Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-02 · 1 (2.1.1902) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (2.1.1902)
Date
1902-01-02
Page
Seite 9 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605839-9605840--8621-9605853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 9. Inzwischen öffnet sich die Thür und der Lehrer betritt mit wichtigthuender Miene das Haus. Reb Hirsch empfängt ihn mit einem halb freundlichen, halb ironischen Lächeln. „Was haben Sie heute Großes erreicht? Aristoteles studiert, die Lügen der Zeitungen gelesen, sich vielleicht über apikorsische Bücher den Kops zerbrochen? Was kann ein kleiner Mensch überhaupt erlangen? Ich habe heut ein großes Glück; Ihr werdet alle sehen! Ich bringe Euch ein Geschenk von großem Wert". Die neugierige Frau ruft: „Gewiß eine Schnur Perlen", die Tochter meint: „Sabbatkleider für uns". „Schweigt! Höheres als Kleider und Perlen!" erwidert Reb Hirsch. Der Lehrer wagt die Bemerkung: Wahrscheinlich ein Chanukalämpchen. „Was machen Sie ein so saures Gesicht?" schreit Reb Hirsch. „Ein Chanukalämpchen ist ein großartiges Geschenk, jedenfalls wertvoller, als Bilder von Gehinembewohnern, die gegen unsere Thora geschrieben! Was versteht ein Adressenbelser von der Heiligkeit der Chanukalampe? Schweig! — Ich will Sie nicht beleidigen, aber wie kann ein Mensch mit einer blinden Seele das Chanukalicht sehen? — Vor 23 Jahren — nein — vor 27 reiste ich zum heiligen Rebbe, damit ich sehe, wie die heilige Hand des Zadik das heilige Chanukalicht in Heiligkeit anzünde. Der Suten gönnt aber einem Juden nicht ein so großes Glück, und so stellten sich aus dem Wege Störungen ein; es schneite wild, der Reisewagen zerbrach, ein Pferd stürzte und der Fuhrmann war vom Branntwein berauscht, daß man ihn nicht von der Stelle bringen konnte. Was konnte ich machen? Der Suten war stärker als ich. Am Chanukaabend endlich, in später Stunde, langte ich beim 'Rebbe an. Die Lichter waren schon ausgebrannt, nur der Schames flackerte noch und schien mit mir Unglücklichem Rachmones zu haben. Tiesbetrübt dachte ich an meine Sünden, die meine Strafe herbeigesührt haben. Der edle, gute, teuere und süße Rebbe sah mit seinem Prophetenauge in mein verwundetes Herz, und tröstend legte er seine heilige Hand auf meine Schulter, so daß mich Glück und Furcht durchschauerte. Er hielt eine kleine Rede, die so hell und licht war, wie Chanukalichter, so groß, wie die Heldenthaten Judas. Hört, meine Lieben, und merkt Euch jedes Wort, denn es ist eine Perlenschnur für diese und jene Welt, ein Sabbatkleid für die Seele, der schönste Unterricht, ja! ja! Du kannst lachen, Lehrerl. — Der Rebbe sagte: „Am Chanuka erinnert man sich, daß durch große Menschen das verunreinigte Heiligtum rein geworden; jeder Mensch ist ein lebendiges Heiligtum und ist in dieser Welt der Sünden oft unrein; nur große Menschen, erhabene Zadikim, die sich für ihre „Jüdischkeit" stündlich erwärmen, täglich ins Feuer legen, besitzen die Reinigungsasche, die nach unserer heiligen Thora die wahre Läuterung herbeiführt; nur Männer, die täglich in die „Geistesmikwah" untertauchen, besitzen das Wasser der Hilfe, mit dem sie die Sündhaftigkeit hinwegspülen. Diese Zadikim begnügen sich nicht damit, rein zu sein, sondern sie wollen, sie müssen leuchten, immer mehr, immer Mehreren. Wer mit diesen Zadikim hält, sich gleichsam an ihre Gürtel