Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 114 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. ( f \ ß H4. Ir"- Lehre betrachtet werde. Er wies nach, daß keine der antithetischen Stellen von Jesus in der vorliegenden Form gesprochen sein kann, weil entweder die Zitierung der entsprechenden alttestamentlichen Lehre eine falsche, oder wo sie richtig, ein Gegensatz gar nicht vorhanden, oder endlich, wo er vorhanden, dieser Gegensatz eine hyperideale Steigerung ergiebt, die in ihrer praktischen Unausführbarkeit aller psychologischen Fähigkeit Hohn spricht. Kurz, die reine, von allen Zusätzen freie Lehre, die Jesus von Nazareth verkündet hat, war eine jüdische, deren Satzungen vor ihm bereits und nach ihm wieder von anderen Lehrern jüdischen Stammes mit derselben Klarheit und derselben Ueberzeugungstreue ausgesprochen wurden wie von ihm. Also kann von einer Vollendung des Judentums durch das Christentum keine Rede sein, umsoweniger, als das Christentum jene seine reine Urlehre durch allerlei Zusätze getrübt hat, gegen die Israel durch seine bloße Fortexistenz ein lebendiger Einspruch ist. Nachdem Redner noch die Auffassung, die wir von dem Beruf des Christentums haben, gezeichnet hatte, schloß er mit folgenden Sätzen: „Im Namen der Wahrheit erheben wir unsere Stimme. Mag man sie überhören oder übergehen: Wahrheit bleibt deshalb dennoch Wahrheit! Gewiß, wir sind die Wenigen inmitten der Vielen. Aber das Uebergewicht der Mehrheit ist lediglich ein Uebergewicht der Zahl; das innere Uebergewicht der Minderheit wird davon durchaus nicht berührt. Darum harren wir aus und denken daran, daß dem uralten Moseswort, wonach wir das kleinste aller Völker, das Prophetenwort gegenübersteht.: „Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch Gottes Geist!" . Uerlin. 16. Februar. (Besuch des Kaisers in der Löwe'schen Maschinenfabrik.) Am Freitag besuchten der Kaiser und die Kaiserin, der Kronprinz, Prinz und Prinzessin Heinrich in Begleitung des Ministers Budde und eines zahlreichen Gefolges die Maschinenfabrik von Ludwig Löwe & Comp, und die damit verbundene Fabrik der Elektrizitätsgesellschaft Union. Kommerzienrat Loewe und die Direktoren der Fabriken empfingen die hohen Herrschaften und führten sie durch die Arbeitsräume, die in eingehendster Weise besichtigt wurden. Die Kaiserin und Prinzessin Heinrichinteressierten sich ganz besonders für die Sanitäts- und Wohlfahrtseinrichtungen, die für die Arbeiter dieser beiden Fabriken mit großer Sorgfalt gehandhabt werden, und erkundigten sich persönlich bei verschiedenen Arbeiterinnen über ihre Lebensweise, Wohnungsverhältnisse u. s. w. Die Besichtigung der Anstalten hat drei Stunden gedauert. Beim Verlassen der Werke wurden der Kaiserin und der Prinzeß Heinrich von Frl. Loewe und Frl. Friedländer Blumensträuße überreicht. ßerlin. 15. Februar. (Arbeiterkolonie Weißensee.) Die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee hat in dem nun , verflossenen ersten Jahr ihres Bestehens die Probe auf ihre Lebensfähigkeit und Notwendigkeit im günstigsten Sinn bestanden; sie hat in diesem Jahr 12 067 Verpflegungstage geleistet, wofür an Menage 5672 M. ausgegeben wurden, d. i. pro Kopf und Tag ca. 47 Pf. exkl. Verwaltungskosten. Arbeitslohn wurde von den Unternehmern 5774 M. bezahlt. Gegenwärtig ist die Kolonistenzahl 60. Es können jedoch noch viel mehr untergebracht werden, wenn sich genügende Beschäftigung finden möchte. Die Unternehmer finden bei billigen Löhnen, 70 Pf. pro Tag, und mietsfreien Räumen guten Nutzen. Es ist aus verschiedenen Gründen eine Vermehrung des Verwaltungsapparats erforderlich geworden. Deshalb hat sich am 8. d. M. ein Wohlfahrtsausschuß aus 8 Personen gebildet, aus den Herren H. Auerbach, Max