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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. Seite 658

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 658 (sequence 14)
Language
German
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Seite 658. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. „In deine Gartenwirtschaft?" höhnte die Schwägerin. „Außerdem würdest du sie höchst unvernünftig verwöhnen. Posthuma ist eigenwillig, und wenn sie heftig wird — ich habe solch eine Wut bei einem Kind noch nie gesehen/' „Aber", warf Emil ein, „für ein gutes Wort kann man sie um den Finger wickeln, und sie hat herrliche Anlagen." „Eben darum gehört sie in verständige Hände!" Am andern Tage fragte Röschen ihre Nichte: „Möchtest du wohl für immer bei uns bleiben?" Postel errötete, diesmal vor Vergnügen. „Immer bei dir, Tante? Und bei den Onkels? Und den Jungens?" Sie war im Begriff, Röschen an den Hals zu springen; mit einem Mal bezwang sie sich und hielt ein. „Es geht doch nicht", sagte sie gepreßt, „ach nein, ich will nicht." „Warum wieder nicht, launisches Ding? Du wolltest doch eben?" „Da müßte ich ja meine Mutter verlassen und Lily und Lotte; ich habe doch Mama schrecklich lieb, und auch die Kinder, und", fügte sie zögernd hinzu, „auch den Papa." Röschen ärgerte sich und fragte streng: „Ist das auch wahr, Posthuma?" „Freilich, Tante. Sieh mal, ich muß ihm schon gut sein, er ist nun mal der Papa meiner kleinen Schwestern." Ihr reiner Kinderblick war so fern von Heuchelei, daß die junge Frau sie im Stillen um Verzeihung bat. „Da haben wir's, meine Herren", sagte Röschen am Abend, „das Mädel will nicht", und sie zitierte die Gründe Posthumas. „Vielleicht ist's so doch besser", reflektierte Lothar. „Besser hin, besser her", rief seine Frau ungeduldig, „möglich, daß wir beinahe eine Torheit begangen hätten: das Mädel ist klüger als wir. Was meinst du, Emil?" „Sicher ist Postel doch mehr gut, als sie klug ist. Und das macht mich sehr besorgt um ihr Fortkommen in der Welt." Mit den Jahren wuchs die Abneigung Roberts gegen seine Stieftochter immer mehr. Babette, durch ihres Mannes ewige Klagen und Anschuldigungen gereizt, wurde strenger gegen Postel, als es sonst in ihrer Art lag. Die Strenge und Härte der Eltern machte das Mädchen geistig frühreif. Posthuma lernte Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung üben in einem Alter, in dem glücklichere Kinder noch keine Ahnung haben, daß man dieser Tugenden je im Leben bedürfen könne. Wie die Mehrzahl zurückgesetzter Kinder, gewöhnte sie sich, zu beobachten und zu vergleichen; dieses junge Geschöpf studierte sich und andere. Bald erkannte sie ihre eigenen großen Vorzüge, das machte sie heimlich eitel; sie merkte aber auch auf ihre Fehler, daß sie schrankenlos heftig sei, und sie nahm sich sehr in Acht, hierin vor ihrem Peiniger sich eine Blöße zu geben. Aber niemand kommt aus seiner eigenen Haut heraus, und Posthuma sollte das Feuer ihres Blutes noch manchmal büßen. Die Juden der kleinen Stadt lebten damals ihr friedlichidyllisches Dasein; ihre eigenen Feste feierten sie durch Gebete und Festmähler, und die ihrer christlichen Mitbürger genossen sie in schöner Eintracht mit Mahlzeiten und Vergnügungen. Pfingsten ist die Zeit der Landpartien. Besonders beliebt bei den Freistädtern war die Fahrt zur Kirmes nach Neusalz am Pfingst-Dienstag. Die dreizehnjährige Posthuma und die sechs- und siebenjährige