Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 649 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 649 niemals irgendein Religionssystem zustande gebracht hat". — Das ist einfach nicht wahr. Keine Naturforschung hat den Gottesbegriff so eindringlich von allem anthromorphen Beiwerk entkleidet, wie Deuteronomium 4, 15 u. ff.: „Haltet euch sorglich vor eurer Seele, daß ihr keinerlei Gestalt gesehen habt an dem Tag, da Gott aus Feuers Mitte auf dem Horeb zu euch sprach. Damit ihr nicht in das Verderben verfallet, euch ein Bildnis zu machen, einen Götzen in Mannes- oder Frauengestalt, in der Gestalt irgend eines Viehs, das auf Erden ist, oder eines geflügelten Wesens, das am Himmel fliegt, in der Gestalt irgend eines Gewürms auf Erden, in der Gestalt irgend eines Fisches im Wasser, unter der Erde. Damit du auch nicht dein Auge zum Himmel erhebest, Sonne, Mond und Sterne, das ganze Himmelsheer ansehest und verleitet werdest, ihnen anbetend zu dienen. Denn der Herr dein Gott ist es, der jene hingestellt hat für alle Völker unter dem ganzen Himmel. Euch hat der Herr genommen, euch hat er aus dem eisernen Ofen, Egypten, herausgeführt, daß ihr sein Volk werdet und sein Eigentum, wie an diesem Tag." Der Verfasser teilt die Religionsgeschichte der Menschheit betreffs der Erfassung des Begriffs vom Wesen Gottes in drei Hauptabschnitte: „1. in jenen der untersten Entwicklungsstufe mit all den Vorstellungen der Vielgötterei; 2. in jenen der mittleren Entwicklungsstufe, die bereits nur einen Gott kennt, diesen aber in anthromorpher Vorstellung außerhalb der sichtbaren Natur sich denkt; 3. in jenen der derzeit höchsten, wenn auch heute nur von den Wenigsten erfaßten Entwicklungsstufe endlich, die Gottes ureigenstes Wesen aller Spekulation entrückt und ihn, ohne in der Identifizierung mit der Natur sein Wesen schon erschöpft zu glauben, nur nach jenen seiner Attribute zu erfassen sucht, die innerhalb der Natur, im Vorhandensein der Materie und der in dieser zutage tretenden Energie, sich äußern; da der einzige Gott vom Menschen in dem in ihm sich offenbarenden, ihn erfüllenden und anspornenden Ideale sittlicher Vollkommenheit empfunden wird und woraus dann die Ueberzeugung entspringt, daß die Religion, die einen solchen Gottesbegriff verkündet, vom Menschen nur die möglichste Nachahmung dieses göttlichen Ideals ethischer Vollkommenheit fordert, ja überhaupt nur eine Sünde gegen Gott kennt, die des bewußten Vergehens und trotzigen Aufbäumens gegen das ethische Gesetz, welches die unentbehrlichste Grundlage menschlicher Weiterentwicklung ist. Während die unterste Periode in die Zeit vor dem Auftreten des jüdischen Volkes fällt, bilden die beiden letzteren Entwicklungsstufen Ruhmestaten jüdischen Geistes, indem beide Juden zu ihren geistigen Urhebern haben. Die zweite Entwicklungsstufe knüpft sich an den Namen des Moses, die dritte an den von Spinoza. Mit den Namen Moses und Spinoza ist das Judentum unlösbar mit der geistigen Entwicklungsgeschichte der Menschheit verknüpft." Der Versuch, im Namen Spinozas „Gottes ureigenstes Wesen aller Spekulation zu entrücken", wird bei den Kennern Spinozas schmunzelnde Anerkennung finden. Noch eine Stelle sei angeführt, die die wissenschaftliche Höhe der Tänzer'schen Auffassung mit außerordentlicher Aufrichtigkeit kennzeichnet. Der Verfasser sagt pag. 39: „Und warum sollte die Bibel wirklich in allen Teilen und Worten das Vollkommenste darstellen? Etwa weil sie angeblich ein von Gott