Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- Seite 15 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 16. „Eilende Wolken! Segler der Lüfte! Wer mit euch wunderte, mit euch schiffte! Grüßet mir freundlich mein Jugendland!" Ihr Jugendland! — Weit hinten im Osten liegt es, ihr Jugendland, in Polen, und ihr Vater ist ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, der manchmal seine Fäuste ballt und sie drohend nach Westen streckt, als ob er sagen wollte: Wart, wart, du schlechtes Kind, einmal wirst du's doch bereuen! Der alte Poüack! Wie kann er sich nur einreden, daß seine schöne Tochter, die vielumschwärmte Lea, die berühmte Schauspielerin, die unvergleichlich als „Maria Stuart", „Iphigenie", „Gräfin Orsini", „Therese Raquin" u. s. w. u. s. w. aus der Bühne glänzt, in das Haus ihres alten Vaters heimkehren werde, als ob sie nicht wüßte, daß sie daheim das Geschick erwartete, aus einen „Choßen" warten zu müssen, auf einen „seinen Bocher", der sich in ihre schwarzen Augen verliebt. Grasen und Barone bewundern jetzt diese Augen, armer, alter Mann, und schweres Gold zahlen sie dafür, wenn sich ihre Bewunderung nicht nur auf die Augen beschränken muß. Du wolltest wohl deine Tochter zur Jüdin erziehen, wolltest sie eine jüdische Mutter werden lassen — gieb acht, alter Mann, daß du nicht eines schönen Tages, gerade wenn du bei der „Gemore" sitzest, ein zierliches, mit einer Grafenkrone geschmücktes Briefchen erhältst, in welchem du, wie zum Hohn, als verehrungswürdiger Großpapa, zur Taufe eines reizenden Enkels eingeladen wirst. Dann u .'st du wohl deine Haare dir zerraufen, dein Kleid zerreißet: und dich aus die Erde setzen, um über den Fall deiner Tochter zu jammern. Aber dann wird es zu spät sein. Vergebens wirst du dann deine Arme nach Westen strecken, um die in Eitelkeit und Sittenlosigkeit Versunkene an das Vaterherz zurückzurusen. Zu spät, zu spät. . . Deine Lea wird nicht kommen wollen, denn ihr behagt das geräuschvolle Leben einer Künstlerin gar wohl. Die Liebe eines alten, polnischen Vaters wiegt ihr das Vergnügen nicht aus, mit dem Golde eines gräflichen Wüstlings klimpern zu können. Ja, unglücklicher Vater, wenn du's nur verstanden hättest, wie du's heute verstehst — damals, als es noch nicht zu spät war. Die schöne Lea war ihrem Vaterhause nicht immer entfremdet. Einst war sie ein kleines, unschuldiges Kind, und von der großen Welt draußen, außerhalb des Ghettos, wußte sie noch viel weniger als ihr Vater. Ihre Mutter war früh gestorben. Des Vaters Pflicht wäre es nun gewesen, seinem einzigen Kinde, so gut es eben ging, die Mutter zu ersetzen. Aber der saß an seinem wackeligen Tisch und schaute unaufhörlich in einen großen Folianten, dessen Inhalt ihn so zu begeistern schien, daß er darüber seine ganze Umgebung vergessen konnte. Ihm zu Füßen saß die kleine Lea, mit einem Spielzeug beschäftigt. Manchmal hob sie ihre schwarzen Augen verwundert zum Vater empvr, und in ihrer kindlichen Einfalt konnte sie nicht begreifen, was er denn eigentlich so viel zu sagen und zu singen habe. „Papa, Papa, was ist denn das, was du da thust? Das versteh ich ja gar nicht. Warum spielst du nicht mit mir?" „Still, still, mein Kind, das brauchst du nicht zu verstehen -Aber, etwas will ich dir zeigen. Sieh her, mein Kind, das ist ein Aleph, das ist ein Beth — Und Lea wußte