Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 636 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 636. Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. sammenwirken gestellt ist, wenn in das Gemeindeleben, das vor allem eine „Hütte des Friedens" sein soll, wenn in eine wohlgeordnete Religionsgemeinschaft, wie die der badischen Israeliten, wenn vollends in eine ruhmvoll einheitliche Gemeinde, wie die unsere von jeher gewesen, die Fackel der Zwietracht und der Parteiung geworfen wird, wie dies in der jüngsten Zeit offen geschehen ist. Die Verdächtigungen, die ausgestreut werden, daß man vorhabe, das Judentum in Baden zu zerstören, richten sich zwar zunächst gegen unsere religiöse Oberbehörde; aber die Folge dieser Verdächtigungen wird, wenn sie nicht bald von unseren Gemeindemitgliedern in ihrer ganzen Ungerechtigkeit erkannt werden, der Ruin unserer Gemeindeeinheit sein. Ich halte es darum für meine unerläßliche heilige Pflicht, mit Euch heute, zum Zwecke der Wahrung unserer Gemeindeeinheit als einer „Hütte des Friedens", ein aufklärendes und zugleich warnendes Wort zu reden. Es handelt sich um die von unserer religiösen Oberbehörde beabsichtigte Neuherausgabe des Gebetbuches, und es widerstrebt mir eigentlich, schon jetzt darüber zu sprechen, da jedenfalls noch einige Zeit hingehen wird, ehe das Werk erscheinen kann. Aber die geschehene Herausforderung ist so voll beleidigender Anschuldigungen, als ob unsere religiöse Oberbehörde, die wahrlich genugsam gezeigt hat, daß sie voll warmer Hingebung und Charakterfestigkeit nur das Wohl und die Ehre des badischen Judentums im Auge hat, nur aus eitel Frivolität an die Aenderung mancher Stellen im Gebetbuche gegangen wäre — ich sage, die geschehene Herausforderung ist so beleidigend, daß ich es nicht unterdrücken kann. Euch schon jetzt eine Vorstellung zu geben von dem, was eigentlich beabsichtigt ist. Ich werde mich dabei, um im Rahmen einer Festpredigt zu bleiben, an die einzelnen Arten des Feststraußes halten. Erstens. Der wahrhaft religiöse, aber zugleich denkende Israelit von heute kann sich nicht mehr in den Gedanken finden, daß, wenn der Mensch gesündigt hat, die Sünde dadurch ausgelöscht werde, daß er ein unschuldiges Tier als Opfer darbringt, daß überhaupt der Höhepunkt namentlich der gottesdienstlichen Sabbat- und Festfeier in der Darbringung von so und so viel Lämmern und Böcken und Farren bestehe. Den Opferdienst, wie er einst im jerusalemischen Tempel den Gipfel der gottesdienstlichen Handlungen gebildet hat, kann der denkende Israelit sich nicht mehr gut wieder eingeführt denken; ja, er hält dafür, daß in jener gewiß trauervollen Begebenheit der Tempelzerstörung wenigstens das eine Gute war, daß das immer zu unendlichen Irrungen Anlaß gebende Opferwesen ein Ende nahm, und es widerstrebt ihm daher, ohne in Gedanken die stärksten Umdeutungen des ursprünglichen Sinnes vorzunehmen, um Wiedereinführung des Opferwesens zu Gott zu beten. Er vegreift es, daß es in alter Zeit bestand — die Menschen im ganzen Altertum, unter allen Nationen der Erde, konnten sich einen Gottesdienst ohne Opfer nicht vorstellen; es war darum, wie schon vor 700 Jahren der große Maimonides erkannt und dargelegt hat, hohe göttliche Weisheit, welche auch in Israel den Opferdienst nicht auf einmal völlig beseitigte, ihn aber sehr bemerkenswerter Weise dahin beschränkte, daß er nur an der einen Stätte, die der Herr erwählen werde, für statthaft erklärt ward. Damit wurde eigentlich schon der Keim des Untergangs in das Opferwesen gelegt. Auch das ist dem Denkenden noch wohl begreiflich, daß