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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 578

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 578 (sequence 6)
Language
German
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Seite 578. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. als der eines unbedeutenden Kleinstaates, auch wenn er innerhalb deren Jurisdiktion oder unter ihrem Schutze steht. Das ist ein Anachronismus. Das ist eine Travestie auf vas nationale Leben unserer Hoffnungen und Gebete. Es ist den Prinzipien des Zionismus diametral entgegengesetzt. Eine Politik der Verzweiflung oder Ungeduld kann nicht gestattet werden. Es ist auch noch gar kein Grund zur Verzweiflung. Und haben wir auch noch manche Jahre länger zu warten, was bedeuten diese im Vergleich mit den Jahrhunderten der aufrechterhaltenen Hoffnung und der ausdauernden Geduld? Die Zukunft gehört denen, die warten und arbeiten. Die Zukunft gehört uns. Und sind auch unsere Bestrebungen, ein gesetzlich gesichertes Heim in Palästina zu errichten, ein- oder zweimal fehlgeschlagen, so hat das wenig zu sagen. Wir sind des Erfolges sicher. Die Geschichte deutet in diese Richtung. Die Prophezeiungen deuten in diese Richtung. Wir müssen uns an Zion klammern. Wir müssen uns stets die Losung vor Augen halten: „Wenn ich dein vergesse, Zion, soll meine Rechte verdorren . . . wenn ich Jerusalem meiner höchsten Freude nicht vorziehe". London, 2. Elul 5663. Der Ihrige M. Gaster." Der in diesem Brief vertretene Standpunkt ist durchaus konsequent. Ein Zionismus ohne Zion ist eben kein Zionismus mehr. Freilich kann er um so vernünftiger sein. Aber sich selbst hat er aufgegeben und ist in die Reihe der Organisationen, die eine Kolonisation anstreben, an letzter Stelle eingerückt. Dort kann er nützlich wirken, sobald er die großen Worte und das heroische Getue aufgiebt und redlichen Sinnes ohne Prahlerei wirklich arbeitet, d. h. von Grund aus sich ändert. _^ ^^.Daß er^das tun wird, ist allerdings zu bezweifeln. Denn er hat seine Wandlung mit einer Unredlichkeit begonnen, die in der Behauptung besteht, er sei trotz des jüdisch-ostafrikanischen Projekts zionistisch geblieben. Eine weitere und noch gröbere Unredlichkeit besteht darin, daß das ostafrikanische Projekt als ein Fortschritt, als ein vom Zionismus erlangter Gewinn hingestellt wird. Es ist möglich, daß in Britisch-Ostafrika Landstrecken sind, die sich zur Besiedlung durch Europäer eignen. Die englische Regierung weiß davon nichts, aber sie wird es ganz gern sehen oder wenigstens keine Einwendung erheben, wenn der Zionismus auf eigene Rechnung darnach sucht. Hat der Zionismus sie gefunden, so soll er die betreffenden Strecken pachten oder kaufen dürfen — was nach englischen Gesetzen keiner besonderen Erlaubnis bedarf, sondern selbstverständlich jedem freisteht, der den Pacht- oder Kaufschilling aufzubringen und sicherzustellen vermag. Sind diese Vorfragen in bejahendem Sinne erledigt und hat die Besiedlung durch den Zionismus stattgefunden, so sollen die jüdischen Ansiedler sich ein eigenes kommunales Oberhaupt wählen und eine Kommunal-Ordnung nach ihrem Gefallen einrichten, etwa die Sabbatfeier statt der sonst üblichen Sonntagsfeier anordnen dürfen. Auch das ist nach den allgemeinen englischen Verwaltungsgrundsätzen ganz selbstverständlich. Die englische Regierung würde sich selbst verleugnen, wollte sie den in Britisch- Ostafrika einwandernden Juden gegenüber ein anderes Verhalten beobachten. Ebenso selbstverständlich ist es, daß sie sich die Oberaufsicht über die jüdische Kolonie vorbehält und es