Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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^-ite 108. Israelitische Wochenschrift. { Nr. 8. \ Das Judentum ist eine lebendige Erscheinung, die alle die großen Geschichtsepochen der Menschheit durchgelebt hat, und sein einheitliches Wesen kann sich erst aus seiner ganzen Geschichtsentwicklung ergeben. Das einsame Gotteszelt in der Wüste ist nicht der goldene Tempel in Jerusalem; dieser nicht die abgelegene, versteckte Synagoge im Ghetto des Mittelalters; das scharfe Gesetzeswort Moses in den arabischen Steppen ist ein anderes als der glühende Ausspruch des Propheten an das götzendienerische, entartete Volk; ein anderes wieder der haarspaltende Scharfsinn der Talmudisten; ein anderes das allgemein erwägende Urteil des philosophischen Denkers. Das Judentum ist nun keines von diesen allein, sondern sie alle zusammen. Könnte es je der Wissenschaft und ihren Ergebnissen gelingen, die wirkliche religiöse Originalität Israels, wie sie im Prophetismus hervortritt, in Zweifel zu stellen? Von diesem Prophetismus sagt Cornill mit Recht, „er sei eine der größten geistigen Mächte, die die Geschichte der Menschheit je gesehen hat, das mächtigste und herrlichste Stück der vorchristlichen Religionsgeschichte. Wenn Israel das Volk der Religion für die ganze Welt geworden ist, so verdankt es das dem Prophetismus, der zuerst den Begriff einer Weltreligion klar erkannt und ihn in allen seinen Grundlagen festgestellt hat". Dieser Prophetismus ist es aber vor allem, der auch die freiesten Theologen den Offenbarungscharakter des alten Testaments festhalten läßt. Delitzsch hat es in seinem letzten Vortrag unternommen, weniger durch wissenschaftliche Beweise, als vielmehr durch gehässige Ausfälle und tendenziöse Angriffe gegen die Bibel der Religion Israels nicht nur die Originalität, sondern auch die Sittlichkeit abzusprechen. Wir fragen uns, welchen Dienst hat er damit der christlichen Religion erwiesen? Indem er die Dignität des alten Testaments in Abrede stellt, muß sich die christliche Religion nach einer anderen Grundlage umsehen. Denn, das alte Testament abstreiten, heißt für das Christentum eine andere historische Grundlage suchen. Run versucht Delitzsch allerdings, die Minen an die Fundamente der religiösen Dogmatik anzulegen. „Wir haben", ruft Delitzsch aus, „außer der Gottesoffenbarung, die ein jeder von uns in seinem Gewissen trägt, eine weitere persönliche Offenbarung Gottes gar nicht verdient". — Sehen wir uns die Konsequenzen, die sich daraus für Judentum und Christentum ergeben, etwas näher an. Die heilige Schrift setzt den Glauben an das Dasein Gottes voraus und beginnt daher mit den Worten: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Sie setzt diesen Glauben voraus, weil sie ihn bei allen Völkern und Menschen vorfand, weil er dem Verstand und dem Gefühl der Menschen nicht widerspricht, sondern zum eigentlichen Wesen des Menschen gehört. Die heilige Schrift stützt sich also auf Beweise für das Dasein Gottes nicht, sondern ihre Aufgabe ist nur, gegenüber den Verirrungen und Verwirrungen des Heidentums den rechten und wahren Begriff von Gott bestimmt und ausführlich zu lehren und die daraus konsequent erfließenden Gesetze der Sittlichkeit für den Einzelnen wie für die ganze Gesellschaft aufzustellen. In gleicher Weise spricht der Talmud den Grundsatz aus, daß ein Jude, so lange er den Satz „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig" bekennt, durchaus als Jude anzusehen ist. Wie er sich auch in jeder andern Beziehung zum Judentum verhalte, kann er mehr oder weniger als ein gerechter und frommer, oder ein sündiger Jude