Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 650 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 650. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. eigenem Mandat sich die Befugnis zur Abschaffung von Religionsgesetzen beilegt, kann man sich schon denken. Dergleichen ist dagewesen. Daß aber eine Synode in unserer Zeit die Macht haben soll, irgend ein Zeremonialgesetz wirklich bindend zu machen für Rabbiner und Gemeinden — das glaubt doch Herr Dr. Tänzer selbst nicht. Da Herr Tänzer gleichwohl nach der Synode ruft, so muß er sich mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß diese nur „löst" und niemals „bindet". Um die Gefolgschaft ist Herrn Tänzer nicht bange. Die werde sich schon einfinden. Natürlich werden das die Aufgeklärtesten sein. Anfänglich nur eine kleine Elite, dann aber mehr und mehr. Was Synagoge und Kanzel betrifft, so ist Dr. Tänzers Allheilmittel recht einfach: Der wöchentliche Hauptgottesdienst am Sabbat soll nicht über eine Stunde dauern, einschließlich der Predigt. Die Predigt sei der Mittelpunkt des Gottesdienstes. Die Predigt soll nicht „geistreich" sein. Hinsichtlich des Religionsunterrichts will Dr. Tänzer sorgfältige Vermeidung jeder Einzelheit, die nicht naturwissenschaftlich beglaubigt ist. In Zweifelsfällen hat wahrscheinlich die philosophische Fakultät zu entscheiden, oder, was nach Herrn Dr. Tänzer aus dasselbe hinausläuft: der moderne Rabbiner. Das sind die Gedanken und Anregungen des Herrn Dr. Tänzer. Man könnte bei ihrer Lektüre einen zweiten Wurmfortsatz kriegen, wenn nicht in der Heilwirkung des Lachens das Gegenmittel gleich mit dispensiert würde. Aas lUrfcti der Milchen Toynberhalle. Rede, gehalten von Rektor Dr. Schwarz zur Eröffnung des vierten Vereinsjahres der jüdischen Toynbeehalle in Wien, am 31. Oktober 1903. Gemeinnützige Institutionen haben zu ihrem Gedeihen so wie Pflanzen zwei Voraussetzungen: einen geeigneten Boden, in dem sie Wurzel fassen können, und warmes Sonnenlicht, auf daß sie zur Höhe emporwachsen. Die Toynbeehalle ist eine solche Institution. Daß Wien mit seiner großen jüdischen Bevölkerung für ein solches Unternehmen der geeignete Boden ist, kann wohl nicht zweifelhaft sein. Aber ebenso fest steht es, daß sie unmöglich wachsen und gedeihen kann, wenn sie nicht in der Gunst der öffentlichen Meinung eine erwärmende Sonne findet. Deshalb begrüße ich Sie freudig, denn Ihre Anwesenheit ist uns eine Bürgschaft dafür, daß Sie der Toynbeehalle ein wohlwollendes Interesse entgegenbringen, daß Sie um so geneigter sein dürften, unsere Bestrebungen zu fördern, je näher Sie das Wesen der Toynbeehalle kennen lernen. Was sie in Wirklichkeit ist, könnte am beredtesten nur sie selber künden, so es ihr nicht an Raum gebräche, eine größere Anzahl von Gästen zu empfangen. Bis dahin ist sie darauf angewiesen, sich einen Dolmetsch zu bestellen; als solcher muß ich aber verzichten, die Sprache der unmittelbaren Anschauung zu vermitteln. — Um die Leistungen der Toynbeehalle in erschöpfender Weise zu schildern, müßte ich aufzählen, nicht was sie Gutes schafft, sondern wie viel Böses sie verhindert, wie sie ganz besonders an jenen Winterabenden, die den Leichtsinnigen um so gefährlicher werden können, als sie weder mit sich noch mit ihrer Zeit etwas anzufangen wissen, manchen, die, von der Not des Lebens zur Verzweiflung getrieben, sich selbst zu entfliehen drohen, zu Stab und Stütze, um nicht zu sagen zur Lebensretterin wird. Wem braucht dabei gesagt zu werden, daß die Kunst des Arztes, der vorbeugt, weit höher zu