ablehnt, irgendwelchen Zuschuß zu den Kosten der zionistischen > Einrichtung zu leisten. Sie ist allerdings vorsichtig genug, ein s Scheitern des zionistischen Planes in Bedacht zu nehmen und für diesen Fall vorweg zu bedingen, daß das Land wieder V in den Besitz der englischen Krone kommt, sobald die Besiedelung sich nicht verwirklicht. Unter diesen Bedingungen kann jedermann in Britisch- Ostafrika der Aufnahme gewiß sein. Man muß eigentümliche Vorstellungen haben oder vollständig verrußländert sein, um in diesem Selbstverständlichen ein Entgegenkommen oder eine Anerkennung zu sehen. Der Führer des Zionismus freilich behauptet, daß er die Dinge so beurteile. Er hat auch den hohnvollen Brief des russischen Ministers von Plehwe so aufgefaßt, wenigstens gesagt, baß er ihn so auffasse, und das Schreiben des Sir Clement Hill war doch wenigstens höflich, während das des Herrn von Plehwe russisch war. Nun meint Herr Dr. Theodor Herz! allerdings, daß er das ostafrikanische Projekt nur „prüfen" wolle, was den Zionismus zu nichts verpflichte. Das ist richtig. Der Zionismus wird sich auch zu nichts verpflichten und es wird nichts aus dem Projekt werden — schon weil der Zionismus in seiner gegenwärtigen demokratisch-absolutistischen Struktur überhaupt aktionsunfähig ist - aber deswegen hat er doch seine ganze Vergangenheit abgeschworen und sein ganzes Wesen verändert, indem er eine Besiedelung fern von Zion überhaupt in Betracht zog. Daß er dabei an die notwendige aktuelle Hilfe für die notleidenden Juden gedacht hat, ist durchaus rühmlich — vorausgesetzt, daß klug und mit praktischem Sinn vorgegangen wird. Nur ist das eben nicht zionistische Hilfe, sondern eine Hilfe, die genau auf derselben Linie sich bewegt, wie die der I. C. A. und anderer Organisationen. Der Unterschied besteht blos darin, daß die I. C. A. und die anderen Organisationen bereits erprobt und bewährt sind, und daß sie ehrlich sagen, was sie wollen, während der Zionismus bisher blos Redensarten gemacht hat und auch seine jetzige Wandlung mit der Vorspiegelung einleitet, daß er bleibe, was er gewesen: Zionismus, und daß er die Ansiedlernach Ostasrika führe, lediglich auf dem Weg nach Palästina. Die Führer des Zionismus nennen das „Politik". Sie glauben, daß sie um der Propaganda willen die Unwahrheit, die Aufbauschung, den Humbug nötig haben — denn schließlich heilige der Zweck die Mittel. Die Korporale des Zionismus aber kommen sich furchtbar groß und „überlegen" vor, wenn sie in diesen „politischen" Sumpf hineinsteigen und andere mit hineinführen. Ihnen mißbehagt dieses Element nicht, das sie nicht abschreckt, seitdem sie nationalistisch verseucht sind. Herr Dr. Gaster hat sich vom Zionismus abgewandt, dessen Führerschaft dadurch moralisch und intellektuell einheitlicher geworden ist. Immerhin ist dadurch eine Lücke entstanden. Wie wäre es, wenn man die Lücke durch Zuwahl ausfüllte, etwa durch Zuwahl des Herrn Houston Stewart Chamberlain? Eine Kritik. Unter dem Titel „Die Bilanz des Zionismus" hat Herr Dr. Alfred Nossig eine Broschüre erscheinen lassen. Die Broschüre gibt eine Rede wieder, die Herr Dr. Nossig auf dem 6. Baseler Kongreß zum teil gehalten hat, zum teil hat halten wollen. Wir lassen einen zusammenhängenden Ausschnitt daraus hier folgen: „Der "heutige Zionismus hat, abgesehen von wenigen Fällen verzweifelter Aufraffung, auf eigene Ideen, auf eigenen Willen ganz verzichtet. Die Führer bemächtigten sich seiner förmlich wie einer leblosen Masse, sie kneteten ihn und gaben ihm ihr Gepräge. Alles im heutigen Zionismus, sein Charakter

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