sein, aber dem Judentum gehört er an. Jndeß ist doch noch ein zweites Glaubenssatz, den die Schrift prüsumiert. So einfach, wie sie mit ihrem ersten Wort die Schöpfung der Welt durch Gott ausspricht, ebenso einfach sagt sie: Gott sprach zu Adam, Noah, Abraham u. s. w.; Gott redete vom Sinai zu dem versammelten Volk Israel; und das Wort Gottes kam zu dem und dem Propheten. Sie setzt also die unmittelbare Offenbarung Gottes an hierzu berufene Menschen ebenfalls voraus, und giebt nur hier und da einen Wink, wie man sich die Offenbarung zu "denken habe. Die heilige Schrift spricht nirgends aus, daß ihr gesamter Inhalt Wort für Wort ein Diktat des heiligen Geistes ist, wohl aber, daß die Lehren Moses und der Propheten diesen göttlichen Ursprung haben. — In der talmudischrabbinischen Epoche ging man hierin allerdings weiter; nahm die ganze Bibel und alles, was darin enthalten ist, als Wort für Wort unmittelbar von Gott herrührend an. — Das schriftgemäße Judentum kennt also zwei Glaubenssätze, die es als Basis dem Glauben übergiebt: das Dasein Gottes und den unmittelbaren Ursprung der Lehre Moses und der Propheten von Gott. — Wie verhält sich nun das Judentum unserer Zeit hierzu? Wie sich von selbst versteht, sieht es den ersten Glaubenssatz ebenfalls völlig als seine Basis an, und betrachtet den, der den Glauben an Gott in Frage stellt, nicht mehr als Juden. Hinsichtlich des zweiten Glaubenssatzes befindet sich das neuere Judentum nicht mehr auf dem Standpunkt des unbedingten Glaubens, wie das rabbinisch-talmudische Judentum. Denn es gestattet immerhin dem Juden die Frage, \ ob er sich in Uebereinstimmung finde mit dem Glauben, daß die Lehre unmittelbar von Gott eingegeben, oder ob sie das geschichtliche Erbteil und Eigentum des jüdischen Stammes sei, d. h. daß sich in seiner Religionsentwicklung ein göttlicher Heilsplan offenbart? Allerdings wird die eigentliche Theorie^ auch des gegenwärtigen Judentums diesen zweiten Glaubenssatz gleichfalls aufrechterhalten und mit aller Kraft diese Ueberzeugung pflegen und nähren; aber in der Praxis kann man das Wesen des Judentums noch immer als bewahrt und gerettet auch in den jüdischen Individuen ansehen, die sich hinsichtlich des zweiten Glaubenssatzes entweder als in fraglichem Zustand oder gar in Zweifel und Widerspruch erklären. Dies ist der jüdische Glauben. Es wird als eine unbedingte Forderung der Religion für ihren Inhalt durchaus nicht beansprucht; vielmehr dieser überall als mit unserer Vernunft und mit unserem Gefühl in Uebereinstimmung vorausgesetzt. An diesen Glauben reicht Delitzsch mit seiner Expektoration „der Offenbarungsgedanke des alten Testaments ist wissenschaftlich unhaltbar" nicht hinan. Das Christentum stellt den Glauben, das unbedingte Glauben als seine erste und unerläßlichste Forderung auf. Nur durch den Glauben des bestimmten Inhalts der christlichen Glaubenssätze wird der Mensch der Erlösung, des ewigen Lebens, der Seligkeit teilhaftig. Nun setzt aber diese aller Lehre vorangehende Forderung des allein die Seligkeit und die Erlösung verleihenden Glaubens voraus, daß der Inhalt dieser Glaubenssätze der Vernunft und dem Herzen als unbegreiflich bezeichnet ist und darum als ein Mysterium hingestellt wird. Denn in dem einzigen Gott eine dreifache Persönlichkeit anzuerkennen, oder daß Gott Mensch geworden, als Mensch geboren werde u. s. w., ist ein Mysterium, das die Vernunft und das Gefühl in ihrem ganzen Wesen und in ihrer Thätigkeit ausschließt. Darum hat schon das neue Testament selbst, haben dann die Kirche und die Kirchenväter, ja alle Kirchenlehrer bis auf den heutigen Tag das unbedingte Glauben als das erste und wesentlichste Er-