Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
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r Nr. 8 V Israelitische Wochenschrift. /' für die Fürsorge-Kommission wird Herr Berthold Israel an Stelle des auf seinen Wunsch zurücktretenden Herrn Frankel gewählt. Für die Subventions-Kommission ist seitens des Ausschusses der Vorschlag gemacht, außer den bisherigen Mit- ' gliedern noch Herrn Benas Levy zu wählen. Der Vorstand ist diesem Vorschlag beigetreten. Seitens der Versammlung findet sich jedoch auch in einer durch Zettel vorgenommenen Abstimmung keine Mehrheit dafür. Herr Louis Sachs wünscht sofort andere Vorschläge zu machen, verzichtet jedoch daraus, nachdem der Dezernent des Vorstands, Herr Dr. Lilienthal, erklärt hat, daß der Vorstand grundsätzlich der Versammlung das Recht zuerkennt, die Wahl selbständig vorzunehmen, jedoch darum bittet, von der bisherigen Gepflogenheit nicht abzugehen, sondern die Vorlage dem Vorstand zurückzugeben und dessen neue Vorschläge abzuwarten, ehe man den Verwaltungs- Kommissionen neue Mitglieder ausoktroyiere. Die Vorlage geht an den Vorstand zurück. Unerledigt bleibt die Wahl der Kommission des II. Waisenhauses. Der Ausschuß hat vorgeschlagen, die Kommission um fünf Mitglieder zu verstärken; die neu zu wählenden Mitglieder sollen aus dem Boden des traditionellen Judentums stehn. Dieser Vorschlag rust eine einstünhige lebhafte Debatte hervor und wird schließlich ft^rtagt. Die Mitglieder der Kommission, die Herren Eisner, Loewe, Dr. Stern, warnen dringlichst vor einer Vergrößerung 4>er Kommission und glauben sie als ein Mißtrauensvotum , -^gegen die bisherigen Mitglieder betrachten zu müssen. Herr Loewe fragt, ob diese fünf neu zu wählenden Mitglieder etwa die Oberaufsicht führen sollen (Herr Louis Sachs ruft: „Oberschammes") oder worin ihre Thätigkeit bestehen soll (Herr Louis Sachs rust: „Mazzes backen"). Gegen diese Zwischenrufe wendet sich Herr Geheimrat Blumenthal als durchaus <•. ungehörige und für eine antisemitische Versammlung passende. Im übrigen erklärt er, sowie der Referent, Herr Oppenheim, daß es sich durchaus nicht um ein Mißtrauensvotum handle, daß man jedoch wünsche, die konservative Richtung vertreten zu sehen, da es sich darum handle, die Zöglinge zu guten Juden zu erziehen, ihnen eine jüdisch-religiöse Erziehung zu geben und nicht blos ethische Kultur zu treiben. Von einem anderen Waisenhaus wisse man, daß gegen die rituelle Verpflegung verstoßen und die Kinder genötigt würden, am Sabbat zu arbeiten; das wolle man hier vermeiden. Bei der daraus folgenden Neuwahl für das Reichenheim'sche Waisenhaus von Herrn Professor Blaschke befragt, ob er mit seinen Andeutungen dieses gemeint, verweigert Herr Blumenthal die Antwort, worauf Herr Blaschke unterläßt, dazu weitere Anträge zu stellen. Vertagt wird noch die Wahl der Kommission für die Dr. Ephraim-Stiftung. Eine geheime Sitzung schließt sich an. Derlin? 15. Februar. (Vortrag.) „Das Judentum im Licht des Vorurteils" lautete das Thema, über das Herr Rabbiner Dr. Ackermann-Brandenburg am 12.Februar in einer Gruppenversammlung des „Zentralvereins Deutscher Staatsbürger" sprach. Es war eine ganz bestimmte Sorte von Vorurteilen, deren Beleuchtung und Zurückweisung den Inhalt des Vortrags bildete, nämlich die Vorurteile, mit denen die christlich-theologische Wissenschaft das historische Verhältnis des Judentums zum Christentum betrachtet. Dabei verfolgte der Redner aber keineswegs einen rein polemischen Zweck, bezeichnete es vielmehr als seine eigentliche Absicht, unsere Glaubensbrüder mit einem Teil des Rüstzeugs zu versehen, dessen sie in der Diskussion mit Andersgläubigen dringend bedürften, wenn sie einmal in die Lage kämen, über „Judentum und Christentum" zur Rede gestellt zu werden. In gemeinverständlicher Weise stellte der Vortragende die