Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- Seite 6 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Israelitische Wochenschrift. M. 1. In der Tabelle III, die sich mit der Beteiligung der Gemeinden an unseren Bestrebungen beschäftigt, ist der bedauerliche Umstand bemerkenswert, daß u. a. Posen, Hamburg, Beuthen, Charlottenburg, Danzig, Magdeburg, Leipzig, Stettin, Thorn in der Fürsorge für ihre Beamten sehr weit zurückstehen. — Ein Ueberblick über die drei Berichts-Jahre führt zu folgendem Ergebnis. Es ist in dieser Zeit nichts geschehen, was als eine grundsätzliche Forderung und maßgebende Hebung der Verhältnisse im ganzen betrachtet werden kann. Die großen Mängel unseres Lehrerversorgungswesens, das Fehlen einer jeden einheitlichen Ordnung in den großen, allgemeinen Fragen unseres Kassenstrebens und Versorgungswaltens, die lokale Zersplitterung des Ganzen, infolge des Mangels eines gemeinsamen äußeren Bandes, die vielfache Verkennung dieser Bestrebung in ihrer Bedeutung als allgemeine Standesangelegenheit selbst noch bei manchen unserer Lehrervereine, die darum der Sache unseres Versorgungsstrebens noch vielfach ohne ernsthaftes Interesse gegenüberstehen, — dies und noch manches andere besteht heute noch wie damals und giebt unserem Versorgungswesen im ganzen noch dasselbe Aussehen, wie vor drei Jahren. Trotzdem sind Ansätze dieses Fortschrittes nicht zu verkennen. — Für die Kassenverwaltuug giebt es keine besseren und natürlicheren Helfer als die Gemeinde-Verbände, die darum überall dazu angegangen werden sollten und bei klarem Bewußtsein ihrer Ausgaben auch gewiß nie dabei versagen werden. Es liegt unzweifelhaft viel an dem praktischen Wert, den sich eine Kasse selbst durch ihre Organisation vor ihren Lehrern und Gemeinden zu geben weiß. Wo viel innerer Wert zu finden ist, da bildet sich allgemach auch die Achtung und das Interesse für die Sache aus, die die tragenden Kräfte unserer Arbeit sind. — Wir schätzen organisatorische Verbesserungen in unserem Versorgungswesen grundsätzlich höher, als materielle Einzelerfolge, weil jene nachweislich auch diese meist im Gefolge haben. — Sitzung der Eimni>ttlmgskMi«W>m in London. In der Sitzung vom 18. Dezember gab Herr Harper weitere statistische Angaben. Gr gab in Prozenten die Steigerung der Mieten an, eine Steigerung, die allerdings wie Lord Rothschild einwarf, wahrscheinlich auch in anderen der City benachbarten Bezirken zu verzeichnen sein wird. Interessant ^ift die Angabe, daß die eingewanderten Hausbesitzer die Mieten im Durchschnitt mehr in die Höhe getrieben haben als die einheimischen, und daß alle Wirte die fremden Mieter mehr steigern als die englischen. — Der Wert des Grundbesitzes ist natürlich auch sehr gestiegen. — Abgesehen von den hohen Mieten müssen oft noch Kautionen für die Schlüssel beim Hauswirt hinterlegt werden, und dazu entschließen sich die Einwanderer viel eher als die Einheimischen. — Eine Folge der hohen Wohnungsmieten sei, daß zu viele Menschen in kleinen Wohnungen zusammengedrängt lebten, und daraus entständen gesundheitliche Schädigungen für den ganzen Distrikt. Dadurch, daß jetzt billige Verbindungen mit anderen Stadtteilen geschaffen seien, seien die Leute in der Lage, entfernt von ihren Arbeitsplätzen zu wohnen und so den teuren Mieten aus dem Wege zu gehen. Das bedingt die anscheinende Verdrängung der Einheimischen durch die Fremden. Herr Herbert Evans, der als Gewerbeinspektor in der Lage ist, zu jeder Zeit die Häuser und Wohnungen zu besuchen. macht folgende Aussage. Am meisten Schwierigkeiten machen die fremden Juden dadurch, daß sie am Sonntag arbeiten. Dieses ist ihnen nur dann gestattet, wenn sie dafür am Sonnabend ihr Geschäft geschloffen haben; sie umgehen aber diese Bestimmung häufig und schädigen dadurch die anderen, die Sonntags nichts thun dürfen. Ebenso beschäftigen sie oft Frauen und Kinder zu Zeiten, wo das verboten ist. Er, der Referent, sei manchmal in der Lage gewesen, sie deswegen zu bestrafen, doch ohne daß es aus die Dauer geholfen hätte. Hier müßten die Behörden von den jüdischen Zeitungen etwas unterstützt werden. Der Referent glaubt, daß die Steigerung der Mieten nicht durch den Fremdenzufluß veranlaßt sei, sondern nur dadurch, daß an Stelle von Wohnhäusern so viele Werkstätten errichtet worden sind. Handel und Industrie haben gerade in den in Rede stehenden Bezirken einen außerordentlichen Aufschwung genommen, der gerade durch die jüdischen Einwanderer verursacht worden ist. Nicht nur, daß der Umsatz viel größer geworden ist, wovon der englische Producent den Nutzen hat, die Einwanderer haben manche Industriezweige zu großer Blüte gebracht, die in Gefahr waren, an das Ausland verloren zu gehen. — In den meisten Betrieben müßten Engländer und Fremde nebeneinander arbeiten. Der Umsatz in den Fremdenvierteln habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht, und das sei größtenteils ein Verdienst der Einwanderer. Alle Handelszweige, die in den Händen von Juden sind, zeigen eine sehr gesunde Entwickelung auch insofern, als den Arbeitern gute Löhne gezahlt werden. Eine Ausnahme von dem letzteren machen nur die Hauswerkstätten der Schuhbranche, wo die Leute sehr ausgenutzt und schlecht bezahlt werden. Doch auch das ist sehr in Abnahme begriffen, weil die Handarbeit ganz von der Maschinenarbeit verdrängt wird. — Im Allgemeinen sind die gesundheitlichen Verhältnisse der Werkstätten in den Fremdenvierteln durchaus gute, viel bessere, als sie vor zehn Jahren waren. Noch ehe die Diskussion über den Vortrag des Herrn Evans beendet war, vertagte die Kommission ihre Sitzungen bis Anfang Februar. Cm llkukl Thmkomineiltar. Besprochen von Dr. Max Be er mann-Insterburg. Es ist nicht üblich, in den jüdischen Zeitschriften Deutschlands aus die hebräischen Literaturerzeugnisse der russischen Juden prüfend einzugehen; unter anderem mag — wir haben hier nur die spezifisch jüdisch-religiösen Schriften im Auge — das eigensinnige Beharren bei der pilpulistischen Methode es verschuldet haben, daß selbst unsere Theologen um die Produktionen ihrer russischen Amtsbrüder sich wenig kümmern. Dadurch geht ihnen bedauerlicherweise eine Fülle fruchtbarer Anregungen verloren. Denn das Streben, Bibel und Talmud, Midraschim und Decisoren tiefsinnig und dennoch gradsinnig zu erläutern, hat im letzten Dezennium auch in Rußland Werke gezeitigt, die von bleibender Bedeutung in unserer religiösen Literatur sein dürsten. Ich erwähne nur — weil ich persönlich durch dieses Buch viele dankenswerte Belehrung empfing — die grandiose Darstellung des gesamten Ritual-