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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. Seite 651

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 651 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46 Israelitische Wochenschrift. Seite 661. schaftliche Fragen anders als wissenschaftlich behandeln, ist das nicht ein Kampf, den das Volk seinen Gelehrten überlassen muß? Nun, daß viele Weise und Kluge so sprechen und fragen, ist leider der traurigste Beweis dafür, daß das jüdische Selbstbewußtsein sehr tief gesunken ist. Ob auch die Griechen so gesprochen und gefragt hätten, wenn es jemandem eingefallen wäre, das hellenische Schönheitsideal als entlehnt zu bezeichnen, weil er etwa für diese Behauptung eine Stütze in den Hieroglyphen gefunden zu haben vermeinte? Es hätte nicht ein einziger Grieche diese Frage als eine wissenschaftliche angesehen, weil es zum Wesen des Griechen gehörte, das hellenische Schönheitsideal als Urbesitz des griechischen Volkes hochzuhalten. Verhält es sich anders mit dem jüdischen Monotheismus? Haben die Babylonier, bei denen vorgeblich der biblische Gottesname Vorkommen soll, Propheten hervorgebracht? Gibt es ein Volk in der alten Welt, bei dem auch nur Ansätze zu einer monotheistischen Literatur vorhanden sind? Wir verdanken unsere wahre und klare Gotteserkenntnis nicht der Offenbarung am Sinai, nicht dem Gesetzgeber Moses, sondern einzig und allein unserem Stammvater, dem Patriarchen Abraham. Ob dieser aus seiner eigenen Denkerkraft heraus oder durch Anregung von außen den einen einzigen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde erkannte, ist ganz gleichgiltig angesichts der weltgeschichtlichen Tatsache, daß seine Nachkommen erst, nachdem sie zu einem Volke geworden waren, der Lehre von dem einen Gotte Eingang in die heidnische Welt verschafften. Der monotheistische Gedanke mußte zuerst im Leben eines ganzen Volkes Verkörperung und Ausgestaltung finden, bevor die Verheißung in Erfüllung ging, daß der Patriarch zum Segen der Völker werde. Der Monotheismus mußte zuerst zu einer Volksreligion werden, bevor -er dem Polytheismus mit Aussicht auf Erfolg entgegentreten konnte. Für den Gang der Weltgeschichte, für die Entwicklung des Menschengeschlechtes konnte es völlig belanglos bleiben, bei welcher einzelnen Person der erste Keim des monotheistischen Gedankens entstand. Denn es kommt einzig und allein darauf an, nicht bei sondern in welchem Volke dieser monotheistische Keim zum mächtigen Baume emporwuchs. Wir Juden sind gewiß stolz auf unsere Urahnen, aber wir verhehlen uns nicht einen Augenblick, daß wir im geistigen Sinne des Wortes erst als Volk die Kinder Abrahams genannt werden können. Was uns zum auserwählten Volke macht, das ist die von unserem Urahn ererbte geistige Veranlagung, die es ermöglichte, daß der monotheistische Gedanke in uns als Volk zur herrlichsten Blüte gelangte. Das auserwählte Volk — und das sind und bleiben wir, nicht von der Völker und Fürsten, sondern von Gottes Gnaden — würde tatsächlich von seinem Nimbus nicht das allergeringste verlieren, wenn es sich in Wirklichkeit Herausstellen sollte, daß der von dem Patriarchen in den Geist seiner Nachkommen eingesenkte Keim des Monotheismus babylonischer Provenienz sei. Wer würde denn daran zu zweifeln wagen, daß die Zeder den Libanon zur Heimat hat, auch wenn der Nachweis geführt werden könnte, daß der Keim, aus dem die Zeder emporgewachsen, vor vier- oder fünftausend Jahren am Euphrat vorhanden war? Das müßte ja vielmehr jedem Denkenden als Beweis gelten, daß der Boden des Euphratlandes für alles andere eher als für die Zeder geeignet war, daß in diesem Boden die Zeder unmöglich gedeihen konnte. Alle jene, die die beiden Worte „Bibel, Babel" zusammenkoppeln, um