Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 643 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 45. Israelitische Wochenschrift. Seite 643. Kerlin, 2. November. (Verein Jüdischer Studenten.) Am 29. Oktober eröffnete der Verein Jüdischer Studenten an der Universität Berlin sein Wintersemester mit einer Antrittskneipe. Als Gäste waren u. a. erschienen: die Vertreter vieler Jüdischer Korporationen, um dem Verein ihre Glückwünsche für das kommende Semester darzubringen. Der Präside cand. med. Fritz Salinger eröffnete den Abend mit dem Kaisersalamander. Nach einer längeren Rede des Bundesbruders Juda meldete sich eine größere Anzahl von Füchsen aktiv. — Im kommenden Wintersemester ist viel Arbeit zu verrichten. Abgesehen von der inneren Organisationstätigkeit des Vereins, wird der Verein sich, wie in den Vorjahren, an den Lesehallenwahlen beteiligen. Im Vorjahre gelang es, 2 Kandidaten durchzubringen. Da die Stimmenzahl bisher eine stetige Steigerung erfahren hat, so kann man mit den besten Erwartungen in diesen Kampf gehen. — Mitte Dezember findet hier der 4. Kartelltag der im „Bunde Jüdischer Korporationen" vereinigten Vereine Jüdischer Studenten zu Berlin, Breslau, München, Charlottenburg, Straßburg statt. — Der Verein beginnt dieses 18. Vereinssemester mit großen Erwartungen. Daß seine Bestrebungen in der jüdischen Bevölkerung immer mehr Anklang finden, dafür bürgt der stets wachsende Zustrom junger Semester, die an der Entwickelung eines bewußten und lebendigen Judentums Mitarbeiten wollen. — Chargierte des Vereins sind: med. Fritz Salinger, phil. Bruno Kirschner, iur. Hans Meseritz. Zuschriften find an eand. iur. Hans Meseritz, N., Auguststr. 27 zu richten. Frankfurt a. M., 1. November. (Rekrutengottesdienst.) Freitag Abend nach Schluß des Abend-Gebetes fand in der Neuen Gemeinde-Synagoge durch Rabbiner Dr. Horovitz die Vorbereitung der israelitischen Rekruten auf die Eidesleistung statt. Die Rekruten wurden von mehreren Offizieren geführt. Die Synagoge war überfüllt, die Feier sehr weihevoll; der treffliche Chor leistete Vorzügliches. Wien, 31. Oktober. (Das antisemitische Theater.) Wir entnehmen der „Vossischen Zeckrng" folgenden Bericht: Die gestern Abend abgehaltene Jahresversammlung des Jubiläumstheatervereines gewährte interessanten Einblick in die Gebahrung des antisemitischen Parteitheaters, das seit Beginn der heurigen Spielzeit einen neuen Direktor — Rainer Simons — besitzt, der vor kurzem an den Verein wegen einjähriger Stundung des Pachtschillings herantrat. Die gestrige Versammlung, die hierüber entscheiden sollte, verlief so stürmisch, daß die Mitglieder auseinandergingen, ohne eine Vereinsleitung wählen zu können, und auf der Straße wegen des Lärmens Verhaftungen vorgenommen werden mußten. Aus dem verlesenen Rechenschaftsbericht ging hervor, daß Direktor Simons keinen Juden engagieren und kein Stück aufführen dürfe, das gegen die vom vorigen Direktor eingebürgerte Tradition verstößt. Allerdings müßten hierbei nach mit dem Besuch gemachten schlechten Erfahrungen dem Direktor künftig gewisse Freiheiten gewährt werden; allein Stücke von Wiener Juden dürften unbedingt nicht zur Aufführung gelangen. Abg. Dr. Pattai, derselbe, der im Landtag so heftig gegen die medizinische Forschung loszog, äußerte seinen Schmerz darüber, daß das antisemitische Parteitheater um Stundung des Pachtschillings ansuchen müsse. Der frühere Direktor Müller- Guttenbrunn habe mit seinem Programm schließlich gelangweilt; etwas Spielraum müsse man dem Direktor lassen; denn das Repertoir des Jubiläumstheaters sei endlich darauf hinausgelaufen, daß weder Christen noch