Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8. Israelitische Wochenschrift. Seite fordernis angesehen und ausgesprochen, weil ohne dieses Glauben jene Glaubenssätze des Christentums nur Worte sind; und der, der die angeführten Glaubenssätze nicht als die wirklichen und die wesentlichen des Christentums annimmt, nicht blos die Kirche, die Kirchenväter und Kirchenlehrer, sondern auch das neue Testament verwirft, sich also eine Religion auf eigene Hand fabriziert, die nichts mit dem Christentum zu thun hat. Ganz in derselben Weise, wie die heilige Schrift und die Tradition, überhaupt das Judentum in allen seinen Phasen einmütig den für keinen Juden erklärt, der den Glaubenssatz „der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig", so erklären das neue Testament, die Kirche und die Kirchenlehrer den für keinen Christen, der die „Credos" nicht glaubt. Es resultiert hieraus, daß das Judentum lediglich das Glauben an das Dasein Gottes als sem unverrückbares Fundament aufstellt, dieses Glauben aber in dem Wesen des ganzen Menschen begründet ist und der Vernunft und dem Gefühl nicht widerspricht; dann will das Judentum auch allerdings das Glauben an die göttliche Offenbarung, welches Glauben jedoch darum nicht unbedingt ist, weil eine Uebereinstimmung mit dem Lehrinhalt des Judentums, wie z. B. reine Gots^erkenntnis und reine Menschenliebe u. s. w. immer noch av.ch mit der Nichtannahme dieses Glaubenssatzes bestehen kann. Die Offenbarung im Herzen des Menschen, wie Delitzsch sie so hoch stellt, ist nirgends kraftvoller ausgesprochen, als von jenem Psalmisten: „Herr, wenn ich dich nur habe, was frage ich nach Himmel und Erde" (Psalm 73, 25). Das Christentum dagegen stellt das unbedingte Glauben als sein erstes Fundament auf, weil dieses unbedingte Glauben sein eigentliches Wesen ist und sein Lehrinhalt unbegreiflich, daher auch ausschließlich Mysterium ist. Für uns liegt demnach in „Babel und Bibel" keine Gefahr; denn Delitzsch hat das Judentum nur vom historischen Standpunkt angegriffen, das Christentum dagegen in seinem dogmatischen Fundament erschüttert. Der ethische Gehalt in Hartmanns „Armem Heinrich" nnd die Mel. Von Rabbiner Dr. Max Be er mann-Insterburg. Durch Gerh. Hauptmanns neues Drama ist Hartmann von der Aue, der mittelalterliche Sänger des armen Heinrich, wieder zu einem gewissen aktuellen Interesse auferstanden, nachdem er lange nur in Bibliotheken und im Forschersinn deutscher Literarhistoriker fortgelebt hatte. Und doch ist dieser Mann des zwölften Jahrhunderts bedeutsam und fesselnd in vieler Hinsicht. Er ist der abgekürzte Ausdruck seiner Zeit, die mit ihrer Eigenart in ihm plastisch uns entgegentritt. Ritterlicher Geist und religiöser Enthusiasmus — diese beiden großen Gefühlspole der Kreuzzugsjahrhunderte — das Streben, die volle Schönheit des Heldentums mit der frommen Pflicht der Menschlichkeit zu versöhnen, das alles spricht sich in seinen Gedichten klar und ergreifend aus — in keinem mehr als in dem durch die geniale Schöpfung Hauptmanns verjüngten „Armen Heinrich." Dieses Epos, in dessen Einleitung der Dichter sich die große Aufgabe stellt, bekümmerten Gemütern „schwere Stunden sanfter zu machen", ist in der That ein Trostbuch, schlicht und tiefgründig, naiv und doch voller Philosophie. Es klingen da Töne an, die - wir möchten sagen — biblisch abgestimmt sind, und es liegt über dem ganzen ein so zarter Hauch von Schwermut und Sinnigkeit, wie er über so manchen ehrwürdigen Erzählungen der heiligen Schrift gebreitet