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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 579

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 579 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41. Israelitische Wochenschrift. Gerte 679. und alle seine bisherigen Mißerfolge sind auf die persönlichen Eigenschaften seiner Leiter zurückzuführen. Es ist mir höchst peinlich, es widerstrebt mir im tiefsten Herzen, diese persönlichen Momente zu berühren — aber es läßt sich nicht umgehen. Man spricht von einem großen A. C. und von einem kleinen A. C. — aber ich sehe sie nicht; ich sehe an der Oberfläche der Bewegung nur den Präsidenten Dr. Herz! und Dr. Nordau, der nicht einmal Mitglied des A. C. ist; neben diesen beiden höchstens noch Herrn Israel Zangwill. Es tut mir leid, wenn ich hier einen Nimbus antasten, wenn ich liebgewordene Illusionen werde zerstören müssen. Ich achte und schätze diese Herren als Schriftsteller, ihre persönliche Ehrenhaftigkeit ist unantastbar; aber als Führern des Zionismus habe ich ihnen vieles vorzuwerfen. * -ft Sie werden es bemerkt haben, daß zwischen den Worten und den Taten des offiziellen Zionismus ein überraschender Widerspruch besteht. So hat z. B. Dr. Nordau auf dem fünften Kongreß in einem ausgezeichneten Referat die körperliche, geistige und wirtschaftliche Hebung der Juden empfohlen; er hat auch allen Ernstes und mit dem ihm eigenen Nachdruck die statistische Durchforschung des jüdischen Volkes als eine allererste Notwendigkeit für den Zionismus postuliert. Schließlich wandte er sich mit scharfer Polemik gegen jene sonderbaren Kritiker, welche von diesen Gegenwartsaufgaben des Zionismus nichts wissen wollen, weil sie angeblich seine Kräfte zersplittern und ihn von seinem Ziele ablenken. Wer ist dieser sonderbare Kritiker? Kein anderer als Dr. Nordau's intimer Freund und politischer Genosse, Theodor Herzl. Dr. Herz! ist es, der die Gegenwartsaufgaben und speziell die Statistik für unmöglich erklärt hat, er ist es, der auf jede die Kultur oder die Erforschungswerke betreffende Anregung die stereotype Antwort gibt: das würde unsere Kräfte zersplittern, das würde uns vom Ziele ablenken. Es wäre der Gipfel der Komik, wenn es nicht so traurig wäre! Sie sehen hier die Rolle, welche Dr. Nordau von Herzl zugeteilt wird. Er benützt ihn einfach als Phonographen, in den beliebige Walzen hineingelegt werden, die dann die schönsten Weisen in die Welt hinaustönen lassen. Dr. Nordau darf im Namen des offiziellen Zionismus die wundervollsten Ideale besingen, er darf die radikalsten und sogar die vernünftigsten Forderungen aufstellen, aber selbstverständlich in ebenso belangloser, unverbindlicher Weise, wie das bekannte Versprechen: 1000 Mark Belohnung demjenigen, der . . . . Ich bin erstaunt, daß ein Mann von so hoher Intelligenz, von so genialer Begabung, wie Dr. Nordau, ein Mann, der dem Dr. Herzl intellektuel so weit überlegen ist, sich in dieser Weise zu seinem blinden Werkzeug herabwürdigen ließ und diese ganze hohle Maskerade mitmacht. -ft * -ft Diese Widersprüche zwischen den Enunziationen und den Handlungen unserer Offiziellen sind nicht das Einzige, was ich an ihrer Taktik zu rügen habe. Viel bedenklicher noch erscheint es mir, daß ihr ganzes Arbeitssystem bislang darauf hinauslief, nicht etwas Wirkliches zu erreichen, sondern nur den Anschein zu erwecken, ols ob sie etwas erreicht hätten; etwas vorzubereiten, womit man auf dem Kongreß das Volk in Hurrastimmung bringen kann uud so von Kongreß zu Kongreß sich „durchzufretten", wie Graf Taaffe zu sagen pflegte. Dieses System des ,,ut aliquid fecisse videatur“, das System der Scheinerfolge, der G'schnas-Fassaden geht so weit, daß die