Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 584 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 584. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. sehr gut organisiert war. Daher konnte man auch bemerken, daß die Plünderer in großer Angst und Eile operierten, weil sie fortwährend das Eingreifen der jüdischen Abwehr befürchteten. Da nun die Juden weder beschützt wurden, noch sich selbst schützen durften, blieb ihnen nichts anderes übrig, als durch Flucht ihr Leben zu retten. Fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung verließ daher am Abend des ersten Krawalltages Hömel auf allen möglichen Verkehrswegen. Mittels Wagen, Dampfer und Eisenbahn floh man nach den umgebenden Flecken. Daß aber auch die Flucht nicht zum erwünschten Resultat führte, beweist die Zahl derer, die auf dem Weg zum Bahnhof von den Wagen heruntergerissen und mißhandelt, ja schwer verwundet wurden. Besonders tragisch endete die Flucht des jungen Ehepaars Pissezkin. Um den gefährlichen Weg zum Bahnhof zu vermeiden, wollte das Paar nach der nächsten Bahnstation fahren. Unterwegs jedoch, im nächsten Dorf, überfielen Bauern das Fuhrwerk und erschlugen den jungen Mann. Die Frau kam mit dem Leben davon, verfiel aber infolge des Geschehenen in Wahnsinn. Man denke sich angesichts dieser Vorfälle die Todesangst der jüdischen Bevölkerung, die nun auch auf die Flucht verzichten mußte und auf ihre zahllosen dringenden Depeschen nach Petersburg und an den Gouverneur zwei Tage lang keine Antwort erhielt! Aus dem Gesamtbild der Ereignisse in Home! lassen sich folgende allgemeine Gesichtspunkte hinsichtlich der Lage der Juden in Rußland abstrahieren: Die Regierung will sämtliche Unruhen im Reich und die ganze revolutionäre Bewegung Rußlands auf die Schultern der Juden abwälzen und durch die Judenkrawalle beweisen, daß die russische Volksmasse an den Zaren und der bestehenden Ordnung hänge, da sie sich gegen die jüdischen Aufwiegler wende. Wie durchaus falsch diese ganze Konstruktion ist, ergibt sich aus dem ^Umstanddaß-die angebliche Solidarität zwischen dem jüdischen und russischen revolutionären Proletariat, von dem sowohl in Regierungskreisen als auch in den oppositionellen russischen Kreisen selbst so viel die Rede ist, sich bei der ersten reellen Gelegenheit als reines Phantasiegebilde erwiesen hat. Die Arbeiter der Bahnwerkstätten, die den Kern der Plündererbande ausmachten, gehören zum organisierten Proletariat. Nicht auf die Regierung, noch auf das revolutionäre Proletariat also können die Juden ihr Vertrauen setzen, sondern nur auf sich selbst. In Homel haben die Juden zum ersten Mal in der lang ausgedehnten Reihe der Exzesse der Neuzeit (seit 1881) einen energischen organisierten Widerstand geleistet. Das allein hat die Plünderer davon abgehalten, ihrem Treiben eine solche Ausdehnung zu verleihen, wie in Kischinew." Wie die Petersburger „Nowoje Wremja" berichtet, besuchte der Gouverneur von Taurien, Trepow, in dem Ort Kamenka die Synagoge und hielt eine Ansprache an die Juden ähnlichen Inhalts, wie jüngst Klingenberg in Minsk, worin er die Juden beschuldigte, bei allen Unruhen nicht nur beteiligt, sondern Führer zu sein. Die „Kreuzzeitung" läßt sich zu den Vorgängen folgendes schreiben: „Auf Kischinew ist Homel gefolgt. Die dortigen Ausschreitungen bieten dasselbe Bild — nur im verkleinerten Maßstabe; auch die Ursachen werden die gleichen gewesen sein: unerträgliche Aussaugung der christlichen Bevölkerung durch die Juden, bis \ endlich ein vergleichsweise unbedeutender Anlaß das Faß zum VUeberlaufen gebracht hat. Die Regierung wird abermals der Mitschuld bezichtigt, ja nicht einmal