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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 582

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 582 (sequence 10)
Language
German
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Seile 582. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. schlimmer fehlgreifen, als indem man dieser Bewegung irgendwie nachgibt, die mit der Aufhetzung gegen die Juden wohl anfängt, keineswegs aber dabei stehen bleibt. Die antisemitische Bewegung wird durch Konzessionen nur gestärkt und ermutigt. Bezwingen kann sie einzig, wer ihr kraftvoll entgegentritt. Allerdings muß dazu auch der Wille vorhanden sein, und daß er den besitzt, hat Graf Kospoth nicht einmal gesagt. * * * «Kischinew in Westpreußen.) In voriger Woche kam ein jüdischer Mann auf der Wanderung von Hammerstein nach Siegers, etwa anderthalb Meilen von Prechlau, dem Geburtsort Winters. Der Mann hieß Lewy und war von Beruf Setzer. Er kehrte in dem Schülkeschen Gasthof ein. Dort wurde er zunächst gehänselt- Dann wollte man ihn durch Prügel zwingen, anzuerkennen, daß die Juden Christenblut gebrauchen. Als er sich dessen weigerte, wurde er erschlagen! Die antisemitischen Zeitungen sagen: Der Mann sei am Herzschlag gestorben. Wir werden das so lange nicht glauben, niemandens Versicherung glauben, wenn nicht die Obduktion der Leiche von einem Berliner oder Danziger beamteten Arzt von wissenschaftlichem Ruf übertragen, der Obduktionsbericht veröffentlicht wird, und dieser Obduktionsbericht die Behauptung der antisemitischen Zeitungen bewahrheitet. Hier hat man eine Frucht der Landratspolitik, die auf die Gefühle der Antisemiten Rücksicht nimmt, während es notwendig wäre, diese fluchwürdige Bewegung mit starker Hand zu unterdrücken, sie niederzuschlagen. Kischinew in Westpreußen! * * (Ein treffendes Wort.) In seiner Komödie „Der Sturm- ^geselle Sokrates"^ läßt Sudermann einen Rabbiner Marcuse, einen alten Achtundvierziger, seinen Sohn zurechtweisen, der über den Antisemitismus klagt und unter allen Umständen sich durchzusetzen verheißt: „Wenn der Deutsche nicht will, daß wir mit ihm Deutsche, der Russe nicht, daß wir mit ihm Russen, der Franzose nicht, daß wir mit ihm Franzosen sind, dann wollen wir das sein, was sie nicht sein wollen, und so der Menschheit das kostbarste Kleinod aufbewahren, das sie besitzt und das sie achtlos weggeworfen hat: den Menschen." Möchte sichs doch namentlich der Teil der jüdischen Jugend gesagt sein lassen, den der Antisemitismus ins nationalistische Lager getrieben hat, und der sich einbildet, er sei gesund, weil er an derselben Krankheit leidet wie — die anderen Nationalisten auch. * * * (Da gehören sie nicht hin.) Die durch eine Eingabe des Herrn Rabbiner Dr. Maybaum veranlaßte Anordnung des Kriegsministers, daß mit Rücksicht auf den auf den 1. Oktober fallenden Versöhnungstag die jüdischen Rekruten in diesem Jahre erst am 3. Oktober eingestellt werden sollen, hat die Zustimmung auch der „Kreuzzeitung" gefunden. Sie spricht nur den Wunsch aus, daß auf die Gefühle der christlichen Bevölkerung allgemein dieselbe Rücksicht genommen werde, wie die jüdische in diesem Falle erfahren. Aber, meint sie, diese „nachsichtige Auffassung" werde ihr nicht erleichtert, wenn sie , sehe, wie sich die jüdische Presse dazu stelle. „Das „Jüdische Volksblatt" lobt den Kriegsminister über den grünen Klee und erklärt das „verloren gegangene Vertrauen" (Ner Juden) zur Regierung für wiederhergestellt. Dann aber gent es gleich weiter, indem es sagt: „So ist es denn sehr natürlich, wenn wir im Vertrauen auf diesen friederizianischen > Geist dem neuen