gesamte Tätigkeit Dr. Herzls sich zu einem Theaterkoup zuspitzt, der mit allen von der Bühnenwelt her bekannten Mitteln vorbereitet und auf dem Kongreß ausgespielt wird. Er wirft über den eigentlichen Kern des herannahenden Kongresses einen mystischen Schleier, ganz so, wie gewisse Theaterdichter den Titel und Inhalt ihrer Novitäten bis zum letzten Augenblick verschweigen, um die Spannung des Publikums aufs Höchste zu steigern. Es besteht aber doch ein gewisser Unterschied zwischen einer Premiere und einem Kongreß. Allerdings ist Dr. Herzl auch Lustspieldichter, aber ich möchte ihm doch raten, die Ressorts mehr auseinanderzuhalten. Wenn ein schlechtes Stück durchfällt — und gewöhnlich arbeitet man ja mit solchen Mitteln, wenn man von seiner Novität keinen besonderen Erfolg erwartet — so ist das kein Unglück. Wenn aber ein Kongreß nichts Positives ergibt, so ist das ein Unglück. Wie soll er aber wirklich nützliche Arbeit leisten können, wenn man die Delegierten bis zur letzten Minute in vollständiger Unkenntnis dessen beläßt, worüber sie eigentlich zu beraten haben werden? Denn in der Tagesordnung steht bekanntlich nichts als eine Reihe leerer Titel. Wenn die Delegierten etwas leisten sollen, so müssen sie sich vorbereiten können. So lange es ein parlamentarisches, ein Vereinsleben gibt, ist noch nie ein Kongreß mit solcher Mißachtung behandelt worden. Selbst ein Veteranenkongreß, eine Versammlung von Feuerwehrmännern im letzten Krähwinkel weiß es, worüber man beraten wird. Wir aber wissen es bis heute nicht, ob wir über die Kolonisation von El-Arish zu sprechen haben werden oder nicht, sie haben — risum teneatis — die Männer der Opposition darüber ausgeholt, ob sie etwas von El-Arish wissen. Glaubt denn Dr. Herzl es wirklich mit einem Haufen von Idioten, mit einer Herde Stimmvieh zu tun haben, daß er es wagt, so vorzugehen? Fühlt er es nicht, d/rß ein unwürdiges, unerlaubtes Komödiantentum darin steckt, die wichtigste Angelegerc^^^ heit zu einer Wirkung auf die Massen zu mißbmuchen? Hier handelt es sich nicht darum, daß Herzl ein Bluff gelingt, sondern es geht um das Wohl des jüdischen Volkes! Herzls und nur Herzls Schuld ist es, daß die bisherigen Kongresse bloß leere Manifestationskongresse waren. Ich ge- I stehe offen, ich wundere mich darüber, daß die Herren vom großen A. C. sich so behandeln ließen, daß sie nicht Stolz genug b.esaßen, ihre Mandate unter diesen Umständen dem Präsidenten vor die Füße zu werfen! -ft * -ft Dr. Herzl darf sich hier nicht hinter das notwendige diplomatische Geheimnis verschanzen. Was so reif ist, daß es auf dem Kongreß unter Trompetenstößen verkündet werden kann, das kann auch einige Wochen früher den Mitgliedern des A. C. in konfi.dentiellen Zuschriften ganz genau mitgeteilt und den Delegierten wenigstens allgemein angedeutet werden. Dr. Herzl mißbraucht überhaupt das sogenannte diplomatische Geheimnis. Ebenso wie wir nicht wissen, was vorgehen wird, wissen wir auch nicht, was vorgegangen ist und wie es vor sich gegangen ist. Allen Parlamenten der Welt werden nach Abschluß gewisser Verhandlungen detaillierte diplomatische Berichte vorgelegt. Wir müssen uns mit mystischen Andeutungen, mit ganz leeren Redensarten begnügen. Der Zionismus hatte bis jetzt auf diplomatischem Gebiete nur Mißerfolge zu verzeichnen. Die Majorität aber — oder soll ich doch sagen: die Minorität? — ist von ihnen entzückt, denn sie sagt sich: wenn Dr. Herzl nichts erreicht hat, dann war eben nichts zu erreichen. In der Tat, worauf soll sich die Beurteilung der stattgehabten Unterhandlungen gründen? Kaum der engste n Kreis weiß etwas von ihnen, und zwar in der Darstellung, ^r-

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