Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 639 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 45 Israelitische Wochenschrift. Richtung und umgekehrt entfremden. Im Gegensatz dazu wird der Oberrat nach wie vor (vergleiche Verordnungsblatt 1897 Seite 57) bestrebt sein, dahin zu wirken, „daß beide Richtungen, jede in ihrer Weise, unter gegenseitiger Achtung und Verträglichkeit, miteinander wetteifern in der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse und in der sittlichen Förderung der Glaubensgenossen". Im Bewußtsein dieser Pflichterfüllung kann er die Beurteilung der gegen ihn selbst gerichteten Be. schwerden der Synode überlassen. Dagegen muß der in erster Reihe die Rabbiner und Lehrer sowie die Synagogenräte treffende Vorwurf mangelnder Pflege des religiösen Lebens, unter voller Anerkennung der Pflichttreue dieser Beamten und Kollegien, schon jetzt nachdrücklichst zurückgewiesen werden. Karlsruhe, den 26. Oktober 1903. Großherzoglicher Oberrat der Israeliten. Der Ministerialkommiffär. Hecherer. V6t. Driesen. «ud Naturwissenschaft. Bon Dr. B. Selig ko witz-Coethen. II. (Schluß.) Das vierte Tagewerk ordnet sich ein zwischen das dritte Tagewerk, das die Pflanzenwelt erschafft und das fünfte, das die Tierwelt aus dem Mutterschoß der Natur hervorruft. Es muß daher die auf die Tierwelt vorbereitende und die von der Pflanzenwelt unterscheidende Naturstufe enthalten. Welche ist diese? Der Schöpfungsbericht hebt sie sehr deutlich hervor, indem er den Zweck berichtet, zu welchem „die Lichter am Himmel gesetzt sind", wie er in der Sprache seiner weiteren Naturanschauung sagt: „nämlich zu teilen zwischen dem Tag und zwischen der Nacht". Dies ist ihre erste und vornehmste Bestimmung, die im folgenden Verse wieder angedeutet, im 16. stark betont, im 17. wieder angedeutet, im 18. wieder stark betont wird. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist die weite Unterstufe. Dieser Kreislauf innerhalb 24 Stunden ist erst für das Tierleben von Bedeutung. Die Pflanzenwelt bedarf seiner nicht; sie bedarf nur der Lichter im allgemeinen, aber nicht des 24stündigen Wechsels von Nacht und Tag. Das ist ein sehr feiner Blick in das Tun der Natur! Er erscheint so fein, daß man im ersten Augenblick zweifeln möchte, ob dieser Zug in der Natur auch wirklich von dem nicht wissenschaftlich gebildeten, nur intuitiv die Natur durchschauenden Naturmenschen gefühlt werden konnte. Und dennoch können wir es ihm nachempfinden, wie er in der Natur das einförmige Leben, Gedeihen und Vergehen der Pflanzenwelt fühlend schaut. Da erscheint keine Veränderung in ihrem täglichen Leben; nur die Einflüsse von außen ändern sich mit Anbrechen der Nacht und ausgehendem Tage; dagegen wird er an dem Tiere an sich selber inne, wie dieser 24stündige Wechsel von Tag und Nacht mit seinem eigensten Organismus harmoniert, wie er in diesen Kreislauf der Gestirne gebannt ist mit seiner Tatkraft und Erschlaffung. — Dasselbe Naturgefühl spricht der 104. Psalm aus, der in seinem ersten Teil, wo er die gegenwärtige Naturordnung im Lichte des Schöpfungsberichtes betrachtet, das 4., 5. und 6. Tagewerk mit den Worten zusammenfaßt: „Du machest Finsternis, daß es Nacht wird, da regen sich alle Tiere des Waldes, die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott. Seite 639. Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen, so geht denn der Mensch an seine Arbeit und an seitt Ackerwerk bis an den Abend". Wir haben hier die klarste Antwort auf die Frage, warum an den Wechsel von Tag und Nacht die Erschaffung der Tierwelt sich anschließt, und zugleich die schönste Bestätigung dafür, daß unsere Auffassung des Schöpfungsberichtes als eines tiefen Blickes in die gegenwärtige Naturordnung und ihre Stufen die richtige ist. Der 104. Psalm selbst beruht auf dieser Betrachtungsweise. Dieser Zug in der biblischen Naturanschauung ist schön und tief; das wird niemand leugnen, der sich in die Poesie der obigen Stelle versenken kann. Enthält er aber auch Wahrheit? Die Naturforschung antwortet mit einem entschiedenen Ja. Selbstverständlich werden nicht irgend welche Einflüffe der Nacht auf die Pflanzenwelt in Abrede gestellt. Da diese einmal in die allgemeine Naturordnung, zu der auch der Wechsel von Tag und Nacht gehört, eingeordnet ist, und da in der Natur alles auf jedes und jedes auf alles wirkt, so wird das Pflanzenleben auch durch diesen Wechsel berührt und modifiziert. Die Behauptung der Bibel und der Naturwissenschaft geht nun dahin, daß zwischen dem Organismus der Pflanzen und dem Wechsel von Tag und Nacht innerhalb 24 Stunden keine Harmonie besteht, während das Tierleben in engster Harmonie mit jenem Lauf der Gestirne an jedem Tage einen Kreis durchläuft von Wachen und Schlafen, entsprechend dem Wechsel von Tag und Nacht. Drücken wir diese Tatsache in der Sprache des kopernikänischen Weltsystems aus. Des Menschen Wachen und Schlafen vollzieht sich nicht entsprechend dem jährlichen Umlauf der Erde um die Sonne, auch nicht entsprechend dem Umlauf des Mondes um die Erde, sondern sein Organismus ist mit der Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse aufs engste verflochten; er kann nicht dreiviertel Jahr, nicht dreiviertel Monat wachen, und nicht einviertel Jahr, einviertel Monat schlafen, sondern sein Organismus ist derartig konstruiert, daß er dreiviertel Tag wacht und einviertel Tag schläft. Die Mittelglieder zwischen der Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse und dem täglichen Kreislauf des menschlichen Organismus hat die Wissenschaft bis jetzt nicht annähernd erforscht; nur die Tatsache, daß hier eine Harmonie existiert, steht fest und ist von der Bibel in der Stellung des vierten Tagewerkes als Zwischenstufe zwischen Pflanzen- und Tierwelt ausgesprochen und von dem 104. Psalm anerkennend bestätigt. Von dieser Naturbetrachtung fort müssen wir uns beim vierten Tagewerk noch gegen einen Einwand wenden, den man aus der Planetenstellung der Erde gegenüber der Sonne als Fixstern entnommen hat. Man sagt: „Die Astronomie hat die Anmaßung der Erdbewohner zerstört, ihren Planeten und sich selbst nicht bloß als Mittelpunkt des Sonnensystems, sondern der ganzen großen Fixsternenwelt zu betrachten; denn sie bildet gegen diese nur einen verschwindend kleinen Teil, einen Tropfen im Weltmeer, und man müßte z. B. anderthalb Millionen Erden zusammenballen, um nur eine einzige Sonne zu bekommen." Wir erwidern dagegen, welche Anmaßung ist es, den Maßstab des Großen und des Kleinen, der für die Astronomie seinen Wert hat, auch auf die geistigen Verhältnisse ausdehnen zu wollen! Diese Anmaßung ist nur erklärlich, wenn man nur Materie kennt und keinen Geist. Wie winzig ist der Mensch, wenn wir die Gewichtsmenge aller menschlichen Körper auf Erden zu- 1202