Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 656 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 656 Israelitische Wochenschrift. Nr. 46 Leitung der Alliance der von dem Konsul Simon in Hannovergegebenen Anregung gefolgt, den Handfertigkeits- und den Gartenbauunterricht in den Schulen derAlliance einzuführen. Eine aus den Herren Lewenjr., Simon und Dr. Sonnenfeld bestehende Kommission hat den Auftrag erhalten, einen Kostenanschlag einzureichen, wonach die Ausführung ohne Verzug in Angriff genommen werden soll. Der jetzige Zeitpunkt gilt für die Behandlung der Frage als besonders geeignet, weil die aus der Ecole normale in Auteuil gegenwärtig hervorgehenden Lehrer — diese Ecole normale ist übrigens die einzige Allianceschule mit französischer Unterrichtssprache, was viel verbreiteten irrigen Vorstellungen gegenüber hervorgehoben sein mag — die Befähigung zur Erteilung des Handfertigkeitsunterrichts besitzen. Dank der Initiative des Herrn Konsul Simon, der für das Lehrerseminar das erforderliche Handwerkszeug gestiftet hat, ist dort seit zwei Jahren Tischlerarbeit für alle Zöglinge obligatorisch. Bei Herstellung der großen Bibliothek, die die Alliance soeben auf dem Grundstück der Ecole normale orientale erbaut hat, sind alle Tischlerarbeiten von den zukünftigen Lehrern ausgeführt worden. London. 8. November. (Die jüdische Jugendwehr.) Am letzten Samstag hatte der Vorstand des jüdischen Jugendwehr-Vereins (Jewish Lad's Brigade) ein öffentliches Schauexerzieren und Turnen veranstaltet. Es ist dies die dritte öffentliche Vorführung der jungen Burschen seit der im Jahr 1895 erfolgten Gründung des Vereins. Es ist erstaunlich, was geeigneter Unterricht und gute Vorbilder aus den Jungen gemacht haben, die zumeist entweder die Kinder eingewanderter Ruffen und Rumänen oder selbst erst mit ihren Familien eingewandert sind. Der Präsident des Vereins Oberst Goldsmid und seine Offiziere dürfen mit Recht stolz auf ihre Erfolge sein. Ein Feldmarschall der englischen Armee, zwei Generäle vom Generalstab mit mehreren anderen hohen Offizieren wohnten den Uebungen bei und beglückwünschten die Leiter der Veranstaltungen für die vorzüglichen Leistungen. „Der Zweck der jüdischen Jugendwehr" — so heißt es in den Statuten — „besteht darin, die Heranwachsende Generation von ihrer frühesten Jugend an mit den Begriffen von Ordnung, Sauberkeit und Ehre vertraut zu machen, so daß sie Selbstachtung lernen und ihrer Gemeinde zur Ehre gereichen." Das^ Aussehen der Knaben ist frisch und kräftig, ihre turnerischen und militärischen Uebungen wurden mit der größten Präzision ausgeführt. Die Lady Mayoreß verteilte Ehrenpreise an verschiedene Gruppen der Wehr; General Sir Alfred Turner überreichte den einzelnen Knaben die Medaillen und Auszeichnungen, die ihnen für hervorragende Leistungen zuerkannt worden waren. Der General sagte jedem der dekorierten Knaben einige freundliche Worte und betonte in einer allgemeinen Ansprache die glänzenden Erfolge des Vereins. „Als der König vor kurzem dem Oberst Goldsmid einen so vornehmen Orden überreichte", sagte der General im Laufe seiner Rede, „geschah dies hauptsächlich in Anerkennung der großen Verdienste, die der Oberst sich um die Hebung seiner Glaubensgenossen geschaffen, jenes großen alten Volkes, dem er mit Stolz angehört." Aus den übrigen bei dem Schauexerzieren gehaltenen Ansprachen ist -noch hervorzuheben, daß der Verein mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Einnahmen haben im letzten Jahr 120 L. St. betragen, während die Ausgaben sich bei größter Sparsamkeit auf 1500 L. St. beliefen. Die Versammlung wurde deshalb gebeten, möglichst für die fernere Unterstützung des Vereins und damit für die geistige und