Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. Seite 657

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 657 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605839-9605912--8685-9605925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 667. Landwirtschaft treibenden Juden ungehinderten Aufenthalt in Dörfern. Er halte es für angezeigt, daß in Vessarabien größere Niederlassungen von Juden auf eigens zum Betrieb der Landwirtschaft erworbenem Grund geschaffen werden sollten; hier würden die Juden keinerlei Böswilligkeit begegnen und würden in bedeutendem Maß zum Fortschritt der Bodenkultur in Vessarabien beitragen können. Als man ihm sagte, daß unter der jüdischen Bevölkerung der Städte Hunderte und Tausende den sehnlichsten Wunsch hätten, sich der Landwirtschaft zu widmen, versprach er seine Unterstützung zur Förderung dieser Bestrebungen. Nach Inspektion der Baumschule besichtigte Fürst Urussow einen in der Nachbarschaft liegenden Obstgarten, dessen jüdischer Besitzer ebenfalls von der I. C. A. subventioniert wird, und nahm die ihm überreichten Früchte dankend entgegen. Bei der Abreise dankte der Gouverneur für den freundlichen Empfang und gab nochmals seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß nach den hier bewiesenen Erfolgen die Juden ganz besonders zum Garten- und Landbau geschickt sein müssen, und daß sie durch ihren Fleiß die schlummernden Hilfsquellen der Provinz erschließen und den Wohlstand des Landes entwickeln würden. „Auf meiner Fahrt durch die Stadt Soroky war ich erstaunt über die große Zahl der Firmenschilder von jüdischen Schneidern, Schuhmachern u. s w. Warum so vieles Wie kann eine einzige Straße so vielen Handwerkern Brot geben? Dagegen bietet die Provinz unbegrenzte Vorteile, nicht für Schuhmacher, aber für solche Arbeiter, wie ich sie in der Baumschule beobachtet habe. Die Provinz braucht gerade so kleine Landwirte, die Getreide, Früchte, Trauben und andere Erzeugnisse für den eigenen Bedarf selbst produzieren." New-UorK, 1. November. (Die Petition der B'nei- Brith-Logen.) Entsprechend dem Wunsch des Präsidenten ist am gestrigen Tage die jüdische Petition an den Zaren, betreffend die Greueltaten in Kischinew, deren Entgegennahme der Zar seinerzeit verweigert, dem Staatsdepartement zur Aufnahme in das Staatsarchiv übergeben worden. Auf den Begleitbrief des Vorsitzenden der B'nei-Brith-Logen bei der Uebersendung der mit 50000 Unterschriften bedeckten Petition hat Staatssekretär Hay folgendes Antwortschreiben gesandt: „Mit Vergnügen nehme ich dieses wichtige und bedeutsame Dokument entgegen, um ihm in den Archiven des Staatsdepartements seinen Platz zu geben. Obgleich diese Abschrift Ihrer Petition die hohe Stelle, für die sie bestimmt gewesen, nicht erreicht hat, haben ihre Worte doch eine Weltverbreitung gefunden und im Herzen von vielen Tausenden Wurzel geschlagen. Die Petition wird für immer denkwürdig bleiben, nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern wegen der Zahl und des Gewichts ihrer Unterschriften, die einige der hervorragendsten Namen unserer Zeit umfassen, die Namen von Männern, die wegen ihres Geistes, ihrer Philanthropie und ihres Gemeinsinns berühmt sind. Wenn in künftigen Tagen Studierende der Geschichte dieses Dokument lesen werden, so werden sie voll Bewunderung für die Urheber der Perition sein, die der tiefen Entrüstung über die unschuldigen und hilflosen Menschen zugefügten unerträglichen Ungerechtigkeiten eine so ernste und beredte und dabei so würdige, gemäßigte und vornehme Sprache geliehen haben. Dieses Dokument bleibt ein wertvoller Gewinn für die öffentliche Literatur und wird inmitten der Schätze dieses Departements hoch und heilig gehalten werden." Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Der Pariser Philanthrop Osiris hat der jüdischen Gemeinde zu Bruyvres in den Vogesen eine Synagoge geschenkt, deren vollständige Kosten er allein getragen hat. — Rabbiner Moses Claff in London, ein geborener Russe, ist im Alter von 56 Jahren gestorben. - Anläßlich des zwanzigjährigen Bestehens der Firma Z. Lewin Söhne haben die Inhaber dieser Firma. Leopold und Max Lewin in Mogilno, der Stadt und der israelitischen Gemeinde 3000 Mark zu Gemeinde- und Wohltätigkeitszwecken überwiesen. $ e u t II e t o n. Ei« Frmnlkbt«. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) „Soll ich mit dir von deinem Vater sprechen?" fragte sie ihre kleine Nichte. Posthuma schüttelte den Kopf. „Nicht, Postel? Du hörst doch sonst niemals genug von Deinem Vater reden!" „Liebe Tante, laß mich dich lieber Eins fragen: So viele, viele Kinder haben alle ihren eigenen Papa, warum hat denn Gott gerade mir meinen Vater genommen?" Röschen schwieg; mehr noch als die Frage, hatte sie der leidenschaftliche Ton in der Stimme der Kleinen erschüttert: das war nicht nur die Trauer eines verlassenen Kindes, da fragte ein großer Schmerz. Schließlich mußte sie doch eine Antwort geben, sie brachte aber nichts hervor, als den alten Trost: „Wen Gott lieb hat, den züchtigt er". „Warum denn wollte er mich züchtigen?" rief das Kind heftig. „Ich hatte ja noch gar nichts Böses getan!" „Ja", antwortete Röschen verlegen, „ich meine auch nicht züchtigen, ich meine, wir sollen solche Schickungen nicht als Strafe, sondern als eine Prüfung ansehen". „Aber was wollte denn Gott an mir prüfen? Ich war ja noch gar nicht auf der Welt!" „Gott ist allwissend, Posthuma, er sah voraus, wie du werden würdest." Postel warf zornig den Kopf zurück: „Da konnte Er mich ja gleich besser schaffen, wenn ich ihm nicht gut genug bin! Wenn ich „lieber Gott" wäre, ich würde keinem armen Kinde seine Eltern sterben lassen, ich gewiß nicht!" „Posthuma, wir dürfen mit Gott nicht rechten, wir sind sündige Menschen —" „Sündige Menschen!" wiederholte Posthuma altklug. „Ach Tante, gibt es denn so viele böse Menschen auf der Welt? Ich kenne so viele gute, du bist so gut, und die Onkels und mein Mütterchen. . ." „Und dein Papa?" ergänzte Röschen fest. . . Posthuma errötete beschämt. „Papa ist gewiß auch sehr gut, und daß er mich nicht so recht lieb hat, dafür kann er doch eigentlich gar nichts, ich bin ja auch nicht sein Kind." Sie seufzte und mit einem schweren Seufzer auf den Lippen schlief das Kind an diesem Abend ein. Frau Röschen schien die Unterredung mit ihrer kleinen Nichte merkwürdig genug, um sie Wort für Wort vor ihrem Gatten und ihrem Schwager Emil zu wiederholen. „Behalten wir das Mädel hier!" sagte Emil. „Babette wird das nicht wollen", sprach Lothar. „O, Babette sagt ja", behauptete die junge Frau, „aber gebt acht, Robert will nicht. Dagegen sträubt sich seine Eitelkeit." „Ich würde sie auf der Stelle zu mir nehmen", rief Emil.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.