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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-01-02 · 1 (2.1.1902) · p. Seite 8

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (2.1.1902)
Date
1902-01-02
Page
Seite 8 (sequence 12)
Language
German
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Seite 8. Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. den Spruch aus: „Besser (Tob) ist mir deines Mundes Lehre als Tausende Goldes und Silbers." Daraus fragt nun hier R. Chanina: Warum hat Mose den Spruch (Tod) nicht schon bei Empfang der ersten Tafeln angeführt? Daraus R. Chija: Ich kenne diese Agada garnicht, gehe zu dem agadabelesenen Tanchum. Dieser giebt dann die korrekte Antwort: Mose gebrauchte bei Empfang der ersten Tafeln nicht den Spruch (Tod), weil er in seinem prophetischen Geiste ahnte, daß er sie werde zerschmettern müssen. Gelegentlich Deut. 11, 19 eitiert er die bekannte Talmudstelle, die da abrät, den Töchtern tiefere Thora-Wissenschaft zu lehren. Hierbei macht er aus ein in Venedig 1553 erschienenenes Responsenbuch Majan Gannim eines R. Sam. b. Elchanan Jakob Rekawalti aufmerksam, in dem sich ein interessanter Brief an eine emanzipierte Frau des beginnenden sechzehnten Jahrhunderts findet: Die Warnungen der Talmudweisen vor tieferer Thorabelehrung der Töchter beziehen sich nur aus minorenne Mädchen, deren Verstand auch mit ernsten Dingen nur tändeln würde. Die Frauen aber, die aus eigenem Entschluß sich eingehendem Thorastudium widmen, stehen aus dem Berge des Ewigen, weilen an heiliger Stätte, sind die Ausgezeichneten ihres Geschlechts, und der gelehrten männlichen Zeitgenossen Pflicht ist es, sie nach Kräften zu unterstützen. Uebrigens scheint Lippm. Heller am Ende seines Kommentars zum Traktat Tamid diesen Schriftsteller als Verfasser einer hebräischen Grammatik Arugat habosem zu erwähnen. Wir fügen nun noch einige besonders treffende Erläuterungen an. Zu Ex. 2, 10 erklärt E. den auch von Raschi zur Stelle angeführten Midrasch Leam nitchakma, der scheinbar dem schlichten Sinn des Textes kein neues Moment hinzusügt, durch die Bemerkung, daß die Singularsorm ein Bild des Einigkeitsbandes sei, das alle Glieder des Volkes wie zu einem Ganzen zusammenfügte. Gegen diesen gefährlichen Zusammenschluß aller Israeliten will Pharao sich mit Lift wenden, wie es später sein Geisteserbe Haman ausspricht Jeschno am echad, es giebt ein Volk von in sich geschlossener Einheit und wie es heute noch prosessionsmäßige Judenhetzer belieben, aus das ngeblich übergroße Solidaritätsgesühl der Juden hinzuweisen. Jer. Pea. 1, 1 wird die üble Nachrede, die Joses über seine Brüder dem Vater gegenüber machte, näher ausgesührt, er hätte sie des Genusses von Fleisch lebender Tiere, also tierquälerischer Handlungsweise und des hoffärtigen Betragens gegen einige ihrer Geschwister beim Vater angeklagt. Woher entnahmen die Weisen, daß gerade solcher Art die Beschuldigungen waren? Vielleicht — so meint E. — deuteten sie den Schriftvers: Geh', sieh nach dem Frieden der Brüder, d. h. ob sie sich auch gut vertragen, ob sie nicht etwa, wie du es jüngst behauptetest, einander durch Hochmut kränken, und sieh auch nach dem 3chlom hazon nach dem Zustand der Schafe, ob sie auch heil sind und nicht unter tierquälerischer Behandlung leiden. Zu Ex. 6, 6 wird Jer. Pes., 10,1. erläutert