körperliche Aufbesserung der jüdischen Heranwachsenden Generation zu sorgen. London, 8. November. (Der bisherige Lord Mayor.) Heute ist der letzte Amtstag des Lordmayors Sir Marcus Samuel; morgen übergibt er das mit vielen Auszeichnungen und mit großer Arbeitslast verbundene Ehrenamt an seinen Nachfolger Sir James Ritchie. Der König hat dem aus dem Amte Scheidenden in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste den Titel eines Baronets verliehen; die Stadt London und besonders die Glaubensgenossen Sir Marcus Samuels werden niemals aufhören, ihm ihre aufrichtige Bewunderung und herzliche Würdigung zuzuerkennen für das Geschick, mit dem er seine Amtspflichten erfüllt, und für die Dienste, die er im Rahmen der strengsten Amtsführung ihnen erwiesen. Seine politischen und gesellschaftlichen Aufgaben hat Sir Marcus mit Würde und Vornehmheit durchgeführt, er hat das Königspaar und verschiedene Mitglieder des königlichen Hauses, er hat den Präsidenten Loubet und viele hervorragende Männer des In- und Auslandes in seinem Haus empfangen und, unterstützt von Lady Samuel, den illustren Gästen eine glänzende Aufnahme bereitet. Sein Amtsjahr ist aber auch für die philanthropischen Anstalten Londons ein glückliches gewesen, denn Sir Marcus hat, wie wenige, verstanden, neben seinen eigenen reichen Spenden auch andere Personen zur Freigebigkeit zu veranlassen. Erst jüngst hat er zum Besten des London-Hospitals die stattliche Summe von 21000 L. St. gesammelt; darunter waren fünfzehn Spenden zu 1000 L. St., je für ein Bett bestimmt. Von den Gaben des Lord Mayor und der Lady Samuel, der Herren Edward Stern und Harry Barnato werden vier Betten im jüdischen Flügel des Krankenhauses errichtet; eine zum Andenken der Stifter errichtete Denktafel ist vor einigen Tagen enthüllt worden. Bei dieser Gelegenheit haben die Vorstände und Protektoren des Hospitals demLordMayor die größten Ovationen erwiesen. Seine Glaubensgenossen müssen Sir Marcus aber besonders dankbar sein fiTf' sein mannhaftes Auftreten gegenüber dem Vertreter des Königreichs Rumänien. Er erinnerte an jene Zeilen, da Juden wie Sir Francis und Sir Julian Goldsmid und Sir John Simon im Parlament laut ihre Stimmen zugunsten ihrer bedrückten Glaubensbrüder erhoben. Jedenfalls hat die mutige Tat unseres Lord Mayor den rumänischen Juden nicht geschadet, man behauptet sogar, ihre Lage habe sich in letzter Zeit etwas gebessert. Der neue Lord Mayor hat die Einladungen zum offiziellen Bankett bereits ergehen lassen und auch den rumänischen Gesandten mit einer Einladung bedacht; dieser aber hat, wahrscheinlich durch die Ereignisse des vorigen Jahres verletzt, die Einladung nicht angenommen. Es ist bedauerlich, daß eine vielleicht ganz unschuldige Persönlichkeit hat beleidigt werden müssen; die Rüge hatte nicht der Person, sondern dem System gegolten. Sir Marcus Samuels Amtsjahr wird schon durch diese eine Tat ein dauerndes Andenken in der Geschichte unserer Stadt gefunden haben. Gdessa, 8. November. (Der Gouverneur von Bessarabien über die Juden als Landwirte.) Vor kurzem hat Fürst Urussow, der Gouverneur von Bessarabien, auf einer Inspektionsreise die in der Nähe der Stadt Soroky von der I. C. A. begründete Baumschule besichtigt. Er ließ sich vom Direktor Ettinger alle Einzelheiten der Anlage erklären und von ähnlichen Anstalten berichten, die die jüdische Kolonisationsgesellschaft in Bessarabien eingerichtet hat. Im Lauf des Gesprächs erkundigte der Gouverneur sich nach dem Stand des Garten- und Weinbaus und sonstiger von Juden betriebener Gewerbe. Als er erfuhr, daß die Juden in der Entwickelung ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit von den 1882 er Maigesetzen arg gehemmt würden, versprach er den