Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 576 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 576. Israelitische Wochenschrift. M. 41. Aber jenes heidnische Wesen, aus dem keine Freude aufblühen kann, ist keineswegs mit der heidnischen Weltentwicklung abgetan, es ist noch heute eine gewaltige Macht. Gegen die materialistische Weltanschauung der Gegenwart darf man ohne weiteres die Anklage richten, daß sie den Urquell der Freude verschüttet. Der Materialismus ist hoffnungslos; darum hat er keinen Raum für Freude. Die endlose Entwicklung der Welt, in der das Leben Gottes sich verwirklicht, hat gar kein festes Ziel, auf das seine Hoffnung sich freudenreich richten könnte. Die einzelne Person des Menschen ist nichts in dem unermeßlichen Ganzen der unermeßlichen Welt. Die Freude aber, wie der Schmerz ist vor allen Dingen persönlich, weil Leben und Tod im eminenten Sinne die Person jedes Einzelnen angehen. Die materialistische Auflösung der ethischen Idee der Persönlichkeit ist der Tod der Freude wie der Hoffnung. Mit der Verneinung der Persönlichkeit Gottes ist die Auflösung der menschlichen Persönlichkeit gegeben, und hiermit sind die alten freudeleeren Todesschatten wieder ausgebreitet. Der eigentümliche Adel, die geistige Würde und Schönheit, der sittliche Wert und die sittliche Kraft der wahren Freude wird in frappanter Weise uns vor Augen gestellt, wenn uns die Freude nicht nur als eine Gabe, sondern als eine Aufgabe, nicht nur als ein Gut, sondern auch als eine Tugend bezeichnet und dabei als ihr Grund und Halt die in die Ewigkeit und ihren Frieden reichende Hoffnung genannt wird. „Ich freue mich in Gott und meine Seele frohlockt in dem Herrn." Durch die Aufeinanderfolge des Festes der Freude auf das streng^ Fest der Versöhnung will uns unsere Religion bekehren, daß*" die Entsagung und Kasteiung ihr nicht Zweck, sondern Mittel ist; nicht Lebensverachtung und Lebensüberdruß, sondern Lebensfreudigkeit ist ihr Ziel. In diesem Sinn fordert uns heute die Religion zur Freude auf, zu einer Freude, die nicht dem sinnlichen Genuß entspringt, sondern in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht ihre Quelle hat. Diese reine Freude dem Israeliten zu verleihen, die gesunde Lebensanschauung ihm beizubringen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Religion. Die ganze Welt- und Lebensanschauung des Judentums ist zwar ernst, aber zugleich durchaus heiter und freudig. Das Hebräische ist reich an sprachlichen Benennungen der Freude, die Ausdrücke sind sehr mannigfaltig und fein abgetönt, um das Wohlgefühl von dem einfachsten Behagen bis hinauf zum Jubel der Seelenwonnen zu bezeichnen. Die Freude zu geeigneten Zeiten und Gelegenheiten gehört sogar zu den Pflichten des Judentums, „und freue Dich an Deinem Feste, Du, Dein Sohn ... der Lepite und der Fremdling, die Waise und die Witwe." Roch wichtiger aber ist das Gesetz, andere an der Freude, die man sich selbst bereiten kann, teilnehmen zu lassen. Die Freude ist dem jüdischen Gemüt erst dann vollständig, wenn sie sich denen mitteilt, die sie entbehren. Zahlreich sind die sittlichen Vorschriften, aber auch die lebendigen Sitten, jedes glückliche Ereignis und jede frohe Botschaft durch Spenden an Bedürftige zu feiern. Man braucht dem Menschen nicht streng zu gebieten, sich selbst Freude zu bereiten, der natürliche Trieb sorgt schon dafür. Aber die Freude besonders darin zu finden, daß man sie andern bereitet, gebietet schon das Gesetz mit einfachen Worten: „und freue Dich an