Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 666 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 666. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Vorfahren und Angehörigen die Einrichtungen jüdischen Gemeindewesens zugute kamen, sich ablehnend verhalten, weil sie für religiöse Zwecke „grundsätzliche nichts tun. Ob solche Leute wohl für wohltätige Zwecke, wie Krankenhäuser, Armenunterstützungen rc. offene Hand haben? A L Die Politik. (Verdienter Segen.) Dem jüdischen nationalen Gesinnungs-Korrigenden-Verein erteilt die „Kreuzzeitung" nachstehenden Segen: „Die neulich erwähnte Vereinigung deutsch-nationaler Juden hat sich inzwischen in aller Form gebildet, und ihr Programm in der „Toleranz" veröffentlicht. Wenn wir heute wiederholen, was wir vor kurzem gesagt, — daß wir diesem Vorgang gegenüber aus naheliegenden Gründen gewisse Vorbehalte machen, uns nur durch die Tat, nicht durch bloße Worte in unserem Urteil bestimmen lassen müßten — so kann uns das nicht hindern, zuzugeben, daß der von den Urhebern erlassene Aufruf in seiner bestimmten, klaren, unzweideutigen Fassung einen günstigen Eindruck macht; ganz wie die Haltung der „Toleranz" selbst, der wir schon wiederholt unsere Anerkennung ausgesprochen haben. Die Mitglieder der Vereinigung wollen nicht etwa nach liberalem Rezept ihre Eigenart aufgeben und sich mit den Deutschen verschmelzen, sondern bleiben, was sie sind, zugleich aber im politischen Sinn überall für das deutsch-nationale Interesse eintreten und keine andere Fahne Hochhalten, als die schwarz-weiß-rote des Reiches. Damit glauben sie der Sache des Judentums am besten zu dienen und das sicherste Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus in allen seinen Formen gefunden zu haben. Wenn ihre Bestrebungen ehrlich gemeint sind, was wir bis zum Beweise des Gegenteils annehmen wollen, ohne uns blinder Vertrauensseligkeit hinzugeben, — so werden sie bei ihren andersdenkenden Stammesgenossen auf größere Schwierigkeiten stoßen, als bei den national denkenden Deutschen. Schon jetzt lassen sich unter den Juden deutlich zwei Strömungen erkennen, mit denen die neue Vereinigung einen harten Strauß wird ausfechten müssen — die internationale und die sogenannte jüdisch-nationale der Zionisten, die sich untereinander zwar heftig befehden, von deutsch-nationalen Bestrebungen aber erst recht nichts wissen wollen. Einstweilen ist die internationale Strömung den beiden anderen noch dermaßen überlegen, daß sie in der Oeffentlichkeit und namentlich in der Presse ihr gegenüber fast verschwinden, und nur vorübergehend zur Geltung kommen, wie z. B. beim letzten Zionistenkongreß in Basel, von dem eine zeitlang viel gesprochen wurde. Jetzt aber tun die großjüdischen Organe wieder, als ob nichts vorhanden wäre, und ebenso werden sie es jedenfalls mit der „Vereinigung deutsch-nationaler Juden" machen. Totschweigen, so lange es irgend geht — das ist von jeher ihr Lieblingsmittel im Kampf mit allen, wie immer gearteten Gegnern gewesen, und man muß zugeben, daß die Erfahrung vielfach für diese Taktik spricht, die sich auch dadurch empfiehlt, daß diese Kampfesweise nur sehr geringe geistige Anstrengungen erfordert, und zu der Befähigung der gewöhnlichsten „Tintenkulis" paßt. Dieser gewaltigen Macht stiller Verneinung gegenüber wird die neue Vereinigung, wie schon gesagt, einen noch schwereren Stand haben: als im Ringen mit dem Fanatismus der Zionisten. Man darf gespannt sein, ob und in welchem Maße sie sich unter diesen Umständen wird behaupten und weiter entwickeln können, um sich zu einem