anhestet, wer durch sie vom finsteren Gehinem ins lichte Ganeden geführt werden will, muß ein Licht werden, ein Sabbatlicht, ein Jomtoblicht, ein Jomkipurlicht, muß anzünden können das ewige Feuer seiner Seele, ein Feuer, das ihm leuchtet, bei dem sich aber auch andere wärmen können. Weißt Du aber, Hersch', welches das wichtigste Chanukalicht ist? — Der Schames ist es, der in der Seite steht, nicht mitgezählt wird und nur dienen soll den anderen Lichtern, den Menschen, nur dienen soll dem „Höchsten, seinem lieben Namen". Nicht jene stolzen Gelehrten, die mit ihrer Krone der Thora prahlen, nicht jene gelobten Gemeindeversorger, die ihren Kops bis in den Himmel strecken möchten, sondern die stillen, geheimnisvollen Schamusim ihres Gottes, ihres Volkes, sind die Sterne, die in der Nacht des Gutes leuchten, sind die Chanukalichter, die nie erlöschen. Wenn die „seidenen Menschen" auf den armen Schames im zerrissenen Kaftan verächtlich herabsehen, wenn diese Klugen dem chassidäischen Narren Dummheiten oder gar Falschheiten Nachweisen, so schwöre ich beim Stuhl meines Vaters im Ganeden, daß der falsche Schames mir lieber ist, als der wahre Gabe, denn der Schames ist falsch aus Not und wegen der Schlechtigkeit der Menschen, und sein stolzer Herr ist nur wahr den Menschen zu Liebe. Merke Dir, Herschl, schloß der Rebbe, erst wenn der Schames Dir die Chanukalichter gebracht haben wird, wird Deine Seele Chanuka gefeiert haben." Nun, meine Lieben, warte ich schon 27, nein 29 Jahre aus den Schames, der mir die Chanukalichter bringen soll, und heute bringt er sie mir! „Was soll das heißen?" fragen Mutter und Tochter. Inzwischen öffnet man die Thür, und ein in Sammetgewändern gehüllter Chassid erscheint, dessen Behäbigkeit nicht aus Kasteiungen hindeutet. Unser Reb Hirsch eilt ihm entgegen; die Tochter des Hauses mit ihrem Lehrer aber, die keinen Zusammenhang zwischen diesem Gast und der Erzählung des Hausherrn vermuten, ziehen sich zurück, um wenigstens nicht die ganze Unterrichtsstunde zu verlieren. Die Frau des Hauses, die derartige Besuche nicht überraschen, hört die Unterredung zwischen ihrem Mann und den Gast. Der Fremde thut sehr heimisch, macht sich's sehr bequem, schildert ungefragt seine Tagesarbeit, wo und wann er gebetet, daß er noch keinen Kaffee und kein Schnäpschen getrunken, giebt so der Wi'^in' / zu verstehen, was ihre Pflicht ist. . I Beim Kaffeegenuß erinnert er sich, daß er bei der alten Rebbizin in hoher Gnade gestanden und das Vorrecht besaß, den Kaffee zuzubereiten, den die gesamte heilige Familie getrunken. Die Erinnerung an die alte Rebbizin führt ihn zur Schilderung des Thronwechsels im Reiche der Rebbizin. Mit wehmütigem Ton erzählt er, wie seine alte Gönnerin ans Krankenlager geschmiedet, die Sabbatlichter mit Anstrengung all ihrer Kräfte angezündet und wie diese plötzlich erloschen, was den anwesenden Rebbe veranlaßte, einer Verwandten zu befehlen, die Lichte nochmals anzustecken, was sicherlich ein Zeichen war, daß diese zweite Lichtspenderin seine zweite Gattin werden sollte. — Von den Sabbatlichtern gelangte unser Gast zu den Lichtern, die man am Jomkipur den Toten weiht, und sprach gelassen seine große Ueberzeugung aus, daß d.er Rebbe sicherlich aus der Art des Brennens der verschiedenen Totenlichter den Glückszustand der dahingeschiedenen Seelen erkenne.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.