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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-20 · 47 (20.11.1903) · p. Seite 664

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 664 (sequence 4)
Language
German
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7 Seite 664. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. läufig auf Palästina zu verzichten und sich mit der Auswanderung nach dem neuen gelobten Land zufrieden zu geben. Angesichts dieser Agitation wird es, glaube ich, nicht ohne Interesse und Vorteil sein, wenn ich Ihnen etwas Näheres über das Projekt mitteile und so viel Einzelheiten über das Land selbst, wie sie vorläufig zu erfahren sind. ' Der 6. Kongreß hatte absolut keine Vorstellung oder Kenntnis von dem angebotenen Land und sollte der Frage einer Niederlassung in irgend einer englischen geographischen Lage näher treten. Selbst jetzt noch sind englische Staatsbeamte und Gouverneure, die Jahresberichte nach der Heimat liefern, ängstlich bemüht,- daß ihre Berichte nicht in ein falsches Fach eingereiht werden und für solche aus Uganda oder Zentralafrika oder aus irgend einer anderen Besitzung kommenden angesehen werden. Ich bin bemüht gewesen, solchen Irrtum zu vermeiden und werde Ihnen bloß mitteilen, was aus zuverlässigen amtlichen Quellen Jedermann zugänglich ist. Es sind dies die beiden Berichte der königlichen Kommission über das Ostafrika-Schutzgebiet für 1901 und 1903 und die Berichte der Mombassa-Viktoria(Uganda)-Eisenbahngesellschaft über die Fortschritte ihrer Arbeiten in den Jahren 1901 und 1902. Alle drei Berichte sind als Parlamentsdrucksachen veröffentlicht worden. Außerdem liegt mir vor die unter deni Titel „Allgemeine Information über das Ostafrika-Schutzgebiet 1902" erschienene Schrift des Einwanderungsinformationsamtes. Der Bau der Ugandabahn war ein sehr kostspieliges Geschäft, die Terrainschwierigkeiten ungeheuer. England hat fünf oder sechs Millionen Pfund dafür ausgegeben und hat alljährlich große Summen für Unterhaltung und laufende Arbeiten daran zu wenden. Vorläufig bringt die Bahn noch keine Einnahmen, denn die Eingeborenen stehen auf der denkbar niedrigsten Stufe der Zivilisation, das Land ist noch nicht kultiviert, und die Regierung würde natürlich sehr froh sein, es sobald wie möglich von brauchbaren Ansiedlern bevölkert zu sehen. Deshalb wird die Einwanderung angeregt und begünstigt, und bei aller Hochachtung vor der Objektivität der Verfasser der oben erwähnten Parlamentsdrucksachen ist es nur natürlich, daß sie alle Vorzüge, selbst die nur vorausgesetzten, des Landes erwähnen und die ungünstigeren Züge übergehen, da die Herren den Wunsch haben, daß das Land vorwärts kommt, und da sie vom Parlament Geld dafür verlangen. Nach diesem notwendigen Vorbehalt werde ich die Blaubücher selbst sprechen lassen, werde dem Für und Wider gleichen Raum geben. Das ostafrikanische Schutzgebiet umfaßt ungefähr 350000 Quadratmeilen (englische) mit einer eingeborenen Bevölkerung von 4 Millionen und 450 Europäern und Eurasiern. Der Anbau von Kaffee und Seide hat schon begonnen, ein künftiger Handel in Sonnenblumen, Faserstoffen und Rizinuspflanzen ist vorgesehen; aber vorläufig ist noch nichts versucht, besonders nicht in betreff der für weiße Ansiedler notwendigen Nahrungsmittel, das heißt Getreide. Festgestellt ist jedenfalls, daß Kartoffeln und europäische Vegetabilien mit gutem Erfolg werden angebaut werden können. Für gewisse Jahreszeiten wären die weiten Ebenen gute Weideplätze; aber außergewöhnliche Feuchtigkeit hat unter dem importierten Vieh verderbliche Krankheiten erregt, und deshalb müssen angemessene Zuchtarten erst ausgewählt werden. Was die Gesundheit der Gegend betrifft, so entstehen die Hauptgefahren nicht aus der Temperatur, die ziemlich