Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 654 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 654. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. haben mit besonderer Befriedigung dieses Gerücht ausgenommen, das rasch die ganze Masse der Exzedenten durchlief und ihr neue Energie und den Glauben an die Rechtmäßigkeit ihrer Handlungen einslößte; die Zerstörung jüdischer Wohnungen und jüdischen Vermögens hat dadurch einen ganz anderen Umfang angenommen und sich immer weiter ausgebreitet." Damit stellt auch die Justizbehörde auf Grund einer eingehenden Untersuchung fest, daß die Polizei die Verantwortung trägt für die Vorkommnisse und für die großen Verluste an Leben und Vermögen. Dabei sind die Kischinewer Untersuchungsrichter über jeden Verdacht erhaben, judenfreundliche Anwandlungen zu besitzen; im Gegenteil, viele von ihnen sind bekannt als rechtgläubige Antisemiten, als Freunde und Mitarbeiter des Herrn Kruschewan, des Redakteurs des „Bessarabetz". Aber Vorfälle, die sich am hellichten Tag vor Tausenden von Zuschauern abgespielt haben, lassen sich nicht ableugnen, ebensowenig wie umgekehrt Behauptungen, die kein Mensch bezeugen kann, sich aufrecht erhalten lassen, selbst wenn sie in einem offiziellen Kommunique eines mächtigen Ministers wiedergegeben sind. Man kann sicher sein, daß die Kischinewer Justizbehörden alles getan haben, was möglich war, um die Polizei möglichst wenig bloßzustellen; was wir nun aus der Anklageschrift erfahren, ist daher zweifelsohne nur ein kleiner Teil davon, was sich die Polizei hat zu schulden kommen lassen. Charakteristisch für die Zuverlässigkeit der russischen offiziellen Berichterstattung ist, daß nicht einmal die Zahl der zerstörten Häuser im offiziellen Kommunique richtig angegeben war: 700 statt 1350, wie die Anklageschrift feststellt; als ob die Kischinewer Polizei nicht einmal richtig zählen könnte, während man doch weiß, daß sie im Rechnen sehr stark ist. . . Die Zahl der bei den Exzessen ermordeten Juden beträgt nach der Anklageschrift 40; von den Christen sind zwei getötet worden, davon einer (Ostakow) durch einen Schuß, den sich wehrende Juden auf ihre Angreifer abgefeuert hatten; der zweite Christ (Solowjew) ist von seinen christlichen Kameraden ermordet worden. Der Jude, durch dessen Schuß Ostakow getroffen war, befindet sich unter den Toten. * * * (Das heilige Moskau.) Die „Libauer Zeitung" berichtet: „Der Ausflug der Zöglinge der Libauer Handelsschule nach Moskau hat leider ein sebr plötzliches und wenig befriedigendes Ende gefunden. Rach zweitägigem Aufenthalt in der alten Zarenstadt wurde dem die Schüler begleitenden Direktor der Schule, Herrn Dobrosrakow, von dem Oberpolizeimeister von Moskau mitgeteilt, daß die an dem Ausfluge teilnehmenden Schüler' mosaischer Religion auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen, die Hebräern den Aufenthalt in den Hauptstädten untersagen, sofort die Stadt verlassen müßten. Da die christlichen Schüler ihre Kameraden mosaischer Konfession — die sich in recht beträchtlicher Zahl an dem Ausflüge beteilrgt hatten — nicht im Stich lassen wollten, wurde die gemeinsame Rückfahrt angetreten." — Das heilige Moskau aber ist wieder einmal gerettet und von unheiliger Gegenwart befreit worden. Es soll allerdings noch Unheiligere geben. In Moskau leben rechtgläubige Leute, von denen der Ruf sagt, daß der Suff ihre höchste Tugend und noch weitaus die beste Seite ihres Charakters sei. Wochen-(Ohronik. Wochen- November 1903 Cheschwan Kislew 5664 Kalender. Freitag . . . 13 23 Sabb. Ans. 4,11. Sabbat . . . 14 24 mtp ”n (Neumondsweihe) Sabb. Ausg. 5,1. Sonntag. . . 15 25 Montag . . . 16 26 Dienstag. . . 17 27 Mittwoch. . . 18 28 Donnerstag. . 19 29 my Freitag . . . 20 1 n"“i Sabb. Ans. 4,3. Sabbat . . . 21 2 mbm Sabb. Ausg. 4,53. Berlin, 8. November. (Jüdisches Lehrerseminar.) Auf die Vorstellung des Redakteurs Klausner hat der Reichsstaatssekretär des Innern Graf Posadowsky dem jüdischen Lehrerseminar in Berlin die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst zuerkannt. Diese Entscheidung wird demnächst im Zentralblatt für das Deutsche Reich veröffentlicht werden. Kerlin, 9. November. (Die Wahlen zur akademischen Lesehalle.) Drei Alte Herren des Vereins Deutscher Studenten erlassen anläßlich der Wahlen zur akademischen Lesehalle folgenden Aufruf: „Deutschnationale Kommilitonen! Die Wahlen zur Akademischen Lesehalle stehen bevor! Der Studentenschaft ist der öffentliche Kampf durch die Universitätsbehörden verboten worden. Deshalb treten wir, ehemalige Studenten der Berliner Universität, auch dieses Mal heran und fordern Euch auf, Mitglieder der Lesehalle zu werden und mitzuwirken für die Wahl deutschnationaler Kommilitonen. Zwei Jahrzehnte sind nunmehr ins Land gegangen, seitdem zum erstenmal das Judentum aus seiner vorherrschenden Stellung aus den studentischen Vertretungen beseitigt wurde, aber Jahr für Jahr erneuert es, nicht immer ohne Erfolg, seinen Ansturm gegen die nationale Mehrheit in der Lesehalle. Jüdische Unduldsamkeit ist es gewesen, die s. Zt. den ersten Anstoß zu diesen Kämpfen gab, indem sie die antisemitischen Zeitungen aus der Lesehalle zu verbannen suchte. Mann für Mann erscheinen heute die Zionisten und Nationaljuden, die Reformjuden der freien wissenschaftlichen Vereinigung, die sozialistischen Juden, unterstützt von Polen und allen denjenigen ausländischen Elementen, mit denen sie entweder die Jnternationalität oder doch der Haß gegen deutsch-germanische Art einigt, an der Wahlurne. Wir Deutsch-Nationalen, ob Korporationsstudenten oder Finken, sind den Anstrengungen unserer Gegner niemals auch nur in annähernd gleichem Maße gefolgt. In der großen Mehrzahl unserer Korporationen haben wir zwar den Ausschluß der Juden durchgeführt, aber nur ein kleiner Prozentsatz dieser Verbindungen und Vereine hat sich bisher dazu entschlossen, den jüdisch-sozialistischen Bestrebungen auch in der studentischen Oeffentlichkeit entgegenzutreten. Auch Ihr Kommilitonen, die Ihr keiner Organisation angehört, steht nicht untätig beiseite, wenn es gilt, der Akademischen Lesehalle ihrer: nationalen Charakter zu wahren. Tretet ein für die Wahl derjenigen nicht inkorporierten Studenten, die als die Vertreter Eurer speziellen Interessen auf der Liste der nationalen Parteien stehen. Laßt uns, ob Korporationsstudenten oder Finken,