ernsthaft zu nehmenden Faktor zu gestalten. Bis jetzt liegen nur kleine Anfänge vor, auf die das Wort des \ Dichters vielleicht paßt: „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht". Wir wollen es nicht wünschen." Die also Gesegneten wird es bei dieser Anerkennung — deren Ton etwa dem eines wohlwollenden Zuchthausdirektors gegenüber seinen Zuchtbefohlenen entspricht — heiß und kalt überlaufen. Sie haben aber nichts besseres verdient. * * * (Die feindlichen Brüder.) Bei den jüngsten Ergänzungswahlen zum badischen Landtag haben die Konservativen ihren einzigen Sitz in der zweiten Kammer eingebüßt. Die Antisemiten sind es gewesen, die bei der Stichwahl dem sozialdemokratischen Mandatsbewerber die Mehrheit verschafft haben. Darüber klagt die „Kreuzzeitung" beweglich wie folgt: „Antisemiten, die unter der Flagge des Bundes der Landwirte kämpfen, sind uns bei diesem Anlaß schmählich in den Rücken gefallen, und haben damit jeden Anspruch auf politische Achtung verwirkt. Zunächst mag dieses Urteil nur im begrenzten Sinn gelten, d. h. sich auf die unmittelbar Beteiligen beziehen, für deren Handlungsweise wir ihre Partei nicht unmittelbar verantwortlich machen möchten. Wir hoffen aber, daß sie nicht zögern wird, sich gegen jede Gemeinschaft mit diesen Leuten zu verwahren, und dem in der ungeschminktesten Weise Ausdruck zu geben, weil sie sonst kein Recht mehr hätte, sich als Vertreter einer besonders vorgeschrittenen nationalen Richtung zu bezeichnen, wie sie das im Parlament und außerhalb desselben zu tun gewohnt ist. Von mildernden Umständen kann in diesem Falle keine Rede sein, weil es sich nicht etwa um einen Freisinnigen, sondern um einen Sozialdemokraten handelt — um diejenige Partei mithin, die die Antisemiten stets mit dem größten Nachdruck für ihre Todfeindin erklärt, mit der sie sich pro grammäßig unter keinen Um-. ständen will verständigen können. Wir dürfen sie also beim Wort nehmen und verlangen, daß sie sich über die Lage im Karlsruher Landkreise in unzweideutiger Weise äußert. Nicht nur uns ist sie das schuldig, sondern vor allem sich selber — ihrem eigenen nationalen und politischen Ruf; denn sie kann sich wohl denken, wie das Verhalten ihrer Gesinnungsgenossen nicht nur rechts, sondern auch links beurteilt und ausgebeutet werden würde, wenn sie nicht durch einen raschen und entschlossenen Schritt die schuldige Gesellschaft von sich abzuschütteln wagte, sondern eine schwächliche Rücksichtnahme übte, wie sie im politischen Leben allerdings nicht selten ist." * * Euer Drohen hat keine Schrecken! — werden die Antisemiten antworten. Die konservative Gesellschaft, die so von allem Verstand verlassen ist, daß sie sich auf den Antisemitismus, l( diese Abart des Anarchismus, stützt, wird von den Stützen ' nur nach Verdienst mißbraucht und dann ausgelacht. Die „Kreuzzeitung" will dem Antisemitismus die Vertretung „besonders fortgeschrittener nationaler Richtung" zuerkennen, und auch darin ist sie im Irrtum: Der Antisemitismus, der sich nationalistisch gebärdet, ist international, wie das Verbrechen selbst. * * * (Par nobile fratrum.) Die „Vossische Zeitung" schreibt: *al „Gegen den Abgeordneten Kopsch ist ein förmliches Kesseletreiben veranstaltet worden, weil er vor fünf Jahren eine antiai semitische Aeußerung getan haben soll, obwohl auch diejenigen, 'er die diese Aeußerung verbreiten, unumwunden zugeben, daß Herr g' Kopsch kein Antisemit, vielmehr dem Antisemitismus nachdrücklich st entgegengetreten ist. Jetzt lesen wir im „Vorwärts", dem Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, einen to'