Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605839-9605861--8635-9605867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-<tte 110. Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. dem Bauernmädchen, die höchste sittliche That zu wollen: die Hingabe ihres eigenen Lebens sür den Geliebten. Das Leid will aber nicht nur Liebe Hervorrufen, es wird auch überwunden durch Selbstverleugnung. Weil Heinrich lieber das Siechtum weiter tragen will, statt das Mädchen um seinetwillen sterben zu lassen, wird er von der Miselsucht geheilt. Man erzählte sich im Mittelalter vielfach, daß die bekannte egyptische Königstochter Bitia, die das Mosekindlein aus den Fluten des Nils gerettet hat, aussätzig gewesen sei. Der griechischen Antigone gleich, hätte sie die ungeschriebenen Gesetze der Menschenliebe höher geachtet, als die grausamen Blutbefehle ihres kindermörderischen Vaters, und im Geist des Wortes: „nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da" mit eigner Lebensgefahr des Kindleins Rettung gewagt. Zum Lohn dafür sei der Aussatz von ihr genommen worden. So ist die liebliche Erzählung vom armen Heinrich reich an sittlichen biblisch-begründeten Lehren, und doch hat selbst ein Friedrich von Raumer, der sonst mit seltenem Verständnis sich in das Fühlen des Mittelalters hineinversetzt, unserem Gedicht keinen rechten Geschmack abgewinnen können. Er findet an dem kleinen Werke vieles herbe, unangenehm und widerwärtig. Und nicht mit Unrecht. Denn die tief sittliche Tendenz des Epos wird getrübt durch das völlig inhumane Motiv des Blutaberglaubens. Das germanische Heidentum und Christentum schrieb im Mittelalter dem Blut die wunderbare Kraft zu, Heilungen zu vollbringen. Den Aussätzigen wurde geraten: „taucht eure Händ' in eines Kindes Blut". Hartmann durchgeistigt zwar den furchtbaren Wahnglauben, doch beeinträchtigt er auch in der mehr spiritualistischen Fassung für unser moralisches Empsinden die ethischen Grundideen der Dichtung. Man wird sich so das harte Urteil Goethes zu erklären haben, der an einer Stelle seiner Prosaschriften ausruft: „Ich habe mich schon vom bloßen Berühren dieses Buchs angesteckt geglaubt. Ein Jahrhundert, das solche Motive sich gefallen läßt, muß uns durchaus mit Abscheu erfüllen". §ki einem „Wundmabbi". In seinen „Reiseskizzen aus Rumänien" erzählt Dr. Ganz von einem Besuch, den er einem „Wunderrabbi" abgestattet hat, wie folgt: „Es herrscht reges geistiges Leben in der Hauptstadt Czernowitz, wozu die seit 1875 bestehende deutsche Universität wesentlich beiträgt. Der deutsche Charakter der Stadt ist gesichert durch die zwanzigtausend Juden, die sich auch hier als Deutsche fühlen und noch nicht, wie in Böhmen oder Mähren, von den Alldeutschen mit Fußtritten gelohnt werden sür ihr treues Festhalten an der deutschen Sprache und Kultur. Und siehe da! Czernowitz ist eine blühende Stadt trotz Toleranz und Liberalismus, dem interna.ionalen Antisemitismus zwar ein Dorn im Auge, aber ein glückliches Gemeinwesen, das sich rüstig weiter entwickelt. Vom Fenster des prachtvollen Refektoriums in der Residenz hat man einen Blick weit über das Land und sieht sich grade gegenüber der vielgenannten Stadt Zadagora, allwo die Dynastie der Wunderrabbinen, die Familie Friedmann, ihren Stammsitz hat. Ich hätte Wichtiges versäumt, hätte ich nicht auch einem solchen Wundermann meine Aufwartung gemacht. Den Ort will ich nicht nennen, wo mir es gelungen ist, vor das Angesicht eines solchen Gewaltigen zu treten, aber von dem Verlauf der Begegnung will ich doch berichten, der Vollständigkeit halber. Ein guter zweispänniger Wagen, gelenkt von einem jüdischer Kutscher, brachte mich yor das Haus des Rabbis. Im Nu waren dort die Fenster besetzt mit orthodoxen Köpfen. Ein junger Mann in hohen Stiefeln, mit langem Kaftan, Stirnlocken und schwarzem Bart trat auf uns zu und fragte