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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 580

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 580 (sequence 8)
Language
German
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Seite 580. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. die Herz! seinen Intimen zu geben für passend fand. Autos epha — er selbst hat es gesagt — das ist Alles. Dokumente werden nicht vorgelegt. Ueberall, wo es Anführer gibt, gibt es bekanntlich auch Angeführte; aber ein solcher Fall, wo sich ein A. C., wo sich ein Kongreß, wo sich eine ganze große Partei sechs Jahre lang einfach im Dunkeln an der Nase herumführen läßt, ein solcher Fall ist doch noch nicht dagewesen. Dr. Herzl mißbraucht das diplomatische Geheimnis, um die Schwächen seiner Geschäftsführung zu verhüllen, um sich unangreifbar zu machen, ebenso wie er sich durch die Ablehnung einer Besoldung unverantwortlich gemacht hat. Auch diesem Mißbrauch muß ein Ende gemacht werden. Ueber alle früheren Unterhandlungen müssen detaillierte, dokumentarische Berichte vorgelegt werden, um die Kenntnis dieser Unterhandlungen und zugleich ein Urteil über die ganze Vorgangsweise und die Befähigung der Geschäftsträger zu ermöglichen.*) * * * Diese Mystik, diese Geheimtuerei gehört zum ganzen System Dr. Herzls. Von einem Manne, der als politischer Elektrotechniker posiert, sollte man ein positives, nüchternes, wohl abgewogenes, präzises Vorgehen erwarten. Inzwischen geht in seltsamem Kontraste hierzu durch das ganze Gebaren Herzls ganz unverkennbar eine Tendenz zu orientalischer Phantasterei, ein pseudomessianischer Zug. Jawohl, der pseudomessianische Zug des Einwiegens des Volkes in leere, glänzende Träumereien, des Hinhaltens des Volkes durch mystische Wendungen und Scheinerfolge, des bestimmten Versprechens unerreichbarer Dinge für die kürzeste Frist. Wie oft hat Dr. Herzl nicht nur en petit comite, sondern von der Tribüne herab, .die demnächst bevorstehende Erreichung des Charters angedeutet! Me oft beteuerten dann die braven Zionisten in der Provinz: „Gleich nach den Feiertagen geht man nach Palästina!" Solange Dr. Herzl in zionistischen Kreisen derartige Seifenblasen steigen läßt, ist es ein schweres Vergehen, aber eine interne Sache. Wenn er jedoch zu einflußreichen jüdischen Persönlichkeiten außerhalb der Partei in derselben Weise spricht, wenn er in derselben Weise Unterhandlungen mit entscheidenden jüdischen Machtfaktoren führt, so schädigt er aufs empfindlichste die Jntereflen des Zionismus. Und das hat er getan. Er ist bereits vor einigen Jahren zu den Herren von der Jca gekommen und hat ihnen mit großartiger Geberde erklärt: „Avant quatre mois je mettrai le charter ä vos pieds!“ Sie begreifen nun, wie ernst die Jca die zionistische Bewegung nehmen und welches Vertrauen sie Plänen entgegenbringen kann, die ihr von offiziell-zionistischer Seite vorgelegt werden. Und nun stellen Sie sich erst vor, welche Aussichten der Zionismus hat, zu welchen Resultaten er gelangen kann, wenn Dr. Herzl dieses . . . phantastische Temperament in diplomatischen Verhandlungen, vor Regierungsvertretern spielen *) Dieser Teil meiner Kritik, den ich auch auf dem Kongresse vorzubringen Gelegenheit fand, war von sichtbarem, sofortigem Erfolge begleitet. Zweifellos hatten da auch die nachdrücklichen Vorwürfe der Mitglieder des A. C. mitgewirkt. Dr. Herzl sah sich veranlaßt, über seine letzten diplomatischen Unterhandlungen einen viel eingehenderen Bericht zu erstatten, als dies früher zu geschehen pflegte, und bei Einsetzung der ostafrikanischen Kommission ausdrücklich hervorzuheben, daß das Ergebnis der Studien derselben