Lily und Lotte hatten sich seit Wochen auf diese Kirmes gefreut; bald nach dem Frühstück sollten sie mit den Eltern in den Wagen steigen, der schon vor der Tür ihrer harrte. Nun standen sie alle drei in steifgestärkten Mullkleidern wie die Puppen da und ließen eine letzte Musterung ihres äußeren Menschen von der Mutter über sich ergehen. Endlich kam auch Robert herein und setzte sich an den Frühstückstisch. Sogleich fiel sein finsterer Blick auf Posthuma: „Wer erlaubte dir, das weiße Kleid anzuziehen?!" „Lily und Lotte haben auch ihre weißen Kleider an." „Nimm dich in Acht, daß du dir nicht wieder Flecke machst!" Postel wurde blutrot: zum unzähligsten Male erhielt sie vom Vater vor den jüngeren Geschwistern einen Tadel; schweigend setzte sie sich an den Tisch. „Eilt euch, trinkt eure Milch!" mahnte Babette. „Ich will keine Milch", nörgelte die kleine Lily, „ich will Kaffee!" „Sei artig, Lily!" „Ich will aber Kaffee haben", winselte das- Nesthäkchen, „Kaffee will ich!" Gutmütig goß Posthuma von ihrer Tasse in ein Schälchen, um es der Kleinen hinüberzureichen. „Laß das sein", schrie Robert, „du wirst vergießen!" Durch das Geschrei erschreckt, fuhr Posthuma zusammen, ihre Hand zitterte, und der braune Inhalt der Schale rann über ihr weißes Kleid. Die Kleinen schrien. „Habe ich's nicht gesagt?" rief Robert höhnisch. „Du ungeschicktes, dummes Ding, nun kannst du zu Hause bleiben. Schäm' dich, ein neues, weißes Kleid —" „Es ist himmelschreiend", sekundierte Babette, „geh' dich umziehen, marsch!" „Nun, das sollte mir einfallen, darauf zu warten", herrschte Robert. „Ich begreife dich nicht, meine Liebe, du willst mir also den Tag verderben? Entweder du läßt das Mädel zur Strafe zu Haus, oder ich bleibe hier zurück!" Babette wagte kein Wort weiter; sie nahm die vor Ängste verstummten Kleinen bei der Hand und verließ das Zimmer. Posthuma sah ihre Mutter davongehen; in ihrem Kopf dämmerte unklar der Verdacht, daß der Stiefvater die Szene provoziert habe. Kreideweiß, mit glühenden Augen trat sie ihm in den Weg: „Ich soll also nicht mitfahren?" fragte sie heiser. Robert ahnte eine Katastrophe; nun hätte er gern eingelenkt, aber er schämte sich. „In diesem beschmutzten Aufzuge?" „Ja oder nein?" „Nein!" Erschrocken wich er zurück. Es schien ihm, als wolle Posthuma auf ihn zustürzen. Sie fuhr mit den geballten Fäusten in die Luft, ergriff das Tablett mit dem gesamten Geschirr und warf es krachend auf den Boden. Jetzt hätte es Robert kein Mensch verübelt, wenn er seiner Stieftochter ein Paar an die Ohren gegeben hätte, aber erging so schnell hinaus, als er konnte: so sehr fürchtete er sich vor dem rasenden Kinde. Posthuma stand allein mitten im Zimmer, zitternd an allen Gliedern. Sie hörte den Wagen davonrollen; die Köchin kam, klagte laut um das zerbrochene Geschirr, schalt auf Posthuma und las stöhnend die Scherben zusammen. „Geschieht dir recht, daß du nicht mit zur Kirmes darfst, du verboste Kröte!" Sie schloß die Tür hinter sich ab. Posthuma rüttelte und schrie, aber der gehässigen Person machte es offenbar Freude, das aufgeregte Kind noch mehr in Harnisch zu bringen. Da hörte Postel draußen die Stimme der Müllersfrau: „Lassen sie doch das Mädel nicht so schreien! Das Kind kann die Krämpfe kriegen und dabei wegbleiben." Brummend antwortete die Köchin: „Je Krausen, damit tät' sie bloß dem Herrn und der Madam den größten Gefallen."

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