Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitschrift für die Gesamtintereffkn des Judentums. Mebst öem Weiblatt: Iüöilcbes LittercrturbLcrtt. Berantw. Redakt.: Z7t. A. Klausner, Berlin W., Tanenzienstr. 19 a. Telephon: Amt IX, Nr. 5567. Verlag: Arthur Schalem Berlin C., Roßstraße 3. Telephon: Amt I, Ar. 5729. Post-Zeitungsliste Ar. 393 Nr. 46 Berlin, ^3. November \903 Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Oesterreich-Ungarn 3,Ü0MK alle anderen Länder 3,50 Mk. Jahrgang XII. Erscheint an jedem Freitag, das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Zu beziehen durch die Post oder unsere Expedition: Berlin 0.19, Roß-Straße 3. Anzeigen für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 30 Pf. Bei Wiederholungen Preisermäßigung. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen. Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich au die Adresse: Berlin W., Tanenzienstr. 19a. M. A. Klausner. Z n h a l t. Artikel: Ein neuer Verein. — Theodor Mommsen. — Schinkenstulle und Wurmfortsatz. Von Dr. A. Tänzer. — Das Wesen der jüdischen Toynbeehalle Von Dr. schwarz. — Literarisches: Dr. Heppners Abreißkalender. — Antisemitismus und Forschung. — Richtigstellung. — "Das italienische Ministerium. — Die Vorgänge von Homel. — Die Kischinewer Anklageschrift. — Aus dem heiligen Moskau. — Wochenchronik. Wochenkalender. — Berlin: Jüdisches Lehrerseminar. — Die Wahlen zur Akademischen Lesehalle. — Die Eneyclopädie der Analphabeten — Reklame-Wohltätigkeit. — Posen: Ein Jugendbildner. — München: Strafrechtliche Verfolgung antisemitischer Postkarten. — Paris: Die Tätigkeit der Alliance für Homel. — Alliance Jsraslite. — London: Die jüdische Jugendwehr. — Der bisherige Lord Mayor. — Odessa: Der Gouverneur von Vessarabien über die Juden als Landwirte. — New-Pork:Die Petition derB'nei-Brith-Logen. — Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Ein Frauenleben. Von C. Berg. (Fortsetzung ) — Berichtigung. — Brief- und Fragekasten. — Inserate. Ci« nem Uereiil. Die Tageszeitungen melden, daß dieser Tage eine Vereinigung deutsch-nationaler Juden in Berlin gegründet worden ist. Die Hauptpunkte ihres Programms lauten: Die „Vereinigung deutsch-nationaler Juden" macht es sich zur Aufgabe, den gesellschaftlichen wie den Rasseantisemitismus durch die Pflege und Förderung deutsch-nationaler Gesinnung und Betätigung in allen Kreisen und Schichten des Judentums zu bekämpfen. Die Mittel, durch die der Verein seine Ziele zu erreichen sucht, sind Wort und Schrift, das heißt, die Veranstaltung von öffentlichen Vorträgen, Versammlungen u. s. w., ferner durch die Agitation vermittelst eines geeigneten Vereinsorgans. Mitglied des Vereins kann jeder werden, der, im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte, sich mit den Tendenzen des Vereins einverstanden erklärt; ausgeschlossen dagegen ist jeder, der auch nur im entferntesten sozialdemokratische Tendenzen und Bestrebungen billigt oder unterstützt. Den Vorstand bilden: Rechtsanwalt und Notar Max Jonas, Oranienburg, Dr. S. Jaffa, Charlottenburg, Theodor Wolff-Thüring, Berlin, Schriftsteller Heinrich Nehemias, Berlin, Redakteur Hermann Fuchs, Berlin. Von den Vorstandsmitgliedern ist einzig Herr Rechtsanwalt Max Jonas als ehemaliger Privatsekretär Eduard Laskers in weiteren Kreisen bekannt. Den Wert der Vereinigung wird man erst aus ihrer Tätigkeit zu erkennen vermögen. Das Vereinsorgan, das unter dem Namen „Toleranz" erscheint, wird sich wesentlich ändern müssen, wenn es den Vereinszwecken wirksam dienen will. Uns ist nicht recht erfindlich, an welche jüdischen Kreise man sich wenden will. Wir kennen keine, in denen man der Erziehung zu „deutsch-nationaler Gesinnung und Betätigung" erst bedürfte. Was auf diesem Gebiet zu tun ist, liegt der Regierung ob, der Regierung ganz allein. Nationale Gesinnung ist dem Menschen eingeboren. Wenn sie sich irgendwo brüchig zeigt, so ist das ein Erzeugnis der Mißhandlung durch eine Mißregierung. Wir wissen uns von jeder entferntesten sozialdemokratischen Tendenz frei, und wünschen, daß alle Juden davon frei wären. Wird aber solches Bekenntnis zur Vorbedingung des Beitritts zu der neuen Vereinigung gemacht — wie will man auf die sozialdemokratisch Angekränkelten wirken? Die Bekämpfung des gesellschaftlichen wie des Rasseantisemitismus ist ein ganz gutes Programm; aber es erscheint uns unvollständig — weil der gouvernementale Antisemitismus ausgelassen ist, für dessen Betätigung Mommsen den hübschen Ausdruck „gouvernementaler Bauernfang" geschaffen hat. Diese Lücke scheint uns nicht unabsichtlich. Wir haben sogar den Eindruck, als wollten die Vereinsleiter bei der Regierung dadurch eine freundlichere Stimmung Hervorrufen, daß sie zugeben, die nationale Gesinnung der deutschen Juden sei besonderer Pflege und Förderung bedürftig, und daß sie sich bemühen, in dieser Hinsicht erzieherisch tätig zu sein. Will die Vereinigung als eine Anstalt für deutsch-nationale jüdische Gesinnungs-Korrigenden sich auftun, so soll sie das offen sagen. Dann weiß das eintretende Mitglied wenigstens, wofür es zu gelten hat und wofür es angesehen zu werden verdient.