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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · p. Seite 798

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 798 (sequence 10)
Language
German
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Seite 798. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. Auf ihre Kinder, Sprossen ihres Leibes, Die sie geheim verschlingt mit grauser Gier, Da wild die Feinde drängen an den Thoren! Gehorcht ihr nicht den Worten dieser Satzung, Die alle sorglich ausgezeichnet sind. Verehrt ihr nicht den furchtbar-heilgen Namen Des Ewgen, eures Gottes, so wird Gott Für euch und eure Kinder Plagen häufen. So groß und dauernd, Krankheitsungemach, So groß und dauernd, daß Egyptens Seuchen, Vor denen euch gegraut, gering erscheinen. Jedweden Schrecken, der jemals gewesen. Und auch von dem man nie gehört hat, wird Der Ewge über euch verhängen, bis Ihr ausgetilgt seid, bis ihr, deren Zahl An Menge einst der Sterne Zahl geglichen, Gering geworden, weil ihr nicht gehorcht Des ewgen Gottes Stimme, eures Herrn. Wie Gott sich einst gefreut, euch wohlzuthun Und euch zu mehren, also wird der Herr Sich freuen, euch zu tilgen, zu verderben Und euch herauszureißen aus dem Land, In das ihr geht, ums in Besitz zu nehmen. Zerstreun wird euch der Herr zu allen Völkern Von Weltenende bis zu Weltenende. Dort könnt ihr sehen, wie man Götzen dient Von Stein und Eisen, unbekannt den Vätern Und auch euch selbst. In dieser Völker Mitte Soll keine Rast euch je beschieden sein Und euren Sohlen keine Stätte. Nein, Verzagtes Herz und kummervolle Seele, Verschmachtend Auge — das ist euer Teil! Es soll eur Leben immer vor euch hangen In ungewisser Angst so Tag wie Nacht, Daß ihr nicht glauben mögt an euer Leben. Am Morgen sprecht ihr: „Käme doch der Abend!" — Und abends: „Wäre nur der Morgen da!" So wird die Angst eur zages Herz erfüllen Vor allem Unheil, das eur Auge schaut. In Schiffen führt der Herr euch nach Egypten Den Weg zurück, von dem ich euch gesagt, Ihr sollt ihn nimmer wiedersehn. Dort werdet Ihr euren Feinden euch verkaufen wollen Zu Sklaven, Mägden — doch der Käufer fehlt! (Die Londoner Einwanderungskommission und die „Krcuzzeitung".) Die „Kreuzzeitung" läßt sich aus London schreiben: „Die Judenpresse hat oft zur Entschuldigung bez. Entlastung der anrüchigen Lebensweise ihrer Genossen auf dem Festland behauptet, „in solchen Ländern wie Rußland, Oesterreich und Rumänien würden die Juden durch Unterdrückung geradezu gezwungen, ihren Lebensunterhalt auf fragwürdige Weise zu erwerben, es bliebe ihnen nichts anderes übrig, als die Gesetze zu umgehen, mitunter auch zu übertreten, da sie infolge der Ausnahmegesetze genötigt seien, sich im Kampf ums Dasein ausnehmender, nicht zu sagen unlauterer Mittel zu bedienen. Weß Geistes Kind die Juden wirklich seien, wenn ihnen Gleichstellung gewährt werde, könne man in England sehen. Dort habe sich der Jude durch seine Redlichkeit Achtung und Zuneigung erworben" u. s. w. Die von der Königlichen Kommission eingeleitete Untersuchung in Sachen der Fremden-Einwanderung beweist jedoch das gerade Gegenteil." Den Beweis findet die „Kreuzzeitung" in den Aussagen, die wir in dem besonderen Artikel wiedergegeben haben. Wir sind weit davon entfernt, die Zustände, wie sie dort geschildert sind, als befriedigend und erfreulich zu betrachten. Niemand bedauert mehr als wir, wenn Juden in unredlicher Weise den für sie freilich doppelt schweren Kampf ums Dasein führen. Wenn aber die „Kreuzzeitung" in diesen traurigen Zuständen ein Argument erblickt, das gegen die Befreiung der rumänischen, russischen und galizischen Juden von dem ungerechten Druck, den sie erleiden, geltend gemacht werden kann, so entspricht das völlig der der „Kreuzzeitung" eigenen Logik, der wir freilich nicht zu folgen vermögen. Zwischen den Juden, die aus den osteuropäischen Ländern eingewandert sind und erst kurze Zeit aus englischem Boden sich befinden und denen, die Erziehung und Jahrhunderte alte gemeinsame Geschichte zu Engländern gemacht hat, muß selbstverständlich unterschieden werden. Dazu ist die „Kreuzzeitung" freilich unfähig; mindestens giebt sie sich den Anschein, es zu sein. Aber die Vergehen, von denen die „Kreuzzeitung" spricht, legt sie selbst nicht den englischen, sondern den russischen und polnischen Juden zur Last. Daß diese mit dem Augenblick, wo sie englischen Boden betreten, sofort alle Folgen einer kulturwidrigen Behandlung abstreifen, darf man freilich nicht erwarten. Die Eigenschaften, die eine Jahrhunderte lange Unterdrückung den Elendesten der Elenden anerzogen hat, werden natürlich durch eine Luftveränderung nicht auf einmal beseitigt, zumal wenn die Einwanderer in London so traurige Verhältnisse vorfinden, wie die Berichte der Einwanderungskommission sie erkennen lassen. Zum Beweise dafür, daß diese Eigenschaften nicht den Juden als solchen zukommen, verweisen wir trotz des Protestes der „Kreuzzeitung" aus die eingeborenen englischen Juden, die sich frei entwickeln konnten und sich durch ihre Eigenschaften die Achtung ihrer andersgläubigen Mitbürger erworben haben. Freilich möchte die „Kreuzzeitung" das nicht wahr haben. Sie läßt ihren Korrespondenten erzählen: „Wie in so manchen anderen Beziehungen ist der Engländer geneigt, den Juden gegenüber eine fast unbewußte Heuchelei zu bewahren. Folgendes Beispiel wird dem Leser diesen Charakterzug vergegenwärtigen. In einem Klub war ich mit einem vornehmen Engländer auf das Judenthema gekommen und hatte unsere Erfahrung in Deutschland mitgeteilt. „Ach was," sagte mein Freund, „das ist Vorurteil. Wir betrachten die Juden als unseresgleichen, folglich giebt es keine Judenfrage." „Dann würden Sie also nicht anstehen", wandte ich ein, „Ihre Tochter einem Juden zur Frau zu geben?" Das traf ihn hart; seine Tochter, ein reizendes Kind, war sein Augapfel. Ich war daher durchaus nicht erstaunt, als er aufsprudelte: „Eine solche Zumutung würde ich als eine grobe Beleidigung betrachten. In einem Argument darf man nicht persönlich werden." Wir wollen nicht untersuchen, was der Korrespondent mit der „fast unbewußten Heuchelei" gemeint hat. Wir halten uns an seine Anekdote. Er war über die Antwort, die er aus seine taktlose Frage erhielt, nicht erstaunt; wir sind es auch nicht. Er hielt die Bemerkung j.edoch für bezeichnend; wir halten sie für ganz natürlich. Genau so würde ein ehr-

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