Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 652. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46 Dieses Bewußtsein ist aber nirgends eine größere, gebieterischere Notwendigkeit als bei den untersten Volksschichten. *Die Gesundung des jüdischen Volksorganismus muß aus dem tiefsten Innern sich vollziehen, auch da dürfen wir nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben bauen. Deshalb betrachte ich den spezifisch-jüdischen Charakter unserer Toynbeehalle als deren allergrößten Vorzug. Diesen Charakter wollen wir ihr nicht nur in diesem Vereinsjahr, sondern in allen kommenden Jahren erhalten, dann wird sie eine Stätte der Verbrüderung aller Volksschichten, aller Klassen sein, aber auch eine Pflegestätte jüdischen Volksbewußtseins, jüdischen Selbstbewußtseins bilden. Als solche Pslegestätte empfehle ich die Toynbeehalle Ihrer Gunst und Ihrem Wohlwollen. Vergessen Sie das Eine nicht: die Toynbeehalle bedarf des Sonnenlichts und der Sonnenwärme, um zu wachsen und zu gedeihen. Vergessen Sie aber auch das andere nicht: das Judentum; das jüdische Volk bedarf solcher Hallen, solcher Pslegestätten, um wieder zu gesunden und zu erstarken. Literarisches. Rabb. Dr. Reppners jüd. liier. Llbreiß-üalender Verlag von Israel Tuch in Koschmin. Preis 75 Pfg. Man braucht kein Freund von Reformen oder der modernen Richtung zu sein, um an einer Neuerung und Anpassung Freude zu haben, die eine überlieferte Erscheinung im jüdischen Hauswesen in das landesübliche Gewand kleidet. Selbst der strenge Anhänger des unveränderlich Alten darf und wird die Verjüngung des „Luach" zum „Abreißkalender" willkommen heißen. So traulich der alte „Luach" war, in so freundlicher Erinnerung er uns von den Jugendlagen her ist, wenn es galt, zu sorglicher Berechnung den Termin eines Feiertags oder eines ernsten Gedenktags festzustellen oder zu froher Erwartung die Frist bis zu einem bevorstehenden Geburtstag abzumessen, oder die Antwort auf kalendarisch-religiöse Fragen zu suchen — der Abreißkalender ist uns doch handlicher; und sogar traulicher noch als der von ihm verdrängte Genosse wird er uns, wenn wir zu unserer Ueberraschung finden, daß der sonst so profane Geselle uns weihevoll begrüßt, nicht bloß bei seltenen, besonderen Anlässen, vielmehr Tag für Tag. Daß er der stetig wiederkehrenden religiösen Jahresstationen treu gedenkt, ist selbstverständlich. Daß er den großen Toten unserer Gemeinschaft Erinnerungsworte widmet, ist eine erfreuliche und erbauende Beigabe. Daß er freigebig auch Lebenden Lorbeer spendet, wird wenigstens diese nicht verdrießen. Nicht minder anzuerkennen sind die Sprüche, die in kluger Auswahl eingestreut sind, zu Schmuck und Lehre, zu Erbauung und Unterhaltung. Der Heppnersche Abreißkalender gehört ins jüdische Haus, dessen Freund und Berater er ist. Dir Politik. (Antisemitismus und Forschung.) Die gegenwärtig in Wien sich breit machende Verquickung von Antisemitismus mit dem Treiben der Antivivisektionisten wurde bereits von Dubois-Reymond in seinem 1882 in der Berliner Akademie der Wissenschaften gehaltenen Vortrag „über die wissenschaftlichen Zustände der Gegenwart" mit folgenden Worten gekennzeichnet: „Wurden wir nicht Zeugen einer Bewegung, deren Schmach wir bei uns für so unmöglich hielten wie Folter, Hexenprozesse und Menschenhandel? Dabei unterfängt sich sentimentale Ignoranz, deren Treiben sich von verleumderischer Angeberei und sträflichem Hetzen in seiner Wirkung nicht unterscheidet, wissenschaftliche Untersuchungsmethoden als frevelhaft