vor dem nächsten Kongresse veröffentlicht werden würde, damit die Delegierten sich vorbereiten könnten. Bei der Einbringung des ostafrikanischen Projektes selbst aber erreichte das sisherige System der Ueberraschungen seinen Gipfelpunkt. läßt! Von einem Diplomaten verlangt man in erster Linie äußerste Vorsicht und Reserve, peinlichste Abwägung jedes Wörtchens. Ein Mann, der so spricht, wie Dr. Herzl, verliert in diplomatischen Kreisen bald allen Kredit, und damit verliert ihn auch die Sache, die er repräsentiert. Und wer bürgt Ihnen dafür, daß Dr. Herzl der türkischen Regierung nicht in ganz ähnlicher Weise erklärt hat: „Bevor vier Monate ablaufen, werfe ich Ihnen 100 Millionen vor die Füße!" daß dann vier Jahre abgelaufen sind, in denen er kaum den 33. Teil der versprochenen Summe aufgebracht hat, und daß nicht die türkische Regierung gerade wegen solcher leichtsinniger, nicht eingehaltener Versprechungen alles Vertrauen zu unserer Sache verloren und die Unterhandlungen abgebrochen hat? Ich bürge nicht dafür; denn die ganze Diplomatie Herzls bestand ja bis jetzt in diesen leichtsinnigen Versprechungen und unerfüllbaren Anerbietungen, die er hin und her trug. Er spielte die Rolle jenes sonderbaren Maklers, welcher der Jca den Charter versprach, den der Sultan nicht hergeben will, und dem Sultan die Millionen versprach, die die Jca nicht hergeben will. * * * Viele von Jenen, die heute mit dem Kopf schütteln, haben einst in Herzls Diplomatie ein unbegrenztes Vertrauen gesetzt. Manchen werden diese Worte noch heute wie Blasphemie klingen.*) Ich will ja auch Herzl keineswegs alle Befähigung zur Diplomatie absprechen. Er hat einen ausgesprochenen Sinn für Jntrigue und er ist ein Blender. Er kann sich also in gewissen Fällen, im Aufträge einer ernsten und vorsichtigen Körperschaft, als ganz nützliche Kraft bewähren. Aber ich betone es: diese Kraft muß kontrolliert werden. Wehe, wenn sie losgelassen, einhertritt auf der eignen Spur! Denn der Blender, der Menschen von einem gewissen Schlage spielend, gewinnt, erweckt bei den ganz gescheiten Leuten Mißtrauen. Und gerade in der Diplomatie gibt es viele Ganzkluge. Darum halte ich auch für den heutigen Zionismus die Diplomatie überhaupt — besonders aber das ausschließliche Sichverlegen auf die Diplomatie — für verfehlt. Ein Diplomat verhandelt nur mit demjenigen ganz ernst, der eine wirkliche, nicht eine potentielle Macht ist. Unsere Offiziellen haben sich eingebildet, von Anfang an mit den Regierungen de puissance a puissance unterhandeln zu können. Da muß ich ihnen, als Vertreter des prophetischen Zionismus, das Kompliment des Größenwahnsinns zurückgeben. Manche Oberhäupter und Vertreter von Regierungen sind anfangs aus Unkenntnis der jüdischen Verhältnisse so zu sagen hereingefallen. Sie stellen sich ja das gesamte Judentum als einen Haufen von solidarischen Geldsäcken vor und haben Herzl für den Bevollmächtigten der Jca und der Rothschilds gehalten. Als sie sich aber dann überzeugten, daß wir weder das Geld noch die Leute haben, die man ihnen vorgespiegelt oder die sie hinter uns vermutet, haben sie den Zionismus fallen lassen. Und dieser Prozeß wird sich bei allen neuen diplomatischen Scheineroberungen wiederholen. In diesem vorfrühen Stadium, bevor wir mehrere Hunderttausende von Schekelzahlern und ein Budget von vielen Millionen haben, haben diese Audienzen und Unterhandlungen vielleicht einen kleinen propagandistischen Wert innerhalb der Partei, aber sie schädigen in empfindlichster Weise die Interessen des Zionismus gerade auf dem diplo- *) Besonders nach den letzten diplomatischen Unterhandlungen Herzls.

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