Herrn die Bitte vortragen, auf diesem Wege und von diesem Geist erfüllt vorwärts zu schreiten. Unser Wunschzettel ist sehr groß (!), und wenn wir ihn auch jetzt noch nicht aus der Tasche ziehen, so gibt uns doch die jüngste gerechte Entscheidung des Kriegsministers Anlaß, seinen erleuchteten Geist auf andere wunde Punkte zu lenken." Vorläufig beschränkt sich das Blatt schlauer Weise darauf, solche Beschwerden vorzubringen, die auch im nichtjüdischen Sinne Berücksichtigung verdienen. So hätten wir nichts dagegen, daß strenggläubigen jüdischen Soldaten erlassen wird, am Feiertag zu schreiben, ebenso wenig wäre aber gegen die Errichtung jüdischer Seelsorge im Heere zu sagen. Sollen die Juden nun einmal dienen, so sehen wir keinen Grund, ihnen gerade dieses Zugeständnis zu verweigern. Ganz anders steht es schon mit der Forderung, daß jüdische Aerzte im Heere anzustellen seien (vermutlich ist gemeint: mehr jüdische Aerzte), und nun gar die Beförderung von Juden zu höheren Stellungen. Da gehören sie nicht hin. Wie dem aber auch sein möge, die 'Auslassung des „Jüdischen Volksblatt" zeigt, daß man den Juden nicht den kleinen Finger geben darf, wenn sie nicht die ganze Hand nehmen sollen. Ganz ungeniert heißt cs: „Unser Wunschzettel ist sehr groß." Was wird da also noch alles kommen? Unseres Erachtens darf deshalb kein Zweifel darüber gelassen werden, daß über die Abstellung der genannten, innerlich berechtigten Beschwerden unter keinen Umständen hinausgegangen werden soll." Es ist geradezu milleiderregend, daß ein großes Blatt zur Abweisung der natürlichsten und selbstverständlichsten Forderung — Beförderung Qualifizierter zu höheren Stellungen — nichts anderes zu sagen weiß als: „Da gehören die Juden nicht hin." Die Beschwerde über die Versagung eines natürlichen Rechts will die „Kreuzzeitung^ nicht als „innerlich berechtigt" anerkennen. * * (Allzu gütig.) Auf dem Umweg über Jerusalem erreicht uns das „Gemeindeblatt der Mennoniten" vom 1. August d. I., worin Herr Oberamtsrichter Seebaß in Helmstedt die Frage erörtert: „Aus welchen Gründen haben wir Judenmission zu treiben?" Er bejaht die Frage aus 4 Gründen: 1. um Gottes willen, 2. um der Juden willen, 3. um unsertwillen, 4. um unseres deutschen Volkes willen. Es wäre undankbar, wollten wir gleichgiltig bleiben, wo ein anderer sich um uns und unser Seelenheil in Selbstlosigkeit „heilig quält". Wir geben deshalb wieder, was Herr Oberamtmann Seebaß unter Numero 4 ausführt: „Es ist nicht zu leugnen, daß der jüdische Geist durch seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Literatur, insbesondere des Zeitungswesens, des Theaterwesens und im geschäftlichen Leben unserm lieben deutschen Volke schweren Schaden zugefügt hat. Man hat es auf jüdischer Seite gewagt, unsere christlichen Heiligtümer und unsern christlichen Glauben zu verspotten und zu verhöhnen. Durch das wucherische, unreelle Treiben von Juden ist wohl mancher deutsche Bauersmann und Geschäftsmann an den Bettelstab gebracht worden. Gewiß ist es gut und berechtigt, solchem bösartigen Treiben entgegenzutreten, es an das Tageslicht zu ziehen und öffentlich zu brandmarken. Aber sollen wir es nun so machen wie die Antisemiten, die sich mit bitterm Haß gegen die Juden erfüllen und am liebsten wohl alle Israeliten aus Deutschland verbannt sähen? Nein! Damit würden wir uns selbst ins Unrecht setzen. Dieser böse, widerliche Geist im jüdischen Volke muß innerlich überwunden werden. Das kann aber nur dadurch recht geschehen, daß alle Juden in der rechten liebevollen Weise hingeleitet werden zu Christus, der auch für

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