Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 577 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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Nr. 41. Israelitische Wochenschrift. Seite 577. Ebenso ist die geschichtliche Entwickelung der Zeremonien nach Zeit und Ländern, nach Tracht und Geräten noch nicht geschrieben. Genaue liturgische Vorschriften über die Geräte, von einer von allen Juden anerkannten Stelle ausgegeben, sind nicht vorhanden. Man weiß nicht genau, welches Aussehen, sagen wir im ersten Jahrhundert der Zeitrechnung, die Geräte haben mußten, leider aber auch nicht, welches Aussehen sie damals tatsächlich hatten; denn es fehlen, zur Zeit wenigstens, fast alle Denkmäler aus früheren Perioden. Die Lücken in der Entwickelung sind bei den Gegenständeu noch viel größer, als bei den Synagogenbauten. Nur sehr wenige Objekte sind erhalten geblieben, die vor dem 16. Jahrhundert unserer Zeitrechnung entstanden sind; über einige wenige aus früherer Zeit geben die Buchmalereien Aufschluß. Wenn die Zahl derer, die der Erforschung alter jüdischer Geräte ihre Aufmerksamleit zuwenden, eine viel größere sein wird, dann wird freilich noch mancher überraschende Fund gemacht werden. Um aber einen großen Kreis von Gelehrten und Künstlern für diese Aufgabe zu gewinnen, ist es, weil ihnen zumeist die Eigentümlichkeiten des jüdischen Kultus ganz fremd sind, zunächst überaus wichtig, wenigstens die Gegenstände aufzuzählen, die dabei zur Verwendung kommen. Es sollen in folgendem behandelt werden: 1. Kultusgegenstände für die Synagoge, 2. Kultusgegenstände für das Haus, 3. andere in den angegebenen Formen nur bei den Juden im Gebrauch befindliche Gegenstände. Die Megillah, die Haggadah, das Omerbuch werden zwar diesmal in das Verzeichnis ausgenommen werden; die Megillah wegen des gedrechselten Griffes und der oft verzierten Kapsel, die Haggadah, das Omerbuch und andere Bücher wegen ihrer oft schönen Einbände. Allein ihr eigentlicher Platz wird in einem besonderen Heft sein, in dem der ornamentale Charakter der hebräischen Schrift und neben der verzierten Schrift auch die illustrierten Druckwerke behandelt werden sollen." Die im Doppelheft enthaltenen Abbildungen von Kultusgeräten find mit großer Sorgfalt ausgeführt und bilden einen interessanten Beitrag zur allgemeinen Geschichte des Kunstgewerbes. Die Originale der wiedergegebenen Gegenstände befinden sich in verschiedenen deutschen und italienischen Synagogen, im Besitz von Wohlfahrsvereinen und in Privatbesitz. Direktor Frauberger in Düffeldorf, Vorsitzender des Arbeitsausschusses und Herausgeber der Mitteilungen der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, bittet alle, die sich für die Bestrebungen des Vereins interessieren, ihm möglichst viele Notizen über vorhandene Zeichnungen, Photographien und Originalgegenstände zuzusenden. Es ist noch nicht genug Material vorhanden, um eine Anzahl größerer Sammlungen zu schaffen, aber man darf nach den bereits vorhandenen Anfängen überzeugt sein, daß das in absehbarer Zeit in Frankfurt a. M. zu gründende Museum jüdischer Kunstdenkmäler einen leidlichen Umfang haben wird. Die Mitgliedschaft der Gesellschaft kann entweder durch einen einmaligen Beitrag von M. 300 oder durch einen jährlichen Beitrag von M. 10 erworben werden. Herr Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M. ist Vorsitzender, Herr Wilhelm B. Bonn Schatzmeister der Gesellschaft. Nochmals IMsch-Gastika. Der 6. Basler Zionistenkongreß ist, wie man weiß, durch die Mitteilung