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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. Seite 648

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 648 (sequence 4)
Language
German
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Seite 648. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Gewiß sind wir Sünder allzumal, gewiß haben wir zur Selvstgerechtigkeit keinen Anlaß — aber dem Antisemitismus und semem schuftigen Anhang gegenüber haben wir keinen Grund, Büßfertigkeit zu betonen. Wir fühlen den Splitter in unserem Auge — doch dem Mißwollenden, der uns deswegen höhnt und unser Gebrechen übertreibt, dem machen wir keine Verbeugung, sondern wir rufen ihm zu: Nimm den Schleier von deinem Auge, und du wirst richtiger sehen! Theodor IHomnifni. Einer der Größten unserer Zeit ist in Theodor Mommsen dahingegangen. Satt an Tagen, nach einem langen, arbeitgesegneten Leben hat er diese Erde verlassen. Und auch uns hat er gehört, so lange er im Licht wandelte. Sein freier Geist ließ ihn unsere Sache als die Sache des Rechts erkennen — obwohl er von Geist und Inhalt des Judentums keine genauere Wissenschaft besaß. Für das Menschenrecht trat er ein, da er unseres Rechts sich annahm. Es zählt zu der Judenheit Ruhmestiteln, daß. alles, was redlich und tief, was weise und gut ist, sich auf der bedrängten Judenheit Seite stellt, daß unter seinen Bedrängern die Ruppel und Ahlwardt voranstehen. Mommsen war unter den Notablen, die im Jahr 1880 die feierliche Verwahrung und Vermahnung gegen die schmachvolle Bewegung erließen, die wie eine Seuche durch Europa gezogen ist, das öffentliche Leben vergiftet hat. Einem mißdeuteten Satz Mommsen's haben die „Gebildeten" unter den Antisemiten das Schlagwort entnommen, daß die Juden ein „Ferment der nationalen Dekomposition" bildeten. Die wahre Bedeutung dieses Wortes, das für die, die es mißbrauchten, nichts weniger als schmeichelhaft ist, haben die Antisemiten nicht erkannt, wohl auch nicht erkennen mögen. Mommsen hat außerhalb des „Schattens der Kirche" gestanden. Er hatte sich von seiner Kirche getrennt und war jeder Kirche fremd geworden. Daraus erklärt sich, daß er die Juden einladen konnte, sich — nicht dem Christentum, sondern — der Christenheit anzuschließen, als der freimaurerischcn Gemeinschaft der Aufgeklärten und Gebildeten, die bei un3 einmal landesüblich ist. Wir haben uns seiner Zeit gegen diese irrige Auffassung vom Judentum erklärt und die freundlich gemeinte Einladung mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen. Möglich, daß Mommsen Anlaß genommen hat, sich über seinen Irrtum zu unterrichten, dem eine fehlgehende Auffassung des Lessing'schen Wortes zugrunde lag: „Was mich dir zum Christen macht, das macht dich mir zum Juden." Auch von der späteren Geschichte der Judenheit und von ihrer Gegenwart wußte Mommsen wenig, obwohl er ein großer Historiker war. In solcher Unbekanntschaft konnte er vor wenigen Jahren den Brief an die Deutschen Böhmens veröffentlichen, in dem er sagte: es sei den Deutschen Böhmens bei ihrer kompakten Ansiedelung nicht möglich, Böhmen zu verlassen, wie etwa die Juden Rußlands Rußland zu verlassen vermöchten. Hätte er sein scharfes Auge so fest auf den Osten Europas gerichtet, wie er es auf den Süden gerichtet hielt, er wäre zu einem anderen Vergleich und zu dem Schluß gekommen, daß die Auswanderung der Millionen Juden aus Rußland so untunlich ist, wie die Auswanderung der Millionen Deutschen aus Böhmen. Doch dieses Fehlgreifen kann unserer dankbaren