Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- Seite 10 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. Die dahingeschiedenen Seelen führen ihn zur wichtigsten Erinnerung seines Lebens, zum hinscheidenden Rebbe. Nachdem er in unerträglicher Breite Notizen aus seiner Biographie geliefert hatte, die erklärlich machen sollen, wie er verarmt und Schames des Rebbe geworden, schilderte er die Zeit seines Dienstes beim Gottesmann, die er mit dem Dienst des Hohenpriesters im Allerheiligsten vergleicht, und gebraucht dabei fast bei jedem Satze den Ausdruck — Schames, was beim Hausherrn Begeisterung und bei der Hausfrau Spannung Hervorrust. Bei dieser Gelegenheit läßt er seine Uneigennützigkeit leuchten, und mit starker Betonung berichtet er, daß er vom Rebbe nur ein Segenswort verlangt, das für jene und diese Welt, für Seele und Körper, für Frömmigkeit und für die Tasche ausreichen sollte, daß der Rebbe aber mit der Erfüllung seines Wunsches zögerte, bis zur letzten Stunde, in der das Chanukalicht der Chassidim ausgelöscht und „nur er, der Schames, zurückgeblieben". Tiesgerührt sagte er: „Wie Ihr wißt, haben die Oberen über die Unteren gesiegt und ist uns der Rebbe bei Sabbatausgang genommen worden. Ihr habt Euch wohl oft gewundert, weshalb der Rebbe nicht am Sabbat, wie König David, und erst am Sabbatausgang gleich den Sündern von dannen gegangen. Ihr habt es gewiß erklärt, daß es geschah, damit er die Sünder, die beim Sabbatausgang zurück ins Gehinom müssen, befreie und in höhere Welten führe. Gewiß ist die Erklärung wahr, aber ich habe noch einen anderen Grund: damit er mich für diese Welt beglücke und für die andere erlöse. Ihr versteht mich nicht! Wie kann man solche Geheimnisse verstehen? Ihr sollt es aber jetzt erfahren. — Als die Nacht angebrochen war und der Rebbe gebetet hatte, verlangte er seine Hawdalah. Welcher Schrecken erfaßte uns, als es sich herausstellte, daß die Hawdalah verschwunden war. Ob sie menschliche oder höhere Bösewichte gestohlen, will ich jetzt nicht seststellen. Der Rebbe seufzte und seufzte und erklärte, daß es mit ihm zu Ende gehe, daß er auf jener Welt eine neue Hawdalah beginnen werde. Inzwischen brachte man zwei Wachskerzen und bereitete alles die Hawdalah vor. Als ich aus seinem heiligen Munde 'irt, daß es mit ihm zu Ende geht, schrie ich: Heiliger ^»ebbe, wo bleibt Ihr Segenswort für meine treuen Dienste; ich hielt die Wachskerzen in der Hand und schrie noch immer, da fiel er um — und war im Himmel. Ein großer Lärm entstand und alle anwesenden Chassidim verlangten stürmisch die Lichter, über die der Rebbe den Segen aussprechen sollte; ich aber behielt sie in der sichern Erwartung, daß sie der Segen und das Erbe des Rebbe sind. Gewiß, gewiß! ein Segen für uns, für die ganze Welt! rufen R. Hirsch und seine Gattin laut, während der Gast sich ein Schnäpschen munden läßt. Diese Begeisterungsruse locken die Tochter des Hauses und ihren Lehrer herbei. Was ist hier los? Weswegen dieser Jubel? Ist der Schames des Rebbe —? fragt die Tochter. R. Hirsch antwortet schnell: „Während ihr Adressen schreibt und lernt wie man ein Apikores sein soll haben wir" — der Schames unterbricht ihn: Adressen von Apikorsim. Ich kenne genug Adressen von Chassidim, die mir für die geerbten Lichter Tausende gegeben hätten, allein nicht jeder ist wert, solche zu haben. Meine Tochter, die immer älter wirdhat mich zwar oft erinnertdaß diese Lichter ihre Mitgift, ihre Hochzeitskleider, ihr Schmuck, ihre ganze „Walleschaft" sind, ich aber schwieg, weil es noch nicht an der Zeit war. Nun will aber der Ehusen nicht länger warten; so hat mich Gott hierher geführt, wo R. Hirsch aus den Schames und die Lichter wartet — und meine Tochter wird 200 Silber haben." „Zu viel, zu viel" rufen Mutter und Tochter. R. Hirsch, dem auch die Summe zu hoch ist und der zu handeln gedenkt, zieht sich mit den Seinen zu einer Beratung zurück. Währenddessen nähert sich der Lehrer dem Gast, den er bis jetzt scharf beobachtet, mit den Worten: „Ich kenne Sie, Reb Selig, auch ich bin aus F. Sie sind ein Schnorrer, nehmen bei aller Welt Geld für Ihre einzige Tochter. Ihre Tochter ist jedoch gestorben und Sie. —" Lächelnd antwortet der Gast: „Rothschild ist noch immer reicher als ich. Wenn meine Tochter gestorben ist, soll ich und nicht der reiche R. Hirsch Nesteles sie erben. Er erzählt von einem Schames der Chanukalichter und ich — R. Hirsch, der mit Frau und Tochter zurückgekehrt, unterbricht die Unterhaltung: „Was will der Lehrer? — Ihr werdet mein Gast bis nach Chanuka sein und 100 Silber bekommen. Diesem Apikores muß man aber alles nochmals erzählen, damit er wissen soll, daß nicht Moses Dessau, nicht Schiller, sondern der Rebbe groß gewesen. Schämen soll er sich." Entschuldigen Sie, mein Herr, bemerkt der Lehrer, ich habe gar keinen Grund, mich mit Schiller und Mendelssohn zu schämen. — Sollen sich Andere schämen! — Dieser Schnorrer ist aus meiner Heimat, er ist ein Betrüger; er war nie Schames des Rebbe, seine einzige Tochter ist längst gestorben; er nützt nur Ihre Schwäche, Ihren Aberglauben aus. „— Was wagen sie da? 100 Silber ist viel Geld!" — „Wenn mein Herr Lehrer sagt, so ist es wahr." — „Ich bin ein armer Mann, ein unglücklicher Jüd" — rufen die Anwesenden bunt durcheinander. R. Hirsch rennt in großer Erregung durchs Zimmer, schlägt sich aus die Stirne und schreit: „Der Rebbe ist heilig und sein Wort ist heilig. Der falsche Schames hat mir die Lichter gebracht, sie sind 100 Silber wert; er ist falsch aus Not, aus Armut; er zündet in mir das Rachmunes an und macht mich zum Licht. — Lerne Mithnagid, wie fest ein Chasid im Glauben ist und wie lehrreich die Worte des Rebbe sind!" Sprechscral'. Nochmals die jüdische Wiffeaschasi. Von Rabbiner Dr. Rosenthal in Preuß.-Stargard. Herr Dr. Beermann hat in der jüngsten Nummer Ihres Blattes sich in dankenswerter Weise über die neugegründete wissenschaftliche Gesellschaft geäußert. Mit Recht hat er auf die großen Vorbereitungen zu deren Werke hingedeutet und gezweiselt, ob damit etwas ins Leben gerufen werden kann. Ich selbst, der ich an der Versammlung mich beteiligt habe, bin von gleichen Zweifeln bewegt worden, als ich merkte, ' welche Riesendtnge in den Vordergrund geschoben werden, und