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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. Seite 653

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 653 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 663. getreten wird, dann geht ohrenzerreißendes Geschrei über die ganze Erde; für die schrecklichsten Leiden der stummen geduldigen Kreatur aber hat man keine Teilnahme, keinen mitleidigen Blick. Wir halten den einzelnen Vertreter dieses Standpunkts darum an und für sich nicht für schlechter als andere Leute. Wie innerlich verhärtend aller Fanatismus, auch der wissenschaftliche, wirkt, das laßt sich nirgends so deutlich beobachten, als gerade hier." Die Predigt für die „stumme geduldige Kreatur", die auf dem Seziertisch leidet, unter gleichzeitiger Verteidigung der Hetzjagd läßt an Heuchelei alle üblichen Leistungen auf diesem Gebiet hinter sich zurück. Die Berufung auf „Menschen- und Christenpflicht" bei solchem Anlaß ist geradezu blasphemisch. Sehr hübsch macht sich die unbewußte Anerkennung, daß die Wissenschaft ein „Sonderinteresse" des Liberalismus darstellt. * * * (Richtigstellung.) Die Meldung, daß in Warschau bei einem Zusammenstoß mit der Gendarmerie, der aus Anlaß der Rekrutenaushebung stattgefunden habe, vierzig Personen, darunter mehrere tödlich, verwundet worden seien, ist unrichtig. Der Sachverhalt ist, wie aus Warschau berichtet wird, folgender: Am 31. Oktober sammelte sich vor dem Gebäude der mit der Rekrutenaushebung beauftragten Behörde eine Volksmenge an, die teilweise aus Wehrpflichtigen, teilweise aus Neugierigen bestand und in der Juden die Mehrzahl bildeten. Es kam zu einem Straßenkrawall; als die Polizei einschritt, leistete die Menge Widerstand; vier Verhaftungen wurden vorgenommen, dagegen wurde Niemand verwundet. * * * (Das italienische Ministerium.) Mit dem italienischen Ministerium Zanardelli ist auch der jüdische Kriegsminister General Ottolenghi aus dem Staatsdienst geschieden. Das neue Ministerium Giolitti hat zwei jüdische Minister, den Eisenbahnminister, der zum ersten Mal ein Portefeuille erhalten, und den Schatzsekretär Signor Luigi Luzzatti, der schon zwei Mal dasselbe Amt in ausgezeichneter Weise verwaltet hat. Signor Luzzatti hat einen großen Ruf als Nationalökonom; die in den letztenJahren inderitalienischen Finanzverwaltung eingeführten Verbesserungen sind sein Werk. Er hat wiederholt im Auftrag seiner Regierung wichtige und schwierige internationale Verhandlungen geführt, war einer der Delegierten, die den Handelsvertrag mit Frankreich zu leiten hatten, und hat nach dessen Erledigung vom Präsidenten Loubet das Großkreuz der Ehrenlegion und sein mit liebenswürdigster Widmung versehenes Portrait erhalten. Als König Viktor Emanuel 1901 den „Orden der Arbeit" stiftete, hat Luzzatti als Erster diesen Orden bekommen in Anerkennung seiner wertvollen Verdienste um das Zustandekommen und die Entwickelung der korporativen Gesellschaften, der landwirtschaftlichen Kreditbanken und anderer Anstalten, die den Zweck haben, den Landwirten in der Aufbesserung ihres Bodens und in ihrer Befreiung aus Wuchererhänden beizustehen. In politischen Fragen gehört Luzzatti der Rechten an. * -i- * (Die Vorgänge von Homel.) Die „Petite Republique" vom 5. November bringt folgende Mitteilung ihres russischen Korrespondenten: In der Nummer vom 5. September erzählte zum Beispiel der russische amtliche „Regierungsbote" von einem Sergeanten der 6ten Kompagnie des Jnfanterie-Reg. Abasia, der im Augenblick, da er einen Juden habe packen wollen, von diesem einen Messerstich erhalten habe. Nun ist