Anerkennung für den Mann nicht hinderlich sein, der in unserer Bedrängnis unserer Sache als der Sache der Gerechtigkeit sich mit Eifer und Wärme angenommen hat. Darin beruht eben unser Stolz und unsere Zuversicht, daß es keinen Gerechten geben kann, der nicht unsere Forderungen als Forderungen der Gerechtigkeit anerkennt. Mommsen hat es getan — das Angedenken des Gerechten sei zum Segen! Schiiikeustullt uttfc Wurmfortsatz. Herr Dr. A. Tänzer, Rabbiner für Tirol und Vorarlberg in Hohenems, hat unter dem Titel „Judentum und Entwicklungslehre" eine Schrift herausgegeben, die bei S. Calvary & Co. in Berlin (Preis 3 Mark) erschienen und sehr beachtenswert ist. Sie ist typisch für eine ganze Richtung von Reform- Eiferern, die aufrichtig das Beste wollen, die auch das große Ganze zu übersehen glauben, deren Horizont aber in Wirklichkeit durch ihren eigenen engsten Lebens-Wirkungskreis begrenzt ist. Herr Dr. Tänzer ist typisch für den modernen Rabbiner, der von dem schönen Wunsch beseelt ist, die Anforderungen der Neuzeit in Einklang mit der Ueberlieferung zu bringen; der aber zu diesem Ziel nicht stete Selbstlosigkeit und Entsagung üben mag, sondern vorzieht, die Ueberlieferung nicht bloß tatsächlich zu ignorieren, nein, in den Formen der Ueberlieferung sie zu beseitigen und dieser Beseitigung wie dem inappellablen Ausspruch eines Beth Din Anerkennung zu verschaffen. Herr Dr. Tänzer schickt seiner „den Manen seines verewigten Meisters und Gönners, des Geheimen Negierungsrats Prof. Dr. Moritz Lazarus s. A." gewidmeten Schrift ein Vorwort voraus, das kein Revisor von sprachlichen Entgleisungen gereinigt hat. Er verzichtet darin namens der Judenheit auf Nimbus des auserwählten Volkes und kündigt für den Anhäüg „Anregungen" an, von denen er sagt, daß er sie in ihrer Tragweite „keineswegs unterschätze". Mit etwas rührseliger Pathetik führt er das Bild des entschlafenen Lazarus vor: „Des Todes eisige Ruhe, tiefer, tiefer Friede lag auf den sonst so lebensvollen, durchgeistigten Zügen; halbgeschlossen waren die sonst so geistessprühenden, vielbewunderten Augen; wallende, silbergraue Locken umrahmten wie eine Glorie das Haupt dieses für Israel so begeisterten und begeisternden Moses, neben dem tränenden Auges sein trauernder Schüler stand" . . . Dieser Schüler ist Dr. Tänzer. Lazarus hat hoffentlich noch andere Schüler gehabt außer Dr. Tänzer, der „in des teueren Meisters erstarrte Hand in der unvergeßlichen Stunde heiligster Erbauung gelobte, nach besten Kräften in seinem Sinne zur Ehre des Judentums zu wirken, für dessen fortschrittliche Entwicklung, vertiefte Erkenntnis und allgemeine Anerkennung offen und unerschrocken einzutreten". An das Vorwort knüpft sich der Abdruck eines Vortrags, den Dr. Tänzer am 4. Mai d. I. in Innsbruck über „Babel und Bibel" gehalten hat. Der Vortrag ist eine krause Aneinanderreihung von Selbstverständlichkeiten. Nicht das Tiefe, sondern das Oberflächliche und Nebensächliche, das in zahlreichen, von Delitzschs Vorträgen veranlaßten Schriften gesagt worden, ist hier ungeordnet zusammengestellt. Als neues und mutiges Bekenntnis erscheint dem Verfasser das Zugeständnis, daß das „Dogma" von der Verbalinspiration der Bibel aufzugeben sei. Daran werden Bemerkungen recht fragwürdigen Gehalts geknüpft, wie die: „der Glaube an Gott, das Erfassen Gottes, hat, eben weil seines anthromorphen Charakters entkleidet, durch die Naturforschung eine Reinheit, eine Tiefe und Klarheit erfahren, wie sie

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