Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 655 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 666. alle kleinlichen Gegensätze beiseite schieben und nur Hochhalten das gemeinsame nationale Panier, das Banner der deutschgermanischen Studentenschaft. Prüft die Verhältnisse an unserer Universität, besonders auch .in den Kliniken, und fragt Euch, ob in dem Wort Professor Paulsens: „Es kann keine europäische Nationalität gleichgiltig dabei bleiben, wenn die jüdische Bevölkerung allmählich zur herrschenden Bevölkerung wird, wenn sie, gestützt auf Besitz und ermöglichte Schulbildung, mehr und mehr die leitenden Stellen in der gesellschaftlichen, geistigen und staatlichen Welt in ihre Hände bringt", nicht auch für uns Deutsche Studenten eine beherzigenswerte Mahnung steckt Laßt das alte Wort: Hie deutschnational — Hie jüdisch-international auch diesmal der Kampfruf sein, an dem sich die Geister scheiden." Hoffentlich treten die jüdischen Studenten geschlossen zur Wahl an. Kerlin, 8. November. (Die Enzyklopädie der Analphabeten.) Der 6. Baseler Kongreß hat, wie man weiß, die Herausgabe einer hebräischen Enzyklopädie gutgeheißen, zu deren Redakteur neben dem sprachkundigen U. Sokolowaus Warschau Herr Berthold Feiwel bestimmt wurde, der sich auch fest vornahm, zur Erlangung der vollständigen Qualifikation hebräisch lesen zu lernen. Nachdem die Zionisten in so glänzender Weise die Enzyklopädie mit einer Redaktion ausgestattet hatten, überließen sie Herrn Sokolow, sich anderwärts nach den nötigen Geldmitteln umzutun. Er kam nach Berlin, gewann die Teilnahme des Protektors für alles, Herrn Professor Leopold Landau, und dieser lud auf heute zu sich, was in "Berlin zionistisch angekränkelt ist oder sonst durch völlige Unkenntnis des Hebräischen sich zum Beirat bei Herstellung einer hebräischen Enzyklopädie empfiehlt. Den beiden Gruppen gehörten die Herren — wir mischen ein wenig — Professor Philippson, Dr. HirschHildesheimer, Prof.Baginsky,Prof.Landau, Dr. Franz Oppenheimer, Dr. Nossig, Prof. Marburg, Dr. Preuß, Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn u. a. m. an. Diese bilden den „Beirat". Wenn sie recht fleißig sind, wird die Mehrzahl von ihnen in nicht zu langer Zeit dahin gelangen, die hebräischen Charaktere von einander unterscheiden zu können. — Es ist geradezu ein öffentlicher Skandal, daß sich in Berlin ganz unbescholtene Männer zu einer Komödie bereit finden, die unwürdig genannt werden muß. Absolute Ignoranten auf hebräischem Gebiet lassen sich ohne Erröten zum „Beirat" für ein Werk ernennen, das gründliche hebräische Gelehrsamkeit zur Voraussetzung hat. Natürlich haben diese Zionsgelehrten auch nicht einen Berliner Rabbiner zugezogen! Kerlin, 11. November. (Reklame-Wohltätigkeit.) Es ist in neuerer Zeit Brauch geworden — von dem der Brauch mehr ehrt als die Befolgung — bei Aufrufen für wohltätige Veranstaltungen nicht durch die Verständigkeit des Zwecks und durch andere sachliche Argumente, sondern durch die Menge der Unterschriften auf das „wohltätige" Publikum zu wirken. Selbstverständlich zeigt sich bei einer solchen Uebung die Neigung zu überbietender Steigerung. Vor einem Jahr wies ein jüdischer Verein als auf ein Zeichen seiner Beliebtheit auf die nahezu 200 Unterschriften hin, die sein Aufruf gefunden; kurz darauf versendete ein Herr L. einen (interkonfessionellen) Aufruf mit nahezu 300 Unterschriften. Augenblicklich dürfte den Rekord ein interkonfessioneller Aufruf, veranstaltet durch Frau C. G., halten. Seine mehr als 750 Unterschriften