Deinem Feste, Du mit Deinem Sohn. mit der Waise und der Witwe." Eine Freude, die engherzig wäre, ist undenkbar; eine Freude, die aus ihrem ursprünglichen Kreise nicht heraustreten könnte, müßte im Keim ersticken. In der Wohltätigkeit berühren sich Freude und Frömmigkeit, darum ist die eine die Quelle der andern. Mit der freudigen Welt- und Lebensanschauung des Judentums geht die Hoffnungsfreudigkeit Hand in Hand, die ebenfalls zum Grundcharakter des Judentums gehört. Der düstere Schicksalsglaube hatte hier nie Wurzel fassen können. Das israelitische Bewußtsein ringt sich auch unter dem schwersten Druck zu der felsenfesten Ueberzeugung durch, daß „Gott helfen kann und helfen wird", wenn es Zeit ist. Diese Hoffnungsfreudigkeit ruht nicht in einem krassen Unsterblichkeitsglauben, worin noch immer so viele das eigentliche Bedürfnis der Religion sehen, weil man sonst, wenn es kein Fortleben gäbe, von der Sittlichkeit abfallen würde; nein, diese Hoffnungsfreudigkeit hat gar nicht das Bedürfnis, sich auf so blasse Reflexionen über die Dauer der menschlichen Seele zu gründen, wie die religiöse Armut seit dem 18. Jahrhundert zu tun angefangen hat — sie ist sich vielmehr der Gemeinschaft des ewigen Gottes, der unerschöpflich reich ist an Güte, unmittelbar gewiß. Darum kann sie vertrauensvoll alle Fragen Gott überlassen; sie weiß, daß ihr Gott nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebendigen ist und daß er die Seinigen führt mit seinem Rat. Klarer konnte der Grundgedanke, daß die heitere und freudige Lebensanschauung den Grundcharakter des Judentums bildet, nicht ausgedrückt werden, als in dem geflügelten Wort: Der göttliche Geist ruht nicht auf dem Menschen, weder im Zustand der Trauer, noch in der Trägheit, sondern allein in der Freudigkeit der Pflichterfüllung. Gklkllslhaft;ur Erforschung jüdischer Kunüdkukmültt. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler (E. V.) zu Frankfurt a. M. hat soeben die Hefte III und IV ihrer Mitteilungen erscheinen lassen. Sie sind in demselben vornehm künstlerischen Geschmack ausgestattet wie die vorher herausgegebenen Hefte und zeichnen sich durch besonders reiches Material von Abbildungen aus. Das zweite Heft der Mitteilungen hatte eine Abhandlung über Bau und Ausschmückung alter Synagogen mit zahlreichen vortrefflichen Illustrationen gebracht; das neue Doppelheft enthält eine ausführliche Erörterung über alte Kultusgegenstände in Synagoge und Haus, in der es heißt: „Sie kann nicht viel mehr enthalten, als eine Aufzählung der Gegenstände, die als jüdische zu bezeichnen sind und einige Bemerkungen über ihre Form, Farbe und Verzierung; denn wie bei den Synagogen ist auch hierbei eine systematische, die Entwickelungsreihen kunsthistorisch oder ästhetisch darstellende wissenschaftliche Arbeit zunächst ausgeschlossen. Bevor eine solche in Angriff genommen werden kann, wird die Forschung noch lange auf der bescheidenen Grundlage weiter arbeiten müssen, die durch die im Nachfolgenden mitgeteilten bisherigen Beobachtungen gegeben ist. Die alten Schriftquellen sind, soweit sie Nachforschungen über Synagogen und Synagogengeräte enthalten, sehr dürftig und zudem noch ungenau. Ueber Material, Form und Ausstattung der letzteren erfährt man zumeist nur dann etwas, wenn eine Neuerung angefochten, das Urteil eines Rabbi eingeholt wurde. Aus der Unzahl von rabbinischen Gutachten müssen zuvor alle Stellen ausgezogen und sachlich erklärt werden, die sich auf Kultusgeräte beziehen. Ein solches Quellenwerk fehlt zur Zeit.