Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 794 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 794 Israelitische Wochenschrift. Nr. 61. der russischen Ostgrenze auszuhalten. Die Unternehmungen jüdischer Kauslcute und Agenten werden damit unterbunden; diese verlieren dadurch nur eine Aussicht auf Gewinn; die Stellung der Juden aber, die in Sibirien sozusagen Eingeborene sind, die es nicht nach eigenem Wunsch zur Heimat erwählt haben, hat sich bedeutend verschlechtert. Vor seiner Verbannung nach Sibirien war der Jude gewöhnlich ein Städter, und nach seiner Freilassung ist er aus den Landbau angewiesen. Damit war er von jeher im Nachteil. Jetzt kommt der große Zufluß der vom Staat unterstützten Einwanderer, die vielen Tausende, die ohne staatliche Genehmigung unter Zurücklassung unbezahlter Steuern und Rechnungen ins Land strömen und die verhältnismäßig kleinen Gebiete urbaren Landes aufschlucken; und für den Juden werden nur die Urwälder übrig bleiben, für deren Nutzung und Umwandlung in getreidetragendes Feld er durchaus ungeeignet ist, wenn er sich nicht den in Sibirien schon äußerst zahlreichen gefährlichen Gesellschaften beigesellen soll. Beschwerden werden von allen Seiten laut; ob sie Abhilfe bringen, ist schwer vorauszusagen. Die ganze Angelegenheit aber ist ein neuer Beweis für die hastige, unüberlegte Art, in der Rußland vorwärts stürmt, nur daran denkt, sich im fernen Osten weiter auszubreiten, und in blindem Drängen die von der Staatskunst gebotene Weisheit und Ueberlegung vergißt." Urteile iilier lumiiimii. Vor einiger Zeit hatte der Herausgeber des Bukarester „Bulletin Roumain" an verschiedene englische Notabilitäten eine Darstellung der in Rumänien in Bezug aus die Juden herrschenden Verhältnisse mit der Bitte verschickt, ihm eine zur Veröffentlichung bestimmte Meinungsäußerung über diese Angelegenheit zur Verfügung zu stellen. Eine Anzahl der eingegangenen Antworten sind bereits veröffentlicht worden; nachträglich sind noch einige eingelausen, die wir im Folgenden wiedergeben: Das Parlamentsmitglied Sir Henry Campbell-Bannermann schreibt: Sehr geehrter Herr, es ist mir sehr lieb, daß Sie Schritte gethan haben, die Angelegenheit der rumänischen Juden vor die O.ffentlichkeit zu bringen. Ihre Behandlung war bisher so streng, ja so grausam, daß alle Freunde der Freiheit und Menschlichkeit sie verdammen müssen. Wir müssen daraus hoffen, daß die öffentliche Meinung von ganz Europa die rumänische Regierung zum Ablassen von ihrer bisherigen Politik zwingen wird. Ihr ergebenster u. s. w. Sir William Harcourt, Parlamentsmitglied: Mit tiefstem Bedauern und größter Mißbilligung habe ich den Bericht über die Behandlung der Juden in Rumänien gelesen, und ich vertraue daraus, daß die Verurteilung, die diese Behandlung bei Männern aller Konfessionen und aller Richtungen findet, das Aufhören dieser Verfolgung veranlassen wird. Das Parlamentsmitglied H. H. Asquith: Mit herzlichster Sympathie schließe ich mich dem Protest an, der in jedem Teil der zivilisierten Welt gegen die Behandlung der Juden in Rumänien laut wird. Die Regierung jenes Landes hat durch die seit Jahren gegen ihre jüdischen Unterthanen beliebten Maßregeln die Sympathie und die Achtung aller Menschen verwirkt, die die Freiheit und Gerechtigkeit Hoch- Halten. Das Parlamentsmitglied Jesse Collings: Die grausame Verfolgung der Juden in Rumänien berechtigt zum größten Mißtrauen gegen die Regierung jenes Landes. Mir scheint es die Pflicht der Berliner Vertragsmächte, einen gemeinsamen ernsten Protest gegen das Vorgehen zu veranlassen, das einem Bruch jenes Vertrags durch die rumänische Regierung gleichkommt. Die von rumänischer Seite zur Entschuldigung angeführte Thatsache, daß die gegen die Juden erlassenen Gesetze nicht strenger sind als die gegen andere Ausländer, ist nur eine Ablenkung von der Frage, denn die Juden sind keine Ausländer, sondern meist in Rumänien geboren und ausgewachsen. Es freut mich, daß die amerikanische Regierung Stellung zur Sache genommen hat. Es müßte vor allen Dingen der rumänischen Regierung klar gemacht werden, daß ihre grausame Politik von den anderen Völkern als ein der Humanität und Zivilisation angethaner Schimpf betrachtet wird. Major Evans Gordon, Mitglied des Unterhauses und der königlichen Kommission zur Beratung der Fremdeneinwanderung: Ich freue mich, daß ich meinen Namen der langen Liste derer anfügen kann, die ihre Sympathie mit den rumänischen Juden und ihre Entrüstung über die Behandlung ausgesprochen haben, die sie von Seiten der rumänischen Regierung erfahren. Nachdem ich kürzlich Rumänien in der Absicht bereist habe, mich über die Lage der dortigen Juden zu vergewissern, kann ich ohne Zögern behaupten, daß diese Lage so schlecht ist, wie sie geschildert wird. Die Einmischung der Mächte zur Verbesserung dieser Lage ist vollständig mißachtet, die Abmachungen, aus denen Rumäniens Unabhängigkeit beruhen sollte, sind bei Seite geschoben und verletzt worden. Es scheint nicht viel Aussicht dazuvorhanden zusein, daß dieeuropäischen Regierungen in dieser Angelegenheit gemeinschaftlich Vorgehen werden; aber ich hoffe, daß England und Amerika sich unter allen Umständen in dem Bestreben zusammenfinden werden, einen besseren Zustand zu Wege zu bringen. In Rumänien selbst setzen die Juden große Hoffnungen daraus, daß die großen jüdischen Bankhäuser einen finanziellen Druck ernstester Art aus die rumänische Regieruug ausüben können, wenn diese demnächst ihren Beistand brauchen wird. Schatzanweisungen im Gesamtbetrag von 175 Millionen Francs werden im Dezember 1904 fällig und werden erneuert werden müssen. Wenn diese Operation vorübergehen sollte, ohne daß eine bessere Behandlung für die jüdischen Unterthanen König Karols erwirkt wird, wird ihr Los in der That ein beklagenswertes sein. Auf dem Gebiet der jüdischen Literatur bemerken wir seit Jahrzehnten einen Umschwung nach einer mehr praktischen Richtung hin. Die Resultate der wissenschaftlichen Forschungen früherer Gelehrten, wie die von S. L. Rappaport, Leopold Zunz, Abraham Krochmahl, Z. Frankl, A. Geiger u. a. m., die meist nur in gelehrten Kreisen gekannt waren und ihre Würdigung gesunden, sollen allmählich diese engen Grenzen durchbrechen