nun, was ein Aleph ist und ein Beth. Viel weiter hat sie's eigentlich in der jüdischen Wissenschaft niemals gebracht. Sie wurde immer größer und schöner. Allmählich lernte sie das ganze hebräische Alphabet kennen, und in ihrem dreizehnten Lebensjahre konnte sie mit ziemlicher Geläufigkeit im Sidur beten — allerdings, ohne ein Wort zu verstehen. Sie saß schon lange nicht mehr aus dem Boden zu Füßen ihres Vaters, und dieser hatte immer noch seinen großen Folianten ausgeschlagen, in dem er immerfort emsig studierte. Nur zuweilen ließ er eine Unterbrechung eintreten, um zu seiner Tochter, die in einiger Entfernung aus einem Sessel träumend saß, hinüberzuschauen, und ein zufriedenes Lächeln glitt dann über sein Angesicht. Denn er freute sich über die Schönheit seiner Tochter, die er, wenn er sich auch nicht viel um sie kümmerte, doch von ganzem Herzen liebte. Sie sollte ja einmal die Stütze seines Alters werden, und er betrachtete sie als ein kostbares Geschenk, vom Himmel gesandt, um ihn über den Tod seiner srühverstorbenen Gattin zu trösten. Konnte er ahnen, daß hinter dieser hohen, weißen Stirn Gedanken verborgen lagen, die wenig mit den seinigen harmonierten? — Ja, unglücklicher Vater, während du mit stiller Freude und Bewunderung deine Tochter betrachtetest, wurde sie aus den Flügeln einer aufgeregten Phantasie in eine dir gänzlich unbekannte Welt getragen, die ihr unendlich besser gefiel, als der enge dunkle Raum deiner Studierftube und das ganze Ghetto mit seinen rauchgeschwärzten Häusern und kranken, hungernden Bewohnern. Durch die Lektüre aufregender Romane berauschte sich ihr jugendlicher Geist, der zwischen Wirklichkeit und Dichtung noch nicht zu unterscheiden wußte, an unklaren Vorstellungen, die ihren unerfahrenen Sinn bethörten. Dort, wo das Ghetto ihrer Vaterstadt aufhörte, begann für sie eine neue — schönere Welt. Die Menschen, die da wohnten, schätzte sie um vieles glücklicher und zufriedener als sich selbst, ihren alten Vater und alle polnischen Ghettojuden dazu. Alles Fremde nnd Unjüdische gefiel ihrem geblendeten Auge; alles, was jüdischen Charakter trug, darüber spottete sie mit der ganzen Bitterkeit eines verzweifelnden Mädchens, das sich ausgeschlossen und niedergetreten fühlt Als sie noch jünger war, da konnte sie sich an den Gesängen des berühmten Chasen begeistern, der an jedem Schabbos mit seiner wundervollen Stimme die ganze Gemeinde entzückte. Jetzt lachte sie ihn aus. Wie geschmacklos waren doch am Ende diese schön sein sollenden Triller einer ungeschulten Kehle! Den ihr aus einmal fühlbar gewordenen Mangel eines Orchesters — über dessen Wesen und Bedeutung sie sich erst bei einem weltersahrenen christlichen Nachbar Aufklärung verschaffen mußte — benutzte sie mit verächtlicher Miene als Vorwand, wenn sie von ihren Freundinnen gefragt wurde, weshalb sie in letzter Zeit so selten die Synagoge besuche? Früher schlug sie verschämt die Augen nieder, wenn sie aus der Straße einem jüdischen Ghettojüngling begegnete, dessen braune Locken und rote Lippen sie ohne Erröten nicht bewundern konnte. Jetzt schaute sie ihm dreist und höhnisch ins Gesicht. War er denn so schön wie der Graf Edgar von Soundso, der mit hochausgezwirbeltem Schnurrbart den Ballsaal betritt und dekollettierte Damen zum Tanz führt? — Ja, unglücklicher Vater, hättest du es damals nicht ver-