zu brandmarken, welche schon Robert Hook und der gottesfürchtige Haller unbedenklich übten." In seinem Aufsatz „der physiologische Unterricht sonst und jetzt" hält Dubois-Reymond den Gegnern der Vivisektion das Wort Karl Vogts entgegen! „Für die geretteten Hundeleben werdet ihr mit Menschenleben, für die den Kaninchen und Fröschen ersparten Schmerzen mit menschlichen Leiden bezahlen." Darüber — sagte der große Berliner Physiolog — ob überhaupt Vivisektionen zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt seien, ist Schlagenderes meines Erachtens nicht gesagt worden, als in dieser Warnung, deren Triftigkeit nur Ignoranten bestreiten." Es wäre mehr als seltsam gewesen, wenn nicht die „Kreuzzeitung" den Wiener Brüdern vom Obskurantismus beigesprungen wäre. Sie tut ihre antisemitische Bundespsiicht in ausgiebiger Weise, indem sie schreibt: „Im niederösterreichischen Landtage hat die Frage der Tierversuche oder der Vivisektion zu äußerst heftigen Auseinandersetzungen geführt, auf deren Einzelheiten wir aber nicht eingehen, weil es sich dabei auf der einen wie auf der anderen Seite nur um Wiederholung längst bekannter Sätze und Behauptungen gehandelt und, der Natur der Sache nach, hat handeln können. Bei alledem geziemt es sich wohl, auch in diesem Zusammenhang wieder einmal daran zu erinnern, wie wenig die sog. „Humanitären" Grundsätze des Liberalismus Stand halten, wenn und wo seine Sonderinteressen in Frage kommen. Daß die Gegner in diesem Falle, vornehmlich die Christlich - Sozialen die entsetzliche Grausamkeit der Tierversuche, d. h. die systematische Folterung lebender Wesen, selbst dann nicht gutheißen möchten, wLWlM^ sie den Fortschritt der Wissenschaft zu fördern geeignet sind oder sein sollen — setzt ihn förmlich in Wut, und zahllose Judenblätter fallen in der Sprache der Gosse über diejenigen her. die sich dieser heidnischen Ueberhebung des Wissens über die Pflichten der Barmherzigkeit widersetzen, und überschütten die „Dunkelmänner" mit einem Spott, der nirgends weniger angebracht wäre, als gerade hier, und überdies in der lächerlichsten Weise entgleist — so z. B. wenn er die Jagd mit den Tierversuchen auf eine Stufe stellt. Ja, das ist lächerlich, und doch wieder gar nicht zum Lachen, wenn man sieht, wie vergeblich alle Bestrebungen sind, die auf diesem Gebiet Abhülfe schaffen möchten. Schon heute kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß der Beschluß des niederösterreichischen Landtages, der sich gegen die wissenschaftlichen Tierversuche wendet, praktisch so gut wie ergebnislos bleiben wird, wenn die dadurch hervorgerufene Erregung auch noch lange fortzittern mag. Vor dem Nimbus der Wissenschaft und ihren „unabweisbaren Forderungen" beugt sich alles, was auf Einfluß und Stellung Anspruch macht. Am letzten Ende wenigstens wagt niemand ernstlich zu widersprechen und seine abweichende Meinung durch die Tat geltend zu machen. So haben auch die zuständigen Behörden die beruhigendsten Erklärungen abgegeben, und feierlich versichert, daß das „Recht der Wissenschaft" nicht angetastet werden solle. Dennoch halten wir das Vorgehen der „Christlich-Sozialen" im niederösterreichischen Landtag keineswegs für überflüssig und zwecklos — wie überhaupt nichts überflüssig und zwecklos ist, wenn es gilt, eine Menschen- und Christenpflicht zu erfüllen, und zugleich die Heuchelei derer zu entlarven, die sich, wo es nichts kostet, als die Vertreter echter Menschlichkeit aufzuspielen pflegen —; besonders wenn irgendwo einem Juden auf die Füße