die Zudringlichkeit der amerikMiischen Juden und die Dienstwilligkeit des Auswärtigen Amts in^Washington dürfen fehlen. Nur hat man sich diesmal darauf beschränkt, anzufragen, ob die Interessen amerikanischer Bürger in Homel verletzt seien. Ob man in Washington wohl ahnt, wo Homel liegt und wie es da aussieht! Ein elendes Nest in Mohilew, wo vermutlich nie ein Amerikaner gewesen ist. Um so auffälliger erscheint es, daß der „Times"-Korrespondent in Petersburg in seinem Bericht so tut, als ob er bei dem sogenannten Gemetzel zugegen gewesen wäre, von dem er doch erst nachträglich erfahren haben kann. Nach den Angaben des „Regierungsboten" wären übrigens mehr Christen als Juden getötet und verwundet worden. Ob es wahr ist, kann man freilich nicht wissen; denn ein jüdischer Privatbrief aus Homel, den das „Volksblatt" veröffentlicht und der allerdings den Stempel der Ursprünglichkeit trägt, will wissen, daß sechs Juden und ein Christ getötet worden seien. Auf die Einzelheiten kommt es indessen weniger an, als darauf, daß sich solche Vorgänge leicht im ganzen Westen und Südwesten Rußlands wiederholen können, weil die Zustände überall, wo Juden und Christen dichtgedrängt zusammenwohnen, die gleichen sind und sich in dem Maße verschlimmern, wie die Verarmung wächst. Die Juden sind von jeher gewöhnt, von Wucher zu leben und müssen ihre rücksichtslose Härte um so mehr steigern, je weniger zum Verdienen übrig bleibt. Sie selbst spinnen dabei im allgemeinen keine Seide, sondern leben im größten Elend. Man muß nun gesehen haben, wie es in jenem ungeheuren Gebiet, das übrigens auch ganz Galizien umfaßt, in Wirklichkeit aussieht. Früher Gesagtes wiederholend, muß ich sagen: es gibt nur ein Mittel der Abhilfe: massenhafte Auswanderung der Juden. Bis jetzt hat aber auch das vollständig versagt, weil sich die Lücken unglaublich rasch füllen." Man beachte die feine Entwickelung in den Ausführungen des frommen christlichen Blattes: Es fängt an mit der Vermutung, daß in Homel die gleichen Ursachen gewaltet haben werden, wie in Kischinew, und schließt mit der frei und frech erfundenen Behauptung: „Die Juden sind von jeher gewöhnt, von Wucher zu leben." * * * (Falsches Gerücht.) Das „Czernowitzer Tagebl.", das seinerzeit die erste Nachricht über die Judenverfolgungen in Kischinew brachte, erhält, wie es sagt, authentische Nachricht, daß es am jüdischen Versöhnungsfeste in Mohilew, nördlich von Kischinew, zu einer wahren Judenmetzelei gekommen sei. Die Juden waren gewarnt, daß Bauern für diesen Tag einen Ueberfall planen, und gingen auf Anordnung der Rabbiner nicht in die Synagogen, sondern blieben zu Verteidigungszwecken in ihren Häusern. Große Bauernhaufen drangen vormittags in die Stadt ein, es kam zu einem förmlichen Straßenkampf, bei dem 300 Juden und 100 Bauern getötet worden seien. Die Polizei sei zwar eingeschritten, aber machtlos gewesen. Mohilew, das im sogenannten Ansiedlungsrayon liegt, hat 5000 Einwohner, wovon ungefähr die Hälfte Juden. In neuerer Zeit wird in Bessarabien wieder heftig gegen die Juden agitiert. — Glücklicherweise hat sich die Nachricht nicht bestätigt. * * * (Russische Reformen.) Auf Grund eines Befehls des Zaren ist hinsichtlich der Verleihung russischer Orden an Ausländer ein neues Reglement in Kraft getreten. Hinfort haben alle Aemter bei Gesuchen um Verleihung von Orden an fremde Untertanen, die nicht im russischen Staatsdienst stehen, sich vorher beim Ministerium des Aeußern über den Stand und den Bildungszensus der Betreffenden zu erkundigen. Nur wenn der Bewerber in seiner Heimat dem Adelsstand oder Offiziersstand angehört oder einen Rang hat oder eine höhere Lehr-