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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · p. Seite 802

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 802 (sequence 14)
Language
German
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Seite 802. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. des Großrabbis der Türkei zu verdanken. Der Direktor des Rabbiner - Seminars ist seit seinem Bestehen der Rabbiner Abraham Danon. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Der Dramaturg des Breslauer Stadttheaters, Maximilian Schlesinger, der auch sozialpolitische Schriften verfaßt hat, ist gestorben. — In Manchester brannte in voriger Woche die Synagoge der hebräischen Bibelvereinigung vollständig nieder, der Schaden ist durch Versicherung teilweise gedeckt. — Das Rohr'sche Krankenhaus in Po sen soll im Frühjahr durch einen Erweiterungsbau vergrößert werden, da die Zahl der Betten den Bedürfnissen nicht mehr genügt. Vakanzeu. Rodheim v. d. H. Sem. geb. Rel.-L., Vorb. u. Sch. 800 Mk. Geh., 400-500 Mk. Nebeneink. Meld. an Vorst. — Krojanke. K. u. Sch. 2000 Mk. Geh., ca. 400 Mk. Nebeneink. Meld. an Herrn Spirker. — Rixdorf b. Berlin. Jsr. Brüderverein. Gepr. Rel.-L. u. Vorb. Anf.-Geh. 1500 Mk. Meld. an Herrn Louis Mamroth, Bergstr. 21. — Rodheim. Rel.-L., Vorb., Sch., 800 M. Geh., 400—600 M. Nebeneink. Bewerb, mit Zeugn. an Herrn N. Scheuer. Feuilleton. Die (fliriiimi tauge» nichts. Skizze von A. Gersdorfer. Freitag Abend war's. Die hereinbrechende Dunkelheit hüllte das Geschästslokal in Schatten. Man konnte die Kunden kaum mehr sehen. „Moritz!" „Ja." „Zünd die Lichter an!" Ja — Herr — aber heut —" Weiter hörte man nichts. Im nächsten Augenblick flammten die Lichter aus und beleuchteten das blasse Gesicht eines weinenden Knaben, der in Lehrlingskleidung aus einer Leiter stand und mit wehmütigem Gesichtsausdruck dem Verglimmen des Streichhölzchen zuschaute. Es war ein schöner Knabe. Die schwarzen Locken standen ihm so gut, besonders wenn sein Gesicht blaß und verstört war, was nach den verweinten Augen zu schließen, häufig Vorkommen mußte. Ja, er hatte schon viel geweint in seinem kurzen Leben. Das erzählte der Mund, wenn er schmerzlich zuckte, davon sprachen die Lippen, wenn sie wie zur Klage sich verzogen. Damals, an jenem traurigen Tage, als er am Grabe seiner Mutter stand, die dem vor kurzem Heimgegangenen Vater im Tode nachgefolgt war, hatte er geglaubt, daß nun auch bald an ihn die Reihe kommen werde zum Sterben. Es war ja noch so viel Platz aus dem Friedhof. Dort in der Ecke, unweit von Vater und Mutter, war ja so ein schönes Plätzchen, groß genug für einen zwölfjährigen Knaben, der keine Lust mehr hat am Leben, das ihm bis dahin fast nur Trübes und Schmerzliches gebracht. Dort hätte er Ruhe haben können, so ungestört und so friedlich, wie sie kein lebender Mensch hat. Dort brauchte er nicht mehr zu hungern und nicht mehr zu weinen. Dort mußte es schön sein, wie einst im Haus seiner Eltern, die ihn gewiß nur deshalb nacheinander innerhalb eines solch kurzen Zeitraumes verlassen haben, um ihm den Weg zu zeigen, den er auch betreten solle. Und als er die Erdschollen aus den Brettersarg niederrollen sah, wäre er gern mit ihnen zur Mutter hinabgesunken, die da unten so lautlos und süß schlummerte, ohne sich um den weinenden Knaben da oben zu kümmern. Da weckte ihn ein Mann aus seinen Träumen — der hielt ein kleines Messer in der Hand — er hätte ihm so gerne seine offene Brust zum Stoße angeboten — aber der machte nur einen Riß in sein Gewand und ließ ihn selbst am Leben. Dann führte man ihn zurück in die Halle, wo er mit einem Tallis bekleidet wurde und aus einem Gebetbuche das Kadisch hersagen mußte, dessen Sinn er nicht recht verstand, das er aber so gebrochen und verzweifelt rccitierte, daß allen Umstehenden die Thränen in die Augen kamen. Was nachher mit ihm geschah, daraus konnte er sich nicht mehr recht besinnen. Das eine wußte er: in einem Bettchen im Hause seines Onkels erwachte er am nächsten Morgen. Als er das fremde Zimmer, die fremden Möbel sah, da kam es ihm erst dämmernd zum Bewußtsein, daß für ihn nun ein neuer Lebensabschnitt beginne, da fing er an zu ahnen, was es heißt, ein armer Waisenknabe zu sein. Noch war er nicht ganz verlassen. In der ersten Woche nach dem Tode seiner Mutter, da ließen sie sich noch einmal sehen, all die Freunde und Bekannten seiner Eltern, und in ihren Blicken gewahrte er wohl aufrichtiges Mitleid, aber weiter nichts. Waren sie nicht mit sich selbst genug beschäftigt? Trug nicht jeder einzelne unter ihnen irgend ein verstecktes Leid im eigenen Herzen? Konnten sie Thränen finden für fremdes Leid, wo sie ihr eigenes Geschick nicht genug beweinen konnten?! Nur zum Abschiednehmen kamen sie. Mit ihren Freunden war auch ihre Freundschaft gestorben und begraben. Ach, sie war ja niemals lebenskräftig genug, um sich nach dem Tode der Eltern aus das arme, verlassene Kind übertragen zu können. — Der einzige Onkel — nun, der hatte auch nicht viel. Als die Trauerwoche vorüber war, ries er seinen Neffen herbei und hielt eine Rede wie folgt: „Mein Junge! deine Eltern sind tot. Das weißt du ja, uud du hast sie auch genug beweint, wie es einem guten Kinde geziemt. Aber das sage ich dir gleich: Wenn du im Leben viel weinen wirst, so wirst du's nie zu was Rechtem bringen. Die Thränen taugen nichts. Man bekommt rote Augen und ein gebrochenes Herz und schließlich stirbt man, ehe man recht angefangen hat zu leben. Also wein' nur nicht allzuviel im Leben. Wenn es dich allzu rauh anpacken sollte, dann packe auch du es an und kämpfe wie ein Mann. Der Sieg kommt dann hinterdrein. Von mir kannst du nicht viel erwarten. Allein wirst du kämpfen müssen. Ich habe nämlich selbst nichts. Sieh diesen schäbigen Rock hier, er ist schon zehn Jahre alt. Aber laß dich durch mein Beispiel nicht abschrecken. Du brauchst nicht so'n Schlemiel zu sein, wie ich. Es wird dir schon gelingen, etwas zu erreichen, wenn du recht fleißig und strebsam wirst. Die Verhältnisse sind heutzutage ganz anders als zu meiner Zeit, und wenn du nur etwas Geschick hast, dich in der Welt herumzudrücken, stets die Augen offen zu halten, dann kann es dir nicht schlecht gehen. Wein' nicht liebes Kind, wein' nicht, es wird schon alles gut werden. Stehst du, ich habe schon deinetwegen mit dem Kolonialwaren-

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