nach unserem Begehr. Wir stellten uns als Ausländer vor, begierig, den Mann kennen zu lernen, dessen Ruf so weit in die Welt dringe. Die vorläusige Prüfung des Adjutanten scheint ein befriedigendes Ergebnis zu haben; wir werden eingeladen, uns hinauf zu begeben zur „Rebbezen", das ist die Frau des Rabbi. Eine noch junge, fast kindliche Frau mit fabelhaft kleinen Händchen wie aus einem japanischen Puppenschrank genommen, empfängt uns, heißt uns niedersitzen, läßt durch den Adjutanten Obst und Kuchen bringen und beginnt die Prüfung von neuem. Es gelingt uns aber rasch den Spieß umzukehren und unsererseits zu erfragen, was unsere Wißbegierde reizt. Der weitgereiste Ausländer hat doch gewisse Privilegien. Bald sind wir recht im Gespräch drinnen, das von seiten der Frau in einem nur wenig mit Jargon gemischten Deutsch geführt wird. Die dreizehnjährige Tochter, natürlich schon verlobt, beteiligt sich gleichfalls an der Unterhaltung. Sie ist ein hübsches Mädchen mit intelligenten Zügen und könnte recht gut für siebzehnjährig gelten. Mit dreizehn Jahren hat auch die Mutter geheiratet und schon einem Dutzend Kinder das Leben geschenkt, von denen freilich ein Teil gestorben ist. . . Wo ist der Rabbi? Er speist. Allein? Freilich. Der Rabbi darf nie mit seiner Familie speisen. Wir sind so kühn, die Frau zu bedauern, die seitdem Beginn ihrer Ehe nicht ein einziges Mal mit ihrem Gasten' Mt einem Tisch sitzen durfte. Und die Frau begeht die Ketzerei, gleich», falls die Sitte ungalant zu finden. Aber ändern kann sie daran^ nichts. Der Rabbi hat unbeschränkte Autorität, aber nur unter der Bedingung, daß er auch seinerseits die Traditionen respektiert. Er ist der Gefangene seiner Unterthanen. . . . Endlich erscheint der Adjutant wieder, nimmt uns liebevoll um die Schulter und führt uns über einen Korridor zu einer Thür, an der wir klopfen dürfen. Der Adjutant verschwinde:, sowie das Herein ertönt. Wir treten ein. vor uns steht der Wundermann. Aber wie sind wir erstaunt. Ein junger Mann von höchstens fünfunddreißig Jahren übt jetzt das hohe Amt aus. Er ist mittelgroß, voll und gesund und hat wunderschöne braune Augen, einen gepflegten braunen Bart und volle, kirschrote Lippen. Auf den Miniaturen des Mittelalters ist König David oft so aufgefaßt, auch an einen hübschen Kartenkönig erinnert dieser Kopf. Aber ein wenig hergerichtet für den fremden Besucher war er doch, und auch der Salonrock aus feinstem schwarzen Tuch, wie die große diamantne Busennadel gehörten schwerlich zum alltäglichen Empfangskostüm. Der Toilettewechsel hat wohl die Länge unserer Wartezeit verursacht. Ich gestehe, ich war dem jungen Mann gegenüber einigermaßen in Verwirrung. Hätte ich einen alten Fanatiker gefunden, so wär es mir ein Leichtes gewesen, mich in seine Gedankenwelt zu versetzen und mit ihm von seinem Standpunkt aus über die Welt und die Menschen zu reden. Aber wie sollte ich diesen jungen, klarblickenden, von Mystizismus offenbar ganz freien Menschen nehmen? Als Charlatan? Dazu war sein Blick zu ehrlich. Als Dummkopf? Dazu war er zu verständig. Leicht konversationsmäßig? Dazu war er doch zu ruhig und würdevoll. Mit der Ehrerbietung, mit der wir vor ältere, hochgestellte Männer treten? Dazu war er zu jung und doch nicht imposant genug. Ich hatte nur eine Sekunde Zeit meine Haltung zu wählen. Schon war mir durch eine Handbewegung ein Stuhl angewiesen. So begann ich denn damit, daß ich meinen Namen, meine Herkunft nannte, meinen Beruf als das Metier bezeichnete, Welt und Menschen kennen zu lernen, und für die Erlaubnis dankte, bei einem Mann in so besonderer Position vorsprechen zu dürfen. Die Huldigung wurde mit ruhiger Würde hingenpmmen. Eine Weile floß dann das Gespräch ruhig hin; sein Auge ruhte dabei immer still forschend auf mir. Ich mußte ihm Bescheid geben auf seine Fragen nach den Zuständen in Deutschland, wobei