nehmen sieben volle Druckseiten ein —und dieser Aufruf wird versendet — mit dem Ersuchen, ihm die Unterschrift beizufügen! Es wäre wünschenswert, daß wenigstens in der jüdischen Wohltätigkeitspflege mit dieser Sitte gebrochen wird. Sie bedeutet ein stillschweigendes Eingeständnis, daß man zu den Mitteln geschäftlicher Konkurrenz greift, um bei dem Nebeneinanderbestehen so vieler jüdischer Vereine die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Derartige Aufrufe erfordern Arbeit und Kosten und können nicht durch Vereine geleistet werden, bei denen lediglich im Ehrenamt gearbeitet wird. Sie führen daher schließlich dahin, daß mehr und mehr die Tätigkeit im Ehrenamt durch die der bezahlten Sekretariate ersetzt wird. Diesen Sekretariaten, die nicht durch anderweitige bürgerliche Beschäftigung in Anspruch genommen sind und daher genügende Muße besitzen, wird es niemals schwerfallen, von einer großen Anzahl wohlmeinender oder eitler Honoratioren die Unterschriften zu beschaffen und dadurch auf die Gedankenlosen zu wirken. Dazu kommt, daß am letzten Ende die Unterzeichner sich einbilden, sie hätten durch ihre Unterschrift, deren Veröffentlichung ihnen schmeichelt, schon etwas geleistet. Ein Beispiel hierfür liegt uns eben vor: Die bekannten Berufsretter haben einen mit zahlreichen Unterschriften versehenen Aufruf erlassen, der zu Beiträgen für ein in Jerusalem zu errichtendes Institut auffordert. Der Aufruf schildert die Dringlichkeit und Nützlichkeit der empfohlenen Sache mit beweglichen Worten. Die Unterzeichner aber haben es beider Unterzeichnung bewenden lassen, gezeichnet haben sie keinen Pfennig. Es ist nicht selten, daß Vereinsauftufe von Personen unterschrieben werden, die gar nicht Mitglieder des betreffenden Vereins sind. So wird die Wohltätigkeit zu einem Markt der Eitelkeiten, und der Zweck selbst wird in doppeltem Sinn vereitelt. Kosen, 7. November. (Ein Jugendbildner.) Ein hiesiger städtischer Lehrer ist des Amtes enthoben worden. Er hat sich antisemitischer Bestrebungen schuldig gemacht. Die von ihm getanen Aeußerungen sind im Geschichtsunterricht gefallen. — Anderwärts hat man der antisemitischen Pädagogik gegenüber sich toleranter, gezeigt. Vielleicht hat der Fall Dippold zu vorbeugender Strenge veranlaßt. München, 8. November. (Strafrechtliche Verfolgung antisemitischer Postkarten.) Die von einem hiesigen „Atelier für Kunst und Kunstgewerbe" angebotene Ansichtspostkarte, auf der angeblich nach einem Altargemälde ein Ritualmord dargestellt wird, wurde ebenso wie das betreffende Zirkular auf Antrag der Münchener Polizeidirektion von der hiesigen Staatsanwaltschaft und dem zuständigen Gericht mit Beschlag belegt und gegen den Verleger auf Grund des 8 166 St.-G.-B. für das Deutsche Reich (Religionsvergehen) das Strafverfahren eingeleitet. Paris, 7. November. (Die Tätigkeit der Alliance für Homel.) Die Alliance Jsraelite Universelle hat ihr Petersburger Komitee, das noch über beträchtliche Summen verfügt, ermächtigt und ersucht, für die Opfer von Homel jeden erforderlichen Betrag auszulegen. Paris, 8. November. (Alljance Jsraelite.) Die Leitung der Alliance Jsraelite Universelle hat in vergangener Woche Beschlüsse von großer Wichtigkeit gefaßt. Sie will in Berlin ein ständiges Bureau einrichten — schon längst ein dringendes Bedürfnis — zu dessen Aufgaben es in vorderster Reihe gehören soll, eine Zentralstelle zur Auskunfterteilung über alle jüdischen Angelegenheiten zu bilden. Auch der Propaganda soll dieses Berliner Bureau dienen. — Ferner ist die