überrascht worden, daß der Zionismus seine Versprechungen und seinen Zweck erfülle, wenn er seinen Getreuen nicht Zion als das Land seiner Verheißung erschließe, sondern sie nach Afrika führe, um dort aus einem Stück Britisch-Ostafrika eine Art Jüdisch-Ostafrika zu machen. Der 6. Basler Zionistenkongreß hat in seiner Mehrheit diese Mitteilung gläubig entgegengenommen und seine ganze Machtvollkommenheit durch den Beschluß bewiesen, ein Komitee von 9 Mitgliedern einzusetzen, die die Befugnis haben sollen, dem großen Aktionskomitee, d. i. Herrn Dr. Theodor Herzl, bei der Auswahl der Expedition, die zur Erforschung geeigneten Landes nach Britisch-Ostafrika gehen soll, einen Rat zu erteilen. Mit dieser bescheidenen Assistenz begnügt sich das „jüdische Parlament", das sich kühn — hierin erschöpft sich seine ganze Kühnheit — die Vertretung des jüdischen Volkes nennt. Eine Minorität freilich war auf dem 6. Basler Kongreß vorhanden, die von der Militärischen Wandlung des Zionismus nichts wissen wollte, und ein Teil dieser Minorität hat sich auch nachträglich nicht löblich unterworfen. Zu den Gegnern der Mauserung gehört Herr Dr. Gaster in London, eine der wenigen sympathischen Erscheinungen des Zionismus. Ihm ist wohl schon früher manches Bedenken über die Gemeinschaft gekommen, in die er geraten war, und er mag jetzt aufgeatmet haben, als sich ihm die Notwendigkeit aufdrängte, den „politischen" Genossen den Rücken zu kehren. Er hat in den englischen jüdischen Zeitungen nachstehenden Brief veröffentlicht: „Um Zions Willen will ich nicht Ruhe bewahren." Mein Herr! Angesichts der jüngsten Evolutionen des Zionismus erachte ich es als meine Pflicht, das fundamentale Prinzip des Zionismus wieder zu konstatieren: „die Erwerbung einer gesetzlich gesicherten Heimstätte in Palästina fh^löÄS ^jüdische'" Volk". Weder mehr noch weniger. Das^ ist der erste Artikel und zugleich die unveränderliche Basis des Programms, welches durch die Zionisten in Basel formuliert und angenommen wurde. Wir wünschen in die alte Heimat unseres Volkes zurückzukehren und das alte nationale Leben in dem durch Traditon geheiligten und durch Jahrhunderte altes Martyrium verherrlichten Lande wiederherzustellen. Der Zionismus ist nicht dazu da, um temporäre Erleichterungsmittel zu schaffen. Unsere Lösung des jüdischen Problems muß eine endgiltige sein. Sie muß die religiösen Bestrebungen und das religiöse Sehnen der Vergangenheit verwirklichen, und die soziale Lage der Juden in der Gegenwart sichern. Jede Abweichung von diesem Programm, wenn auch nur um Haaresbreite, bedeutet das Aufgeben des fundamentalen Prinzips des Zionismus. Abhilfe durch Kolonisation in großem oder kleinem Maße muß speziellen Organisationen überlassen werden, die mit dem Zionismus nichts Gemeinsames haben. Und mag auch ihr Werk von temporärem Charakter sein, so ist es nichtsdestoweniger lobenswert. Unser Ziel ist nicht, einen unbedeutenden Staat zu schaffen. Das hieße mit Worten spielen und mit heiligen Idealen Scherz treiben, wollte man vom Zionismus außerhalb Zions sprechen und von einem Lande für Juden außerhalb des heiligen Landes. In dem britischen Reiche, wie auch in den Vereinigten Staaten herrscht ein wahrer Geist der Gerechtigkeit und Freiheit. Wir setzen das vollständigste Vertrauen in ihre Gesetze und in die wundervolle Art, wie diese Gesetze angewendet werden. Das höchste politische Ziel eines Juden sollte unter den gegenwärtigen Verhältnissen eher sein, ein Bürger des , britischen Reiches oder der Vereinigten Staaten zu werden.