die Bibel zugunsten Babels zu entwerten, vergessen das eine, daß die Bibel die herrlichste Blüte des , jüdischen Monotheismus ist, jenes Riesenbaumes, der heute noch in uns als Volk seine tiefsten Wurzeln hat, jenes Riesenbaumes, der mit seinen weitverzweigten Aesten die ganze gesittete Welt beschattet, daß Babel dagegen eine Gräberstätte ist, ein Land, wo schon vor zweitausend Jahren alles in Scherben ging, ein Boden, in welchem der Keim des monotheistischen Erkennens niemals hätte Wurzel fassen, niemals zu einem noch so kleinen Baume hätte emporwachsen können. Ich sage absichtlich, mit besonderem Nachdrucke: des monotheistischen Erkennens, denn es ist ein leider vielfach verbreiteter Irrtum, daß wir Juden die Idee des einzig-einigen Gottes der Offenbarung am Sinai verdanken. Das gerade Gegenteil ist wahr. Es ist ein völlig unjüdischer, ein heidnischer Gedanke, daß Gott, unser Gott, jemals einem Weibgeborenen sich geoffenbart hätte, ohne daß dieser Offenbarung die Erkenntnis des höchsten Wesens vorausgegangen war. — Erst nachdem Abraham den einzig-einigen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde erkannt hatte, erst da vernahm er die Stimme Gottes; erst nachdem er vom Dasein eines die Welt regierenden Gottes auf das Unerschütterlichste überzeugt war, erging an ihn der Ruf, seine Sendung anzutreten. Am Sinai hat Gott nicht sich, nicht sein Dasein, sondern bloß seinen heiligen Willen, sein Sittengesetz uns und durch uns der ganzen Welt geoffenbart. Es ist darum eine Entstellung, eine Verdrehung der Tatsachen, wenn man immer wieder gegen besseres Wissen behauptet, wir Juden müßten unseren Monotheismus als ein durch die sinaitische Offenbarung vermitteltes Gnadengeschenk Gottes betrachten. Diese Verdrehung müssen wir mit aller Macht bekämpfen, und das können wir nicht wirksamer, als indem wir unser Volkstum hegen und pflegen, das jüdische Bewußtsein überall, wo es durch Betäubung von außen oder durch Erschlaffung im Innern eingeschlummert ist, aus seinem tiefen Schlafe erwecken. Der Behauptung, unser jüdischer Monotheismus sei entlehnt oder erborgt, dürfen wir nicht durch unsere Gelehrten, Rabbiner, Philologen, Orientalisten, der müssen wir Juden als Gesamtheit, als Volk, entgegentreten, wir müssen der Welt zeigen, daß das Judentum nicht gesonnen ist, sich totschlagen oder ausplündern zu lassen. Die Bibel freilich gehört, dank dem Himmel, der ganzen Welt, aber der Autor dieser Bibel, der sind wir, das jüdische Volk. Dieses Autorrecht lassen wir uns von niemandem antasten und rauben. Die Erweckung des jüdischen Bewußtseins besteht aber darin, daß wir die Zusammengehörigkeit aller auf dem Erdenrund lebenden Juden mit dem größten Nachdruck betonen. Es muß doch endlich einmal gebrochen werden mit der Selbsttäuschung, mit dem Selbstbetrug, als wären wir bloß jüdische Oesterreicher, jüdische Ungarn, Deutsche, Franzosen, Russen. Nein. Wir sind unbeschadet unseres stets bewährten Patriotismus, österreichische, englische, meinetwegen russische Juden — wir sind Juden und als solche ein Volk, wir sind das Volk der Bibel, das Volk, dem die Welt die Bibel und mit ihr den Monotheismus verdankt. Verbindet uns aber einmal diese feste, unerschütterliche Ueberzeugung, dann wird das jüdische Bewußtsein allmählich in ein stolzbescheidenes oder, wenn sie so wollen, bescheidenstolzes jüdisches Selbstbewußtsein sich umwandeln, dann werden unsere Feinde nach und nach erkennen, daß es eine babylonische Verwirrung gewesen, von Bibel und Babel in einem Atemzug zu reden, denn sie werden zur Einsicht gelangen, daß wir noch immer das sind, was wir vor Jahrtausenden schon gewesen, das klassische Volk der Religion, das Volk der monotheistischen Erkenntnis.

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