und darauf hingewiesen, daß hier die vier Kelche beim Sedermahl nicht etwa nur an vier verschiedene Ausdrücke der Erlösung (das Wort leschonot fehlt im Jer.), sondern an vier Besreiungsthaten Gottes erinnern wollen: „Ich führe euch aus den Lasten" (hozeti) weist aus die erste Besreiungsthat, aus die Erleichterung der Sklavenarbeit hin; „ich rette euch von ihrer Knechtschastsarbeit" (hizzalti) das Wort kündet die völlige Befreiung vom Sklavenjoch; „ich erlöse euch" (gaalti) d. h. ich hebe jedes Unterthanenverhältnis zu Pharao auf; „ich nehme euch mir zum Volk" (lakachti) d. h. ich gebe euch ein eignes Volkstum, dadurch, daß ich euch zum Gotte werde. Zu Ex. 19, 3 wird Taa. 216 angeführt, wo Nachman bar Jsak zu Nachman bar Chisda sagt: Er sei nur Mana ben Paras, hingegen er ihn für Nana ben Maua halte. Die übliche Auffassung dieser Stelle ist: R. Nachman bezeichnet sich als Maua ben Paras (d. h. etwa: Thaler, Sohn eines Pfennigs), weil sein Vater ungelehrt gewesen sei. Ganz abgesehen von der ethischen Bedenklichkeit, die dann diese Worte hätten, indem der Vater vom Sohn als minderwertig bezeichnet wird, ist R. Jsak nach Raschi Gittin 316, Baba Mezia 166 Gittin. 26a Sanh. 29b als babylonischer Richter zweifellos auch ein Gelehrter gewesen. Daher deutet unser Autor das „ben" nicht genealogisch sondern adjektivisch (wie ben ebaebam ein Weiser, ben ksil='eln Thor) also Mana ben Mana eine vollwertige Mine, Mana ben Paras — eine minderwertige Mine. Wir brechen für heute hier ab und gedenken nächstens noch eine Anzahl trefflicher Erklärungen aus diesem vorzüglichen Buche mitzuteilen. Von dieser „Tora Temima“ (vollständigen Lehre) kann man das Psalmenwort anwenden Torat haschem temima mesckibat nafesch „die Lehre des Ewigen, die vollständige, erquicket die Seele." Der falsche Schames der Chaaukalichter. Erzählung aus dem Leben der Ehassidim. Von Dr. I. Niemirower-Jassy. , Reb Hirsch Necheles ist heute sehr heiterer Stimmung. Er erträgt alle kleinen Unannehmlichkeiten des häuslichen Lebens mit seltener Geduld; er spricht sogar seine Frau bei ihrem Namen an, wiewohl er sonst nach Art der Ehassidim seine Gattin mit Sie oder Du zu bezeichnen pflegt. Seine Frau ist von dieser Abweichung von seiner Gewohnheit so überrascht, daß sie ihn verwundert fragt, was denn eigentlich geschehen, daß er heut so leutselig ist und sie mit dem Kosenamen Efterl anrufe. „Ha-Ha-Ha", antwortet er, „Du wirst schon große Augen machen, wenn Du erfahren wirft, welches Glück der „Oberste" mir beschieden hat." Seine Tochter, die mit Ungeduld ihren Lehrer erwartet und auf die Moralrede gefaßt ist, die ihr Vater ihr fast täglich (gelegentlich der Unterrichtsstunde) hält, srägt auch nach dem Warum seiner freudigen Stimmung. „Jetzt mach ich es kürzer", sagt Reb Hirsch im feierlichen Ton, „ich halte den neumodischen Unterricht für sündhaften Luxus; was braucht man Bildung? Damit man Adressen schreiben kann! Gott wohnt überall und hat keine besondere Adresse und wenn man dem Rebbe einen Brief schicken will, so findet sich immer ein Goj, der die Adresse schreiben kann; jedenfalls ist ein „französischer Belfer" keine so große „Mesechte"*), daß man seinetwegen Tisch und Stube putzt, als wenn ein Enkel vom Berdiczewer kommen würde." *) Mesechte Talmudtraktat, etwas besonderes.

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