verfaßtes, geschriebenes oder auch nur wörtlich inspiriertes Werk ist? Ist etwa der Mensch ein wirklich vollkommenes Gotteswerk? Haben wir nicht selbst in unserem Körper Teile, wie z. B. den Wurmfortsatz des Blinddarmes, der keinerlei Funktion versieht und nur, als Sitz lebensgefährlicher Krankheiten, uns mit steter Lebensgefahr bedroht? Und desgleichen noch manch andere überflüssige Körperteile, deren Vorhandensein uns nur als Rudimente früherer Formation erklärlich wird?" Der Wurmfortsatz als Beweis für die Lückenhaftigkeit der Weltschöpfung bleibt ein genialer Gedanke, auch wenn er nicht neu ist. Das Hauptstück der Schrift ist der Anhang. Der Verfasser beginnt mit einer löblichen Zurückweisung „jeder Annäherung an die christliche Kirche, jeder wie immer Namen habenden Nachahmung ihrer Gebräuche". Er sagt, nicht gerade schön, aber energisch: „Jene in früheren Jahrzehnten, in der Sturm- und Drang- Periode des modernen Judentums, angestrebte Assimilation an das Christentum war ein totgeborenes Kind, ein dem jüdischen Geist mit seinem mehr oder minder bewußten Streben nach Wahrheit, Einheit und Erkenntnis absolut zuwiderlaufendes Unternehmen und hat darum auch gründlichen, allseitigen und wohlverdienten .Schiffbruch gelitten." Sodann beklagt der Verfasser den Widerspruch zwischen Lehre und Leben. Dieser Widerspruch erzeuge Niedergang, was er am jüdischen Zeremonialgesetz, an Synagoge und Kanzel, am jüdischen Religionsunterricht zeigen will. Er tut es auch. Ganz in der obigen Wurmfortsatz-Methode. Er findet es unerhört, daß der Rabbiner das Zeremonialgesetz halten soll, während sich die Gemeinde „mit überlegener Miene" darüber hinwegsetze. Das gehe nicht an. Was die Gemeinde dürfe, das müsse auch der Rabbiner dürfen. Die Lehre von einst müsse sich dem Leben von jetzt fügen. Der Verfasser begründet das in folgender Weise: „Diese Frage hat eigentlich nur noch akademischen Wert, denn in der Praxis ist sie längst entschieden, hat das Leben längst obgesiegt. Das Leben mit seinen Ansprüchen war stärker und hat diesen, in früheren Entwicklungsperioden so wichtigen Teil des Judentums dein allgemeinen Naturgesetze untergeordnet, nach welchem ausnahmslos alles, was leben und gedeihen will, sich den bestehenden Lebensverhältnissen anpassen muß. In nicht offizieller Weise haben die modernen Juden sich auch bereits durch stillschweigende Ignorierung des Zeremonialgesetzes dem Leben angepaßt. Freilich, der Herr Rabbiner hat's nicht ausdrücklich sanktioniert, aber daß die so mit der alten Lehre dem modernen Leben nachhinkenden Rabbiner nicht an Ansehen gewinnen, ist selbstverständlich. Warum aber nachhinken?. Warum dem offiziell immer noch bestehenden Konflikte zwischen Lehre und Leben für die modernen, entwickelten Juden nicht mit mutvoller Offenheit ein Ende bereiten? Ich stelle deshalb als Konsequenz alles Gesagten die Forderung auf: Eine internationale Synode aller biefen Prinzipien zustimmenden jüdischen Gelehrten und Rabbiner soll eine zeitgemäße Revision des jüdischen Zeremonialgesetzes durchführen, das Erhaltbare und Notwendige aus demselben als bindendes Zeremonialgesetz für die Gemeinden des entwickelten, modernen Judentums aufstellen, woran dann Gemeinden und Rabbiner in gleicher Weise sich zu halten haben." Man hat wohl noch nie so kläglich nach einer öffentlichen Schinkenstulle weinen gehört. Herr Tänzer aber darf sich beruhigen. Es gibt Rabbiner genug, die sich diesen Genuß auch ohne Synodalbeschluß vergönnen. Daß eine Synode aus