Juden das Theater besuchten, sogar viele der Vereinsfunktionäre seien nicht in das Theater gegangen, trotzdem man ihnen oft die Freikarten ins Haus geschickt habe. „Wie soll der Theaterdirektor die hohe Pacht bezahlen können, wenn man die Juden mit den Stücken hinaustreibt und die Christen nicht in das Theater hineingehen? Wenn Sie jetzt dem Direktor die Stundung des Pachtschillings verweigern, so finden Sie keinen anderen mehr, der unter diesen Bedingungen das Theater nimmt!" Dr. Pattai ergeht sich dann in Schmähungen auf den Hofoperndirektor Mahler und sagt: „Mozart, Schubert und Beethoven sind verschwunden aus dem Repertoir der Oper, die jüdischen Komponisten sind an ihre Stelle getreten, und auch für Edith Walker wird in Bälde eine jüdische Sängerin ihren Einzug in die Oper halten; so kämpft auf allen Linien die christliche Bevölkerung einen Verzweiflungskampf. Anteilscheinbesitzer Angerer bemängelt das Repertoir des Jubiläumstheaters, selbst die Hofbühne habe ein schneidigeres Repertoir. Das Jubiläumstheater habe eigentlich kein antisemitisches Repertoir, der „Kaufmann von Venedig" sei doch kein Parteistück, Direktor Rainer Simons habe sehr unglücklich angefangen; den Stücken eines Ungarn sei das Stück eines Tschechen gefolgt, und ein Kranz mit den tschechischen Farben sei den Darstellern auf die Bühne gebracht worden. (Stürmische Pfuirufe.) Wenn in dem Theater Musik von Juden gespielt werde, dann seien dies politische Nadelstiche. Die Versammlung schloß dann in der Eingangs erwähnten Weise. — Die Vorgeschichte dieses Theaters ist bekannt. Die jüngsten Ereignisse bedürfen keines Kommentars. San Ro^ore, 28. Oktober. (Audienz des Oberrabbiners von Florenz beim König Viktor Emanuel.) Während seines Aufenthaltes in San Rossore empfing der König von Italien den Oberrabbiner von Florenz, Herrn Dr. Margulies, in besonderer Audienz. Der König erkundigte sich nach dem augenblicklichen Stand der zionistischen Bewegung, fragte mit vielem Interesse, ob das Hebräische in Sprache und Schrift als lebendige Sprache existiere und nahm die Einladung des Oberrabbiners, die Florentiner Synagoge zu besichtigen, huldvollst an. Die Audienz währte über eine halbe Stunde. Petersburg, 2. November. (Rabbinerkongreß.) Der Minister des Innern v. Plehwe hat die Einberufung eines allrussischen Rabbinerkongresses in Grodno gestattet. Petersburg, 29. Oktober. (Der Prozeß über die Kischinewer Exzesse.) Die gerichtlichen Verhandlungen über die bekannten Kischinewer Judenmetzeleien beginnen am 19. November. Die Gerichtskammer des Odessaer Bezirks wird zu dem Zweck nach Kischinew kommen und etwa sieben Wochen dort verbleiben. Die Angeklagten sind in mehrere Gruppen geteilt, von denen jede besonders abgeurteilt werden wird. Einen Gesamtprozeß über die Kischinewer Vorgänge wird es nicht geben, ebensowenig einen Prozeß wegen Aufruhrs oder Landfriedensbruchs. Die Angeklagten werden rein individuell, wegen individueller Verbrechen abgeurteilt werden. Durch diese Taktik ist verhindert worden, daß die Organisation der Exzesse aufgedeckt wurde und die Leiter und Regiffeure, die hinter den Kulissen standen, an die Rampe gezogen werden. Die Untersuchungsrichter haben von Anfang an die Anweisung erhalten, in diesem Sinne die Vorfälle zu untersuchen. Daher hat auch, wie die Anklageschrift besagt, die Untersuchung eine Organisation „nicht entdecken können". Eine Teilnahme von Vertretern der gebildeten Stände hat die Untersuchung ebenfalls nicht entdecken können. Es werden nur einfache Leute auf der Anklagebank sitzen, bedauernswerte Geschöpfe, die sich zwar wie wilde, beutegierige Tiere benommen haben, aber dabei