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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 583

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 583 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 41. Israelitische Wochenschrift. Seite 583. ihre Sünden gestorben ist. Diese Aufgabe hat die Judenmission. Sie will die Juden, die noch Feinde unseres Heilandes sind, für immer gewinnen und zu Seinen Bekennern machen. Je mehr ihr aber das gelingt, desto mehr muß der schlimme, habsüchtige, zersetzende Geist, der noch so viele Juden beseelt, schwinden, und aus den jüdischen Bedrängern unseres deutschen Volkes werden, wills Gott, seine Freunde und Wohltäter werden, die mit uns vor allem darnach trachten, wie sie dereinst würdig befunden werden, die Krone des Lebens zu erlangen. So wollen wir denn gerne teilnehmen an dem Werke der Judenmission, mit unserem Gebet, mit unseren Gaben, auch gelegentlich mit einem Worte des Zeugnisses an die Juden, wie der Herr uns das eingibt. Es kommt dabei gar nicht auf hohe Worte menschlicher Weisheit an. Ein schlichtes Bekenntnis zu Jesu, dem Sünderheiland, dem Messias Israels, kann mit Gottes Hilfe ein Same werden, der reiche Frucht trägt fürs Reich Gottes. Denn in dem einen Worte „Jesus" allein liegen Kräfte des ewigen Lebens verborgen. Gott aber segne dann auch dieses unser Werk zu Seines Namens Ehre!" Es ist sehr hübsch von Herrn Oberamtmann Seebaß und verdient volle Anerkennung, daß er uns nicht durch das etwas grobe Hilfsmittel des Antisemitismus mit dem Taufbecken vertraut machen will. Wir haben auch lobendes Verständnis dafür, daß er wohl ganz generell „den" jüdischen Geist als Urheber schweren Schadens für „unser liebes deutsches Volk" ansieht, doch wenigstens nicht das wucherische Treiben „der" Juden, sondern nur „von" Juden anklagt. Aber die Selbstlosigkeit des Herrn Oberamtsrichters scheint uns fast zu groß, übermenschlich groß. Warum will er bösartigem Treiben nur entgegentreten, soweit es von Juden ausgeht? Warum will er nur dies „an das Tageslicht ziehen und öffentlich brandmarken"? Warum will er nicht die gleiche erziehliche Aufmerksamkeit seinen eigenen Glaubensgenossen zuwenden? Wir freuen uns, daß die Judenmission den „schlimmen, habsüchtigen, zersetzenden Geist" schwinden machen will, der „noch so viele Juden beseelt", wir verstehen aber nicht, weshalb sie es nicht ebenso, ja noch vorher, als ihre Aufgabe betrachtet, denselben Geist da zu überwinden, wo er die Christen beseelt.' Es wäre unhöflich, hier an das Gleichnis vom Splitter und Balken zu erinnern, und wir möchten nicht unhöflich sein. Doch eine Liebe ist die andere wert: Die Judenmission will uns vor den Christen reinigen, läutern, heiligen. Darauf können wir nicht umhin, in tiefer Rührung zu erwidern: „Bitte, nach Ihnen! Reinigen, läutern, heiligen Sie erst alle Ihre werten Glaubensgenossen, und dann — dann kommen Sie zu uns, nicht, um uns zu taufen, sondern um mit uns Juden zu sein. Wir aber werden, durch Ihr Beispiel beschämt und belehrt, alle Schlacken von uns abtun." An die Arbeit also, Herr Oberamtsrichter! * * (Eine Stimme in der Wüste.) Graf Tischkewitsch, das Haupt eines der bekanntesten und ältesten litauisch - polnischen Adelsgeschlechter, hat in der Warschauer Zeitung „Wjek" einen gegen den Antisemitismus gerichteten Artikel veröffentlicht, der großes Aufsehen erregt hat. Er spricht seine Entrüstung darüber aus, daß der Antisemitismus, sich in letzter Zeit beim polnischen Adel heimisch gemacht habe, und forscht eingehend nach der Veranlassung der judenfeindlichen Bewegung in Rußland. Er schreibt darüber: „Die christlichen Geschäfte unseres Landes mit der Aufschrift: „Im Namen Gottes" verkaufen minderwertige Waren um teures Geld oder, was noch schimmer ist, mit doppelter Rechnung. Der