Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 640 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 640. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46 V •> . ' sammenrechnen im Vergleich zurTierwelt oder gar gegen den großen Erdball! Und doch ist er tatsächlich ihr Herr. Und wieder: wie groß ist der Mensch, welchen Raum nimmt der ganze Körper ein, und siehe da: ein wenig Nervensubstanz im Gehirn, vielleicht ein einzelnes mit allen Mikroskopen nicht wahrnehmbares Atom, ist der Herr dieses großen Leibes, der mit seinen Gedanken über die Erde und in die Sternenwelt schweift! Mag immerhin die Sonne der Mittelpunkt jener ungeheuren Dunstmasse gewesen sein, dessen Rollen um sich selbst die Planeten aus sich entlassen hat, dennoch halten wir die Sonne der Erde durchaus untergeordnet dienstbar. Die Mathematik ist nur die Norm, aber nicht Richterin der Naturbetrachtung. Dtt Morikrr Mr. Ftcky über Juden und Iudrutm. Durch den vor Kurzem erfolgten Tod von Mr. Lecky verlor England feinen hervorragendsten historischen und philosophischen Schriftsteller. Seine „Geschichte des Rationalismus", von ihm im Alter von 27 Jahren geschrieben, die „Geschichte europäischer Sitten von Augustus bis zu Karl dem Großen", „England im 18. Jahrhundert" und seine „Demokratie und Freiheit" sind in England klassisch geworden. Vielleicht das bekannteste und gelesenste dieser berühmten Bücher ist die „Geschichte des Rationalismus", und es ist ein Werk, das wegen seiner zahlreichen Beziehungen zu jüdischer Geschichte ein besonderes Interesse für jüdische Leser hat. Diese Stellen sind durch den sympathischen Ton, in dem sie geschrieben sind, ausgezeichnet. Sie begründen den Ruf Mr. Leckys als eines toleranten und weitblickenden Historikers. Sein Haß gegen die fanatischen Judenverfolgungen, seine Anklage gegen christliche Intoleranz ist deshalb kaum weniger wirksam, weil die Erzählung dieser Tatsache größtenteils ruhig und leidenschaftslos ist. Er zeigt, daß die Verfolgung der jüdischen Rasse von der frühesten Periode her datiert, in der das Christentum die Leitung der bürgerlichen Mächte erlangte, und daß, wenn sie auch oft ihren Charakter und ihre Intensität änderte, man kaum sagen kann, daß sie endgiltig aufgehört hat, bis zur französischen Revolution. Das wurde 1865 geschrieben. 30 oder 40 Jahre später mußte er das Bild in noch dunkleren Farben malen. Er fährt fort: „Verhöhnt, geplündert, gehaßt und verachtet von allen christlichen Nationen, aus England verbannt von Eduard I., aus Frankreich von Karl VI., fanden sie in den spanischen Mauren Herren, die zusammen mit dem Maß von Toleranz, die immer durch eine hohe intellektuelle Kultur hervorgerufen wird, nicht ohne Sympathie waren für die Rasse, deren reiner Monotheismus einen deutlichen Gegensatz zu der von Polytheismus sich kaum unterscheidenden Religion der spanischen Katholiken darstellte, und jüdische Gelehrsamkeit und jüdisches Genie trug viel zu dieser hohen, wenn auch vorübergehenden Zivilisation bei, die von Toledo bis Cordova strahlte und einen so günstigen Einfluß auf den Glauben von Europa ausübte. Doch als in einer Unglücksstunde das Kreuz den Halbmond auf der Höhe der Alhambra vertrieb, wurde dieser einzige Zufluchtsort zerstört, der letzte Glanz von Toleranz verschwand aus Spanien, und die Vertreibung der Juden war entschieden." Nachdem er diese Vertreibung in einer Sprache, deren Furchtbarkeit unübertrefflich ist, beschrieben hat, drückt er dieser Märtyrerrasse seine Achtung aus: „Sicher