aber festgestellt worden, daß der genannte Unterofstzier gerade an dem Tag seiner angeblichen Verwundung Wachtdienst in der Kaserne verrichtete und also nicht ausgehen konnte. Die Militärbehörden haben überhaupt gegenüber den unwahren Angaben der Zivilbehörden konstatiert, daß kein Soldat verwundet worden. -ft -ft -ft (Die Kischinewer Anklageschrift.) Die russische Zeitschrift „Osvoboshdenje" veröffentlicht den Text der Anklageschrift über die Kischinewer Massakres. Zugleich bringt sie einen Abdruck des offiziellen Kommuniques des Ministers des Inneren, das bald n«ch den Krawallen der gesamten Presse zugestellt worden war — damit man ersehen könne, wie schlecht der russische Minister unterrichtet war. In der Tat sind so gut wie alle wesentlichen Angaben der ministeriellen Auslassung durch die gerichtliche Untersuchung widerlegt worden. Als Hauptursache der judenfeindlichen Bewegung erwähnt die Anklageschrift auf Grund zahlreicher Zeugenaussagen die gewissenlose Hetze der antisemitischen Zeitung „Beffarabetz". Davon wußte der Minister angeblich nichts. Ihm war berichtet worden, die jüdische Ausbeutung hätte die Bevölkerung Beßarabiens gegen die Juden aufgebracht. Nun stellt sich aber heraus, daß die Exzesse der Räuber garnicht von der einheimischen moldauischen Bevölkerung, sondern hauptsächlich von russischen Arbeitern aus anderen Provinzen begangen worden sind, die nur zeitweilig in Kischinew verweilen. Unter Anklage stehen zunächst nur sieben Exzedenten, die die erste Gruppe bilden. Ihre Namen sind folgende: Mirtschin, Morosuk, Kolesnitschenko, Grschegorzewski, Tschernewsky, Notatsch, Pilin. Nur der erste Name ist moldauisch, die übrigen sind russisch, kleinrussisch oder polnisch. Es scheint beinahe, daß die Russen und Polen nur nach Kischinew gekommen sind, um die moldauische Bevölkerung vom „jüdischen Joch" zu befreien . . . Die ministerielle Darstellung behauptete ferner, die Exzedenten wären von den Juden provoziert worden, sowohl am ersten wie am zweiten Krawalltag. Die Untersuchung hat keine Bestätigung dafür ergeben. Die Zahl der zerstörten Häuser ist doppelt so groß, als im ministeriellen Kommunique angegeben war. Im ganzen sind nach der Anklageschrift 500 jüdische Läden und 1350 jüdische Häuser geplündert worden, „ungefähr der dritte Teil der ganzen Stadt", wie ausdrücklich bemerkt wird, das heißt, so gut wie alle jüdischen Häuser innerhalb der Stadt. Die christlichen Häuser blieben alle unversehrt; die Anklageschrift führt kein einziges Beispiel eines zerstörten christlichen Hauses an. Man sieht, daß es in der Tat eine sehr „saubere Arbeit" war; die Polizei war ja bekanntlich die ganze Zeit zur Verfügung der Exzedenten, um Auskunft darüber zu geben, wo ein christliches und wo ein jüdisches Haus war. . . . Ueber das Verhalten der Polizei äußert sich die Anklageschrift wörtlich wie folgt: „Wegen der Unbeholfenheit der Polizei, die ohne geeignete Leitung war, wurden alle diese Exzesse straflos verübt, was natürlich die Exzedenten noch mehr ermuntert und angestachelt hat." „Die niederen Polizeibeamten waren in den meisten Fällen stumme Zuschauer der Krawalle." „Das Ausbleiben energischer Maßregeln seitens der Polizei zur Beendigung der Unruhen hat von neuem das Gerücht verbreitet, die Regierung hätte ihre Bewilligung dazu erteilt, daß die Juden überfallen werden, da sie Vaterlandsfeinde seien. Die Exzedenten, ermuntert durch ihre Erfolge und ihre Straflosigkeit, aufgeregt durch den Wein, den sie im Ueberfluß den geplünderten Weinkneipen und Weinkellern entnommen hatten.

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