gemäßigt ist — die Nächte sind sogar kühl — sondern aus dem plötzlichen Witterungswechsel und den ungeheuren Regenfällen, die solid gebaute Häuser zur Notwendigkeit machen. In den Städten ist die Krankheitsgefahr durch die Schwierigkeit der Abflüsse viel größer, denn die Hochlande haben felsigen Boden mit nur dünner Auflage fruchtbarer Erde. Unter den Indiern sind vielfach Epidemien von Pest und Pocken vorgekommen und unter den Eingeborenen schleichende Krankheiten. Bestimmte Abwechslung in Regen- und Trockenzeiten ist nicht vorhanden, in den letzten sechs Jahren sind zweimal so große Trockenheiten vorgekommen, daß die Eingeborenen an Hungersnot zu leiden hatten. Deshalb findet die Verwaltungsbehörde Bewässerungsanlagen dringend nötig. Außer der Eisenbahn gibt es kein Verkehrsmittel; der Wegebau ist sehr kostspielig, weil der häufigen Überschwemmungen wegen feste Brücken gebaut werden müßten. Jetzt die zweite Frage. Wieviel Personen werden auf dem geplanten Gebiet untergebracht werden können? Das wird natürlich von der Größe des Landstrichs abhängen, den die britische Regierung nach dem Rat ihres dortigen Vertreters abzugeben bereit sein wird. Auf dem Kongreß war als wahrscheinliches Ansiedlungsgebiet erwähnt worden die Gegend zwischen Nairobi und dem Mau, das ist im Rist-Tal. Aber nach neueren Mitteilungen ist das Gebiet vielleicht ein größeres. Das ganze Rist-Tal ist 100 Meilen lang und 40 breit, enthält also im ganzen 4000 Quadratmeilen. Davon ist aber nach dem offiziellen Bericht nur der südliche Teil zum Landbau geeignet. Wir wollen also nur den südlichen Teil nehmen und anderwärts noch 2000 Quadratmeilen, so daß wir doch auf 4000 kommen. Rechnen wir hiervon die Hälfte — was nicht zu viel ist — auf Seen, Urwälder, Moräste und anderen unbebaubaren Boden, so bleiben 2000 Quadratmeilen. Wie viele Ansiedler kann der Raum aufnehmen? Nach dem Bericht der Verwaltung bekommen Ansiedler, die kein Kap'.tal haben und auf Abzahlung kaufen^.f; _ 160 Acker Land für eine Familie und das Vorkaufsrecht aus 480 Acker. Das sind auf den Ansiedler 640 Acker oder eine Quadratmeile. Eine auf dieser Basis begründete Kolonie würde für 2000 Heimstätten resp. Familien Raum haben. Nehmen wir nun fünf jüdische Ansiedler auf demselben Platz an, der für einen englischen berechnet ist, so steigt die Zahl auf 10000 Heimstätten. Rechnen wir den Hausstand zu fünf Personen, so bekommen wir 50000 Seelen, und fügen wir zu dieser Zahl noch Handelsleute, Handwerker, Beamte, Polizei und Militär, so werden es höchstens 70000. Ich weiß, daß diese Rechnung Denen nicht gefallen wird, die von der künftigen Ansiedelung als von einem neuen Vaterlande reden, und ich will mich nicht auf die Illusionen Jener einlassen, die erwarten, daß man uns mehrere Provinzen zur Verfügung stellen wird. Jedenfalls aber nehme ich an, daß keine Ortsverwaltung uns Land geben wird, das schon bewohnt ist und von Eingeborenen als Eigentum reklamiert wird, sondern nur dort, wo die Eingeborenen dünn gesät sind, also im Rist-Tal und auf den Athi-Ebenen, für die ich eben meine Berechnungen aufgestellt habe. Uebrigens sind 4000 Quadratmeilen jungfräulichen Bodens groß genug für einen Versuch, denn je größer das Gebiet, desto größer das erforderliche Kapital. Hier muß ich mich auf eine Stelle im offiziellen Bericht des Einwanderungsamtes berufen, in der gesagt wird, daß „das Hochland zwar zur Ansiedelung von Landwirtschaft treibenden Europäern geeignet, aber gegenwärtig durch das vollständige Fehlen von Industriezentren für solche Personen nicht gemacht ist, die ohne Vorkenntnis in tropischem Landbau Herkommen, ein Vermögen verdienen und wieder heimkehren wollen. Nur solche Leute haben Aussicht auf Erfolg, die mit Verständnis

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