verringert sich das Heldentum der Verteidiger aller anderen Religionen zur Unbedeutendheit vor dem Martyrium dieses Volkes, das 13 Jahrhunderte lang alle Leider: ertrug, die der wildeste Fanatismus ausdenken konnte, indem es Verleumdung und Beraubung lieber ertrug und die Schändung ihrer teuersten Verwandten, die Zufügung der schrecklichsten Leiden, als ihren Glauben aufzugeben. Denn sie waren keine asketischen Mönche, tot für alle Hoffnungen und Leidenschaften des Lebens, sondern sie waren Männer, die sehr wohl die Vorteile der Welt schätzten, die sie zurückließen und deren Glaube noch fester wurde durch den engen Kreis, in dem sie eingeschlossen waren. Enthusiasmus und das wunderbare Phänomen der Begeisterung, das in der Geschichte der Verfolgung einen so großen Einfluß ausgeübt hat, das so vielen Märtyrern übermenschlichen Mut gegeben hat und die Furcht vor so vielen schrecklichen Quälereien zerstört hat, waren hier fast unbekannt. Verfolgung kam über das jüdische Volk in seinen schrecklichsten Formen, doch verkleidet unter jeder Art kleinlicher Bedrückungen, die seiner Größe Abbruch tun konnten, und es blieb Jahrhunderte lang sein dauerndes Schicksal. Aber bei alledem ging der jüdische Geist als Sieger hervor. Während seine Umgebung in der Finsternis törichter Unwissenheit dahinkroch, während fast ganz Europa sich vor trügerischen Reliquien verneigte, schritten die Juden auf dem Pfade der Wissenschaft fort, indem sie Fortschritte erzielten mit derselben Standhaftigkeit, mit der sie an ihrem Glauben festhielten. Sie waren die geschicktesten Physiker, die tüchtigsten Finanziers und gehörten zu den besten Philosophen, während sie nach den Mauren erst die zweiten in der Kenntnis der Naturwissenschaften waren. Sie waren auch die Hauptinterpreten des westlichen Europas für arabische Wissenschaften." In der „Geschichte Englands im 18. Jahrhundert" spricht Mr. Lecky in entrüsteten Ausdrücken von dem Vorurteil, das zu der Zeit bestand, als Lord Palhams Regierung im Jahre 1753 danach strebte, ein Gesetz über die Naturalisation der Juden durchzubringen. Das Gesetz wurde angenommen, aber die „unvernünftige Agitation in der Judenfrage" zwang die Regierung ein Jahr später, es wieder aufzuheben. Der folgende Absatz ist interessant, weil er zeigt, daß ein außergewöhnliches Gefühl gegen die Juden sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bemerkbar machte: „Die alte Verläumdung, daß die Juden gewohnt wären, einen Christenknaben am Charfreitag zu opfern, die emsig auf dem Kontinent verbreitet war, und die noch jetzt den Gegenstand eines Wandgemäldes in der Kathedrale von Toledo bildet, wurde fest geglaubt, und die Legende der Kreuzigung des Juden von Lincoln drang tief in die Phantasie der Bevölkerung ein. Sie wurde erhalten durch eine alte Ballade von Chaucer, die viele Jahre nach der Vertreibung der Juden wieder hervorgeholt wurde, in der er einen jüdischen Mörder eines Christenkindes zum Gegenstand macht und die eins seiner packendsten Märchen ist, und in demselben Sinne malte Marlowe am Ende des 16. Jahrhunderts seinen „Juden von Malta" in den dunkelsten Farben. Keine Seite in der Geschichte des 18. Jahrhunderts zeigt klarer, wie tief der Stand der intellektuellen und politischen öffentlichen Meinung in England war. Es herrschte allgemeine Furcht vor der Konkurrenz der Juden. Die Kaufleute fürchteten, daß sie England mit Wucherern füllen würden; die Landbevölkerung fürchtete, daß zum Schluß der größte Teil des Landbesitzes in die Hände der