Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 659 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift Seite 669. „Nun schämen sie sich eins, man sollte ihnen das böse Maul zerschlagen!" Damit riß sie der Köchin den Schlüssel aus der Hand, öffnete und trat rasch ein. „Postel", sagte sie freundlich, „willst du ein bißchen mit auf die Mühle kommen? Herrgott!" schrie sie, „Anna, ist das Mädel weiß! . . . Anna, Wasser!" Posthuma schüttelte den Kopf. „Komm", sagte die Krausen gutmütig, „ich werde mit dir in den Garten gehen." Sie nahm Postel am Arm, führte sie herunter und setzte sich mit ihr in eine Laube. Mit einemmal sagte das Mädchen ganz ruhig: „Ich danke schön, Frau Krause, daß sie bei mir bleiben wollen; aber wenn mir so ist wie jetzt, bin ich am liebsten allein". „Ist recht, daß du wieder vernünftig bist. Ich muß nun auch wieder nach Haus. Wenn du was brauchst, komme ja und ja in die Mühle!". . . Sie strich freundlich über den kleinen, braunen Tollkopf und ging. Posthuma saß ganz still und brütete vor sich hin. „Also wenn ich fort wäre, geschähe ihnen ein Gefallen, meine Eltern wünschen mich tot!" Sie wunderte sich über sich selbst, daß sie nicht weinen konnte bei diesem Gedanken. „Ich bin ihnen im Wege. Warum? Bin ich wirklich so schlecht?" Sie grübelte und grübelte. Erschöpft legte sie den Kopf auf die Lehne der Bank; nach wenigen Minuten schlief sie ein. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, da merkte die eben erwachte Posthuma an ihrem Magen, es sei Mittagzeit. Sie ging ins Haus. Die Köchin saß in ihrer ganzen Breite in der Küche und ließ es sich bei einer großen Schüssel und einem noch größeren Krug Kaffee recht wohl sein. „Aha", rief sie höhnisch, „treibt dich der Hunger heim? Es ist nichts da für dich; deine Mutter hat auf dich nicht gerechnet. Geh' an den Wandschrank und nimm dir ein Stück Brot! „Salz und Brot macht Wangen rot". Kannst auch mal sehen,^ wie Hunger tut!" Sie löffelte behaglich weiter. Posthuma widerte die Person an; schweigend verließ sie die Küche und ging wieder in den Garten. Es war ein schöner Maientag: der Flieder und der Goldregen dufteten, die Vögel sangen, Sonne und blauer Himmel lachten und leuchteten um die Wette hernieder, als wollten sie das hungrige, traurige Kind verhöhnen. „Jetzt sind sie alle auf der Kirmes", dachte Posthuma. „Lily und Lotte bekommen rote Pfefferkuchen und Ketten von Glas. Dann läßt sie Papa Karussell fahren, oder sie stechen nach Ringen. Hernach würfeln sie in den Paschbuden. Lily gewinnt wohl eine Porzellanpuppe und Lotte einen Federkasten. Darauf werden sie in das Waldschlößchen gehen, und Mama packt die Körbe aus mit Weißbrot und kaltem Braten." So war Postel bis ganz an's Ende des Gartens geschritten. Am Zaun befand sich eine Hecke; dort hatte eine Meise ihr Nest. Postel setzte sich behutsam in's Gras und sah zu, wie die Alte ihre Jungen fütterte. Das war niedlich. Sie merkte auf, wie das Vöglein keines seiner Kleinen vergaß. Da fiel ihr ein, wie ihre Mutter gar nicht an sie gedacht hatte mit Trank und Speise. Und hier in dieser blühenden, grünenden Einsamkeit begann das Kind zu weinen, ganz laut und bitterlich. Wie Blut stoffen ihre Tränen; sie stöhnte und schluchzte. Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter, und eine leise Stimme fragte: „Warum weinen sie?" Erschrocken sprang Posthuma auf und blickte sich um. Was sie, obwohl sie unzählige Male an dieser Stelle gesessen, noch nie bemerkt hatte: im Zaun war eine Schiebetür. Durch die Oeffnung, die wie ein Wunder da aufstand, mußte er eben! hereingetreten sein, der Fremde, ein großer, überschlanker Knabe. Er hatte hellblondes, fast weißes Haar; sein Gesicht war wenn auch nicht gerade schön, doch ganz außerordentlich sein geformt; der Ausdruck zeigte mehr große Güte als Intelligenz. Ueber sein ganzes Wesen war aparte Vornehmheit gebreitet, die Postel höchlich imponierte; auch machten ihr der elegante, blaue Samtanzug und das blütenweiße Jabot mit den feinen Stickereien einen überwältigenden Eindruck. Sie war so verdutzt über die unerwartete Erscheinung, daß der Fremde seine Frage wiederholen mußte. Seine Stimme klang sehr schüchtern, aber bei aller Sanftheit eindringlich genug: „Bitte, sagen sie es mir doch: warum weinen sie?" Postel schämte sich sogleich und hörte auf. Ihr Gegenüber sah sie ihre Tränen trocknen; es lag eine rührende Herzlichkeit in seinem Blick und Ton, als er wieder bat: „Sagen sie es mir doch: warum weinen sie? Sie weinen immer. Ich habe sie schon so oft hier weinen gesehen!" „Ich weine . . . weil . . . weil . . ." Sie merkte, daß ihr die Augen wieder tropften, bezwang sich aber tapfer und sagte nur leise: „Es geht mir schlecht". Der fremde Knabe senkte gleichfalls den Kopf; erst nach einer Weile antwortete er: „Das tut mir sehr leid." Dann fragte er wieder weiter, mit seiner weichen, tröstlichen Stimme: „Kann ich ihnen nicht helfen?" Posthuma blickte finster zu Boden. „Mir ist nicht zu helfen. Ich habe schon Unglück gehabt, ehe ich auf die Welt gekommen bin". „Unglück? Ehe sie auf der Welt waren? Was meinen sie damit?" „Ich meine. . ." Postel sah auf; der Fremde erschien ihr doch verwunderlich, endlich fragte sie beherzt: „Ja, warum sagen sie denn nicht „du" zu mir? Ich bin ja erst zwölf Jahr?" „Und ich erst elf.". „Erst elf und schon so groß!" Sie maß mit ungeheurem Erstaunen die schlanke Gestalt des sie beinahe um zwei Köpfe Ueberragenden: „Nein, solch eine Größe!" Immerhin — das Jahr, das der Fremde weniger als sie zählte, löschte doch in etwas seine Ueberlegenheit aus, sie forschte also dreist: „Wie heißt du denn?" „Alfred von Lautenburg." „Du meine Güte! Der junge Fürst!" Postels Blick flog beschämt über den großen, braunen Kaffeefleck auf ihrem Kleide, dann faßte sie das Röckchen mit spitzen Fingern und tauchte fast bis zur Erde knirend — tief — tief. Der Fremde lachte leise. „Du brauchst nicht so zu erschrecken! Ich bin nicht der Fürst. Wir Kinder sind nur Grafen. Mein Bruder Adalbert wird einst Fürst werden, ganz spät, wenn Papa einmal tot ist. Ich bin der zweite Sohn; wir hatten auch eine Schwester", seufzte er, „so groß wie du, aber sie ist leider gestorben". „Woran wohl?" erkundigte sich Postel teilnehmend. „An Lungenentzündung. Papa klagt, wir Hütten es alle in der Lunge." „Ah!" machte Postel altklug, „das hat wenig zu sagen; mein Onkel Doktor spricht, damit kann man sehr alt werden. Mein armes Väterchen hat eine kerngesunde Lunge gehabt, aber als er in das Wasser stieg, um Müller Krauses Fränzchen herauszuholen, war er gleich weg." Jetzt war die Teilnahme auf Seiten des jungen Grafen. „O weh! Das ist sehr traurig für dich. . . . Wie ist doch dein werter Name, wenn ich fragen darf?" Diese höfliche Wendung erschien Posthuma als der Gipfel aller weltmännischen