ist. Das große Problem, das den religiös gerichteten Menschen seit Alters aufs tiefste bewegt, ringt in Hartmann nach Lösung. Wozu das Leid, welchen Zweck hat das Elend, welche Stellung nimmt in der göttlichen Weltökonomie die unbeschreibliche Fülle von Jammer und Not ein? Kann man es leugnen, daß es soviel Kummer auf Erden giebt, daß man vor Mitleid sterben müßte, so man ihn auf einmal überblicken könnte? Im Rahmen der Weltanschauung, der unser Dichter mit ungebrochener Kraft angehört, ist es völlig folgerichtig geantwortet: Leiden wollen läutern, sie sind Sendboten Gottes, die den in Weltlichkeit versunkenen Menschen an seine himmlische Heimat, an seine ewige Bestimmung erinnern sollen, die ihn aus Irrtum und Sünde zur Selbsterkenntnis und Reue leiten müssen. Heinrich lebt in unbefangenem Frohgenuß; mit der ganzen unbeirrten Fröhlichkeit eines Weltkindes giebt er sich den Freuden dieser Erde hin. Er gewinnt der Welt Lob und Preis. Er ist das Musterbild eines Erdenritters; er soll aber ein Gottesritter werden und zur Demut und Gottessehnsucht gelangen. Darum muß der reiche Heinrich arm werden und in die strenge Schule göttlicher Züchtigung gehen. Die furchtbare Krankheit, die ihn befällt und die ihn herausreißt aus seinem heiteren Kreis und ihn auf sich allein hinweist, soll ihm das Auge öffnen für den sittlichen Schaden, mit dem er behaftet ist, und für das Siechtum und die Unreinheit seines Innern. Der Aussatz des Leibes will ein Symbol sein des Aussatzes seiner Seele. Das ist altbiblische Anschauung. Mirjam, des Moses Schwester, wird aussätzig, da sie Verläumdung gesprochen; durch den Flecken des Körpers sollten die Flecken des Herzens zum Bewußtsein kommen. Gehasi, des Elisa Jünger, verfällt in dieselbe Krankheit, weil sein Gemüt voll ist von schmutziger Habgier. Und die stimmungsvolle Erzählung von jenem Syrerfeldherrn Naemann, wie sehr mag sie Hartmann beeinflußt haben? Naömann ist aussätzig. Ein israelitisches Mädchen weiß Heil, während kein Arzt ihm helfen kann: den Glauben an den Ewigen; und indem er im Jordan badet und zu Gott sich bekehrt, wird er rein auch von seinen Gebrechen. So hilft das Leid zur Verwirklichung des sittlichen Weltzwecks. Doch nicht nur in dieser Hinsicht. Es will Gelegenheit geben zur Bewährung der Liebe, der aufopferungsfreudigen Hingabe. Dies ist ein weiterer Faktor in dem großartigen Lösungsversuch der Theodice, den Hartmann giebt. Die Fragen, wie sich mit der göttlichen Gerechtigkeit das oft unverhältnismäßig große Unglück guter Menschen verträgt, wird bekanntlich im biblischen Buch Hiob behandelt. Eine positive Lösung und Beantwortung wird aber nicht gegeben. Cs wird nur der hartherzigen und der Bewährung von Menschenliebe geradezu gefährlichen Ansicht entgegengetreten, als sei jedes Leid hinieden nur eine Folge einer Schuld, so daß mit zwingender Konsequenz zu schließen wäre: Wo Unglück ist, da war vorher Sünde. Gegen diese unbarmherzige Dialektik, die in jedem Gebrechlichen auch einen Verbrecher sieht, legt das Buch Hiob flammenden Protest ein. Den biblischen Gedanken spinnt nun unser Dichter weiter. Nicht Frucht der Sünde ist das Leid, sondern Samen der Liebe. Mit jedem Unglück, das Gott in seiner unerforschlichen Weisheit über einen Menschen verhängt, will er die Glücklicheren einladen zur Ausübung hingebender Liebe, errichtet er in jedem Kummerbeladenen gleichsam einen Altar, auf den die Liebe ihre Opfer niederlegen soll. Heinrich leidet; sein Siechtum aber dient der ethischen Weltordnung, sein Leid ermöglicht