unmittelbar nach der Tempelzerstörung mit der Wiederherstellung des Staates auch die des Opferdienstes herbeigefleht wurde; denn was es eben verloren, mußte dem Volksgemüt in gesteigertem Maße wert erscheinen. Aber trösteten sich nicht schon damals die großen Volkslehrer mit der Wahrheit: Das Eindringen in den Geist der Gotteslehre, Gebet und Wohltätigkeit seien ein voller Ersatz für die Opfer, und konnten sie fich dabei nicht auf zahlreiche Aussprüche der Propheten und Psalmisten berufen, die den Opferdienst, weil eine furchtbare Veräußerlichung im religiösen Bewußtsein verursachend, geradezu aufs schärfste bekämpften? Ist es also religiöse Verinnerlichung, das, was die Schrift mit den Worten ausdrückt: “dbo 2b rmtfio nn rai nnn *6 DVlbN „Die Opfer Gottes sind ein zerknirschtes Gemüt; ein demütiges, in sich gehendes Herz wirst du, 0 Gott, nicht verachten",*) das, was auch das Festsymbol des Ethrog, als dem Herzen gleichend — ztt non jnnN — veranschaulicht, ist es das, was von den erleuchtetsten und frömmsten Geistern in Israel von jeher erstrebt und als Ideal hingestellt wurde: warum sollte es etwas Verdammenswertes und nicht vielmehr etwas Löbliches sein, der Idee dieser Herzensopfer, dieser edlen Herzensfrömmigkeit die Stelle im Gebete einzuräumen, die bisher bei uns — in vielen anderen Gemeinden ist es längst anders — die Bitten um Wiederherstellung der alten Tieropfer einnahmen? — Zweitens. Die messianische Idee ist eine der leuchtendsten Zierden unseres Gebetbuchs. Sie kommt auch in ihrem reinen, überwältigenden, menschheitumfassenden Gehalte zur Geltung in Stellen wie dem erhabenen Alenu-Gebet, sowie — größtenteils — in den unübertrefflichen Stücken aus der Liturgie der eben vergangenen Festtage, die mit den Worten beginnen: "jwd bv 'i "pns ]n „Mögest du deine Furcht kommen lassen. Ewiger, unser Gott, über alle deine Geschöpfe!" Hier gelangt die messianische Idee zum Ausdruck, wie sie die prophetischen Gottesmänner Micha, Jesaja, Jeremia, Secharja u. a. in Augenblicken erhabenster und begeistertster Fernschau verkündeten. Sie schauten da Israel emporragend wie die Palme unter den Völkern durch seine Lehre von dem einig-einzigen Gotte, durch seine Lehre von der allgemeinen Menschenliebe und Gerechtigkeit und durch die sittliche Lauterkeit seines Wandels. Und sie schauten die Erdenvölker sich um das Gottesvolk anerkennend scharen und sich aneignen dessen erhabenen Glauben und aufgeben alle religiösen Wahngebilde und nieder, knien vor dem Schöpfer des Weltalls und statt der ewigen gegenseitigen Befehdung und Bekriegung ein Reich des ewigen Friedens, der ewigen Bruderliebe und Gerechtigkeit gründen. — Das, meine Andächtigen, ist die ewige, unvergänglich wertvolle, ebenso trostreiche, wie zu unablässiger sittlicher Läuterung spornende Seite in der messianischen Idee. Neben ihr aber geht eine andere einher, offenbar nur von zeitlicher, vergänglicher Bedeutung. Es ist die politische Hoffnung, die die Propheten nach dem Untergange des ersten Staates und die Schriftgelehrten nach dem Untergange des zweiten begreiflicher Weife nährten, die Hoffnung auf das Erscheinen eines Sprößlings aus dem davidischen Königshause, um das zertrümmerte Staatswesen wieder aufzurichten. Wie begreiflich, daß diese Hoffnung, namentlich nach dem furchtbaren Schlage, den die Römer gegen Israel geführt, auch in den Gebeten ein schmerzliches Echo fand und in der eindringlichen Bitte sich aussprach, daß Gott aus dem Davidsgeschlechte, das man noch existierend glaubte, den Erlöser und Erneuerer des Staates erwecken möchte! — Aber, meine An- ) Ps. 61, 19.