier vorfinden sollen. Auch möchte ich Elemente fern halten, die gar keine Sicherheit dafür bieten, daß sie, wenigstens in einer späteren Generation, gute amerikanische Bürger abgeben können. Ich ziehe die Grenzen meiner Anforderungen ohnedies weit. Ich möchte sagen, jeder Einwanderer ist mir willkommen, dessen Enkel so gute Bürger werden können, als ich es von meinen eigenen erhoffe." * * (Herr v. Plehwe und die Mandschurei.) In diesen Tagen weilte einer der Eigentümer des „Daily Telegraph", Herr Wolf, in St. Petersburg. Wie erzählt wird, war der Hauptzweck seiner Reife nach Rußland der Wunsch, sich mit der Lage der russischen Juden und mit der Stimmung der russischen Regierung gegen ihre jüdischen Untertanen bekanntzumachen. Am 25. Oktober wurde Herr Wolf von dem Minister des Innern, Herrn v. Plehwe, empfangen, und er hatte mit ihm eine längere Unterredung. Wie zu erwarten war, bemühte sich der russische Minister, den englischen Journalisten zu überzeugen, daß die Beziehungen der russischen Regierung zu den Juden die allerhumansten seien, und er wies besonders darauf hin, daß er persönlich keinerlei feindliche Gefühle gegen seine Mitbürger jüdischen Glaubens hege; im Gegenteil strebe er danach, ihre Lage zu erleichtern, zu welchem Zweck in dem ihm unterstellten Ministerium entsprechende Projekte bereits ausgearbeitet würden. Auf die Entgegnung Herrn Wolfs, daß die große Masse der jüdischen Bevölkerung sich in einer traurigen Lage und in vollständiger Rechtlosigkeit befinde, antwortete Herr v. Plehwe, daß die Rechtsbeschränkungen durch die Notwendigkeit hervorgerufen würden, und daß für die Juden der beste Ausweg — die Auswanderung sei. Herr Wolf zweifelte an der Wirksamkeit dieser Maßregel und bemerkte, daß Rußland, wenn es die Juden zur Auswanderung in andere Länder zwinge, sich eine Menge Feinde im Auslande schaffe. Davon habe Rußland sich unlängst überzeugen können, als das Blutbad von Kischinew eine starke Erregung der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten hervorrief, die bis dahin stets im freundschaftlichsten Verhältnis zu Rußland gestanden hätten. Indessen, so fügte Herr Wolf hinzu, ließe sich doch in Rußland genügend Raum für alle russischen Untertanen finden, z. B. sei