Blumenfeld, Dr. Max Ginsberg, Sim. Hoffmann, Nörb. Lachmann, Otto Pariser, / \ Alb. Silbermann, D. Strunk bestehend, die sich unter dem Vorsitz des Herrn Oskar Tretz (Warenhaus Herrmann Tietz) konstituiert und in diesen Tagen die Kolonie, Anlage, Einrichtung und Betrieb eingehend besichtigt haben. Nähere Aus^ kunft erteilen die Vorsitzenden Herren Markus Adler, Georgenstraße 46 a, und Moritz Rosenow, Ritterstraße 87, auch Herr Inspektor Behrendt in der Anstalt selbst, Wörthstraße 30, Telephon Amt „Weißensee" Nr. 192. Getragene Kleider, Wäsche, Schuhzeug sind erwünscht und werden abgeholt. Derlin. 15. Februar. (Jüdische Lesehalle.) Der seit 9 Jahren bestehende Verein „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" hält seine Räume täglich von 11/2—4:1/2 Uhr, Samstags und Sonntags von 11 — 2 Uhr geöffnet. Die Benutzung der Bibliotheksbestände (4011 Bände) sowie der ausliegenden 59 jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Berliner Tageszeitungen ist unentgeltlich. Die Bücher werden ausgeliehen, während die Zeitungen und Zeitschriften nur in den Vereinsräumen benutzt werden dürfen. Die Besucherzahl der Lesehalle schwankt zwischen 40—50 täglich, am Samstag und Sonntag erhöht sie sich bis auf 100. Um den weniger begüterten jüdischen Mitbürgern die Möglichkeit geistiger Bethätigung auch ferner unentgeltlich zu teil werden zu lassen, wären, weitere Beitrittserklärungen zu dem Verein dringend wünsch °^cvert. Der Jahresbeitrag beträgt nur 6 Mark. Weitere Auskünfte erteilen und Beitrittserkärungen nehmen jederzeit an die Herre.^ Dr. Max Ginsberg, NW. Brücken Allee 1, und B. Levy, W. Fasanenstraße 93. Herlin, 17. Februar. (Viel versprochen.) In einer Tageszeitung lesen wir: „Der israelitische Wohlthätigkeitsverein „Humanitas" hat den Zweck, seine Mitglieder und deren Angehörige zu unterstützen: 1. durch freie ärztliche Behandlung für alle Familienmitglieder, 2. freie Arznei,, Bandagen, Heilserum, Stärkungsmittel für Rekonvaleszenten rc./ und 3. Geldunterstützung in Krankheitsfällen der Mitglieder; 4. Mitgliedern, welche mindestens zwei Jahr dem Verein angehören, und für welche der Vereinsarzt eine Badereise zur Herstellung der Gesundheit notwendig erachtet, eine Unterstützung während der Badereise zu gewähren. Jedes Mitglied zahlt bei der Aufnahme, je nach dem Alter von drei Mark an, eine Einschreibgebühr, monatlich einen Beitrag von nur 1,25 Mark sowie 25 Pfennig für den dauernden Sterbefonds, aus dem bis 200 Mark den Hinterbliebenen gezahlt werden. Außerordentliche Mitglieder zahlen nur zwei Mark Eintrittsgeld und einen monatlichen Beitrag von einer Mark. Der Verein veranstaltet zum Besten der Unterstützungskasse vier Festlichkeiten im Jahre. Das nächste Fest (Wiener Maskenball) findet am 3. März in Dräsels Festsälen, Neue Friedrichstraße 35, statt. Meldungen um Aufnahme sind zu richten an den Vorsitzenden S. Kunz, Rochstraße 15." — Hoffentlich ist bei diesem Programm der Rechenstift zu Rat gezogen worden, nicht blos das gute Herz. Jedenfalls muß man von dem Verein sagen, daß er vielversprechend ist. Derlin. 17. Februar. (Eine Rickert-Stiftung.) Uns geht folgender Aufruf zu: Allzu früh für die Förderung der Volkswohlfahrt ist Heinrich Rickert uns entrissen worden. Auch für die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung bedeutet sein Heimgang einen unersetzlichen Verlust. Seit 1883 war der Verewigte erster Vorsitzender dieser Gesellschaft. Unter seiner hingebungsvollen Leitung sind Umfang und Arbeitsleistungen derselben vervielfältigt, der Bestand an körperschaftlichen Mitgliedern von 651 auf 3163 gesteigert worden. In verehrungsvolk'em Gedenken des rastlosen Wirkens des Entschlafenen werden Rickerts Freunde und alle Freunde der Ver-