Hauptmomente zusammen, aus die es in der berühmten Frage, ob das Christentum die „Vollendung" Judentums sei, in erster Linie ankommt. Nach einer übersichtlichen Darstellung des Wesens der „Evangelien" und der an diese Bücher sich knüpfenden kritischen Fragen ging Redner aus den Gegensatz ein, in dem sich das paulinische Christentum zu der ursprünglichen Lehre Jesu befindet. Diese christliche Urlehre — so führte Redner aus — wollte als etwas neues gar nicht gelten. Jesus stand durchaus aus dem Boden des jüdischen „Gesetzes", und es war lediglich eine tiefere Verinnerlichung der gesetzlichen Vorschriften, die er anstrebte. So zweifellos also auch der Gegensatz zwischen der paulinischen und der jüdischen, so fraglich war der Gegensatz zwischen der christlichen Urlehre und der Lehre des Judentums. Paulus, der das jüdische Gesetz vollständig verwarf, konnte unmöglich als Vollender, er konnte höchstens als Zerstörer des Judentums gelten. Für die höhere Bewertung der christlichen Urlehre aber kam alles darauf an, das, was Jesus als Jude im Sinn hatte, als ein unerhört neues, mit den damaligen Zeitverhältnissen streng Kontrastierendes hinzustellen. Die Verinnerlichung der gesetzlichen Vorschriften mußte einer rein äußerlichen, von allem geistigen Gehalt losgelösten Gesetzübung gegenüberstehen, die Betonung des Sittengesetzes einer herrschenden moralischen Verkommenheit. Diesen Gegensatz mit aller Schärfe herauszuarbeiten, ihn möglichst unwiderleglich zu machen, das ist das heiße Bemühen derer, die durchaus eine Vollendung des Judentums durch das Christentum wahr haben wollen. Der dunkle Hintergrund ist als Folie für den Glanz des neuen Gemäldes durchaus erforderlich. Die Träger des Gegenbildes sind in den Evangelien die „Pharisäer". Es ist die christliche Polemik gegen das Judentum, die den landläufigen Begriff des Pharisäismus geschaffen hat, der sich mit Scheinheiligkeit und Heuchelei deckt. In Wahrheit sind die Pharisäer diejenigen gewesen, deren Wirken den reinen Gottesgedanken in die Herzen des Volks unausrottbar eingepslanzt hat, sie waren die Vertreter der Intelligenz und des Wissens, und ihre Sittlichkeit war rein und unantastbar. Jesu Kamps richtete sich nur gegen die falschen Pharisäer, die jenen echten Pharisäismus in Verruf zu bringen drohten, gegen jene Entarteten, jene Thoren, die jede menschliche Gemeinschaft auszuweisen hat. Es hätte der scharfen Gegenüberstellung in den Evangelien gar nicht bedurft, unser eigenes Schrifttum hat die Schulterpharisäer, die Leihpharisäer, die Rechenpharisäer, die Schleicher und die Duckmäuser und die Prahler schonungslos gebrandmarkt und ihnen die echten Pharisäer gegenübergestellt, die nicht zu den „gefärbten" gehören, sondern aufrichtig, aus lauterer Liebe zu Gott fromm sind. Diese echten Pharisäer hat auch Jesus sehr wohl um sich gesehen, es sind die „Starken", die „Gerechten", zu denen er sich im Gegensatz zu den „Verlorenen Schafen aus dem Haus Israel" nicht gesandt fühlte, weil er sie aus dem rechten Weg wußte. Zu dem echten Pharisäismus stand Jesus nicht nur nicht im Gegensatz, seine Lehre selbst ist von echt pharisäischem Geist förmlich durchtränkt. Redner wies den Vorwurs des Formalismus, der Hartherzigkeit und der Unerbittlichkeit, den man, um künstlich einen Kontrast auszubauen, gegen die Pharisäer erhebt, aus Grund einer großen Zahl von Stellen des pharisäischen Schrifttums zurück und wandte sich besonders scharf gegen die Schrift eines Pfarrers, der in einem „geschichtlichen" Beitrag zum Leben Jesu sich den unerhörten Satz leistet: „Das geschlechtliche Leben sollen die Pharisäer mit einer ganz schlüpfrigen Kasuistik behandelt haben!" — Im zweiten Teil seines Vortrags trat Redner dem Einwand entgegen, daß etwa die antithetische Form der sog. Bergpredigt als Beweis für den Gegensatz zwischen der alten und neuen