christliche Handwerker arbeitet nachlässiger und teuerer, als der jüdische; der christliche Agent erfüllt die Aufträge seines Mandanten niemals so schnell und geschickt, wie sein jüdischer Konkurrent. Wer ist wohl daran schuld, daß unsere Juden das ganze Geschäft in Händen haben? Der jüdische Kaufmann, der besser zu handeln versteht, oder der christliche Kaufmann, der dafür, daß er überhaupt existiert, doppelte Rechnungen ausschreibt? Der jüdische Branntweinhändler oder der christliche Branntweintrinker? Der Jude, der sich mühsam sein Geld verdient, oder der „Herr Gutsbesitzer", der Geld leichtsinnig auf Pump nimmt? Der Antisemitismus ist die Stimme des Begehrlichen, aber Schwachen; und der Abscheu gegen die Juden, der Haß, der zu blutigen Grausamkeiten geführt hat --- ist wie jeder Haß aus dem Bewußtsein der Schwäche und der Ohnmacht geboren Wenn wir uns über das Uebergewicht der Juden beschweren, warum verteidigen wir uns nicht auf eine Art, die der modernen Kultur würdig ist? Denn die Verteidigung, die jetzt überall beliebt wird, die selbst in den Kreisen der adligen Gutsbesitzer Mode werden möchte, die Verteidigung durch den Antisemitismus, sollte von Christen nicht angewandt werden. Wenn wir uns rühmen, die Gebote der Nächstenliebe zu erfüllen, so sollte der Haß uns fern bleiben. Leicht ist es, anderen ihre Fehler und Mängel vorzuhalten, leicht ist es für uns, die Juden mit Vorwürfen und Beschuldigungen zu überhäufen. Viel schwerer ist es, sich an ihnen ein Beispiel zu nehme«, von ihrer Solidarität und ihrer gemeinsamen Aktionskraft zu lernen: bei ihnen gibt es keine Unterscheidung nach Rang und Stand, Klasse und Partei. Mögen immerhin unsere russischen Christen von den Juden, die sie verachten und verfolgen- Ausdauer in der Arbeit lernen und vielleicht auch bisweilen — Ehrlichkeit. Die Weltgeschichte hat uns mit den Juden gemeinsame Interessen gegeben; an uns ist es, mit ihnen in Frieden zu leben, statt in Haß und Feindschaft." - Am Schluß seines Artikels erinnert Graf Tischkewitsch noch daran, daß der Antisemitismus ebenso alt sei, wie das jüdische Volk, und wie in früheren Zeiten so auch heute sich in rohen Gewaltausbrüchen, barbarischen Metzeleien und blindem Zorn äußert. Nichtsdestoweniger sei das jüdische Volk vorgeschritten, der Antisemitismus hingegen sei stehengeblieben in seinem düsteren Rahmen des Rassen- und Stammeshasses. Er habe kein Ziel und keine Zukunft. -i- * * (Die Judenverfolgungen in Rußland.) Aus Homel wird dem „Berliner Börsen-Courier" geschrieben: „Nach den Einzelheiten der grauenvollen Exzesse in Homel wollen wir nun eine zusammenfassende Uebersicht dieses Massen-, Unglücks anführen. Es gab 8 Tote, 7 lebensgefährlich Verwundete, über 100 minderschwer Verwundete. 140 Läden und über 200 Wohn Häuser wurden geplündert; 400 Familien sind brotlos geworden. Die Hauptursache des großen Umfangs der Homeler Exzesse ist in der ministeriellen Verfügung vom 18. April zu suchen. Nach diesem Rundschreiben ist es den Leitern der Polizei strengstens untersagt, jüdische „Abwehrexzesse" zu dulden. Infolge dessen konzentrierte die Polizei in Homel ihre ganze Kraft nicht auf die Bekämpfung der Plünderer, sondern auf die der jüdischen Abwehr. So konnten die Exzesse ungestört ihren Fortgang nehmen. Erst am Abend, als die Polizei mit der Abwehr fertig war, wandte sie sich ernstlich den plündernden Banden zu und jagte sie auch sehr bald auseinander. Es ist festgestellt, daß eine Abteilung von 15 Polizeileuten ausgereicht hätte, um den ganzen Lärm im Keim zu ersticken. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß die Exzesse nicht entfernt den geschilderten Umfang erreicht hätten, wenn di^ Juden sich selbst überlassen worden wären, da der Selbstschutz

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