bewerten ist als die, womit er die zum Ausbruch gekommene Krankheit zu verscheuchen sucht? Dabei darf nicht vergessen werden, daß moralische Krankheiten weit gefährlicher sind, weil sie mit ihrem größeren Ansteckungsstoff leicht in Epidemien ausarten. Man könnte daher die Toynbeehalle als eine sozial bedeutungsvolle Institution bezeichnen, womit aber ihr Wesen nicht erschöpft ist, weil das fluktuierende Element einen immer mehr verschwindenden Bruchteil bildet. — Die Toynbeehalle hat eine gewaltige Anziehungskraft für alle, die sich bilden und veredeln wollen, sie übt aber eine Abstoßungskraft auf jeden aus, der sich unter guten Menschen nicht heimisch fühlt. —^ Die 300 bis 400 Personen, die während der Wintermonate allabendlich sich hier zusammenfinden, bilden eine große Familie, deren Glieder nach den Arbeiten und Mühen des Tages in diesem Raume Erholung und Erquickung, wissenschaftliche Belehrung und künstlerische Erbauung suchen und finden. Bedenkt man weiter, daß die Toynbeehalle mit ihren mannigfaltigen Kursen vielen Lernbegierigen eine Fortbildungsschule ist, dann sagt man nicht zuviel, wenn man sie als Stätte geist- und gemütanregender Geselligkeit, aber auch wirklicher Volksbildung, wahrer Volksveredelung bezeichnet. Doch damit habe ich Ihnen bei weitem nicht alles gesagt, was sie bietet und leistet. Ich will nur noch einen ihrer großen Vorzüge nennen: sie ist eine jüdische Toynbeehalle, jüdisch insofern, als sie sich zum Ziel gesetzt, jüdisches Selbstbewußtsein zu wecken und zu steigern. — Und wahrlich, in einer so tieftraurigen Zeit wie die unsere, in einer Zeit, da die feindseligsten Angriffe von außen mit der Fahnenflucht, dem Abfall im Innern sich verbinden, um die Felsenmauern des Judentums zu erschüttern, in einer solchen Zeit muß der Mangel jüdischen Bewußtseins aufs tiefste beklagt, aufs schmerz^-^^ empfunden werden. Gewiß haben die Katastrophen von Kischinew und Homel die jüdischen Gemüter aufgerüttelt, die jüdischen Herzen entflammt, die jüdischen Hände zum Geben weit geöffnet. Haben wir aber damit das unsrige getan? Wenn wir an die vogelfrei erklärten Gemeinden in Rußland denken, können wir uns nicht verhehlen, daß die jüdische Volksseele unter diesen Todesstreichen noch lange nicht so sehr erzitterte, wie unter dem einen in Deutschland gegen sie geführten Hieb. — In Rußland wurden die Juden nusgeplündert von einer Schar, der eine gewisse Immunität zugesichert war. In Deutschland glaubte man das Judentum abschlachten, ausrauben zu können, indem man die sogenannte freie Wissenschaft ins Treffen schickte, um den jüdischen Monotheismus als entlehnt zu verlästern und zu brandmarken. Unter diesem einen Streich muß die jüdische Volksseele viel schmerzlicher zusammenzucken und ausschreien als unter den tausenden in Rußland gegen sie geführten Streichen. Denn die Greueltaten in Rußland, sie bleiben eine nicht bloß uns, sondern der ganzen gesitteten Menschheit zugefügte Schmach. Wenn auch die Mitwelt solchen Szenen gegenüber ruhig sich verhielt, wenn die sonst so redegewaltigen Führer des Jahrhunderts still blieben, so wird die Geschichte über diese Führer umso strenger zu Gericht sitzen. Doch der gegen den jüdischen Monotheismus in Deutschland gerichtete Angriff ist eine ausschließlich an das auserwählte Volk gerichtete Herausforderung zum Kampf auf Leben und Tod, eine Herausforderung, die wir annehmen müssen, so wir nicht selber unserm Volk eine weit größere Schmach als die von unseren Feinden uns zugefügte antun wollen. Aber wie, so wird man fragen, kann man denn wissen-