Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · p. Seite 793

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 793 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605820--8590-9605825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

dir. 51. Israelitische Wochenschrift. Seite 793. durch das Mißtrauen der russischen Ankömmlinge erschwert. Mr. Davies rühmt auch die Tugenden der Juden. In 13 Jahren hat er nur einen Juden im Osten Londons betrunken gesehen. Die Juden sind wirtschaftliche, musterhafte Bürger, Ehegatten und Familienväter und unermüdlich daraus bedacht, sich eine geachtete, unabhängige Stellung zu erringen. Männer von 40 und 50 Jahren sitzen stundenlang geduldig wie kleine Kinder, um englisch lesen und schreiben zu lernen, und ihr eiserner Fleiß bewältigt die Arbeit in erstaunlich kurzer Zeit. Ganze Straßen, in denen früher nur Verbrechen und Laster hausten, haben sie erst für anständige Menschen bewohnbar gemacht. — Mr. Davies macht nun, im Einklang mit seinen jüdischen Freunden, drei Vorschläge. Erstens soll die Erlaubnis zur Landung davon abhängig gemacht werden, daß der Einwanderer den Besitz von 10 Pfund nachweist. Zweitens soll der Zuzug geistig und körperlich Kranker in ihrem eigenen Interesse verhindert werden. Endlich sollen angeblich verheiratete Einwanderer ihren Trauschein vorlegen, um zu beweisen, daß sie wirklich verheiratet sind. Es kommt nämlich häufig vor, daß Männer ihre Frauen sitzen lassen, denen sie durch eine Zeremonie angetraut sind, die von der jüdischen Religion als Ehe nicht anerkannt wird. Lord James weist daraus hin, wie leicht der Vermögensnachweis umgangen werden könnte. Mr. Davies ist der Meinung, daß dies durch das Strafgesetz verhindert werden könnte. Der Bemerkung gegenüber, daß ein Einwanderungsverbot die Konkurrenz nicht ausheben würde, die zudem für den Konsumenten vorteilhaft gewesen sei, meinte Mr. Davies nur, er wolle die Einwanderung nicht verbieten, sondern kontrollieren. Auf Befragen durch Lord Rothschild ergänzt der Zeuge seine Aussagen über die bösliche Verlassung der Frauen. Mitunter verläßt der Mann die Frau nur vorübergehend, um sich leichter eine Existenz zu gründen und dann die Frau Nachkommen zu lassen. Im allgemeinen ist das aber nicht der Fall, meistens ist eine zweite Frau im Spiele. Die jüdische Armenkommission, der keine gesetzlichen Rechte zur Seite stehen, kann in solchen Fällen nicht einschreiten. Der Zeuge beklagt es, daß Leute ins Land kommen, die den englischen Sonntag mißachten. Es sei peinlich, in einem Bezirke zu wohnen, in dem am Sonntag geräuschvolle Arbeit verrichtet wird. Damit ist die Vernehmung des Mr. Davies beendet. — Nach ihm wird der Hilssanwalt in der Zollverwaltung, Mr. Highmore, vernommen. Seine Abteilung beschäftige sich mit der Untersuchung von Betrugssällen, die mit der Fabrikation und dem Verkauf von Spirituosen und Tabak und der Fälschung von Postwerlzeichen und Zollquittungen in Verbindung stehen. Unter 51 Vergehen gegen das Spirituosen-Konzessionsgesetz waren in 49 Fällen russische oder polnische Juden die Schuldigen. Sie betrieben auch vorzugsweise die Fälschung von Postwertzeichen und Zollquittungen. Er führt einen Fall an, der 15 Jahre zurückliegt, wird aber von Sir Kenelm Digby mit der ungeduldigen Bemerkung unterbrochen, er solle sie mit solchen veralteten Geschichten verschonen. Auch Lord James glaubt, diese Einzelheiten wären nicht von Belang. Major Gordon betont die Feststellung, daß die erwähnten Vergehen meistens von Juden begangen würden. Darauf wurde die Sitzung vertagt. * * * Es ist interessant, mit den Londoner Zuständen, die außerordentliche Maßnahmen rechtfertigen sollen, die Chicagoer Verhältnisse zu vergleichen. In der Einwanderungskommission ist wiederholt daraus hingewiesen worden, daß die Kinder der Einwanderer, die im Lande geboren sind, noch als Fremde angesehen werden müßten. Wollte man den gleichen Maßftab an Chicago legen, so käme man zu eigenartigen Ergebnissen. Es würde sich Herausstellen, daß die amerikanische Stadt etwa ebensoviel Deutsche hat wie die dritt- oder viertgrößte Stadt Deutschlands. Mehr Iren als Chicago beherbergt nur Dublin, mehr Schweden nur Stockholm, mehr Norweger nur Christiania, mehr Polen keine Stadt ihrer Heimat. Doch glücklicherweise spricht man hier garnicht davon. Fremde beherrschen alle Verwaltungszweige. Von den 69 Mitgliedern des Gemeinderates stammen nur 16 von amerikanischen Eltern, während nach den Stimmlisten 395164 fremdbürtige und 111884 einheimische Wähler vorhanden sind. Kurz, Chicago ist ein Fremdenstadt. Aber von keiner Seite wird darin eine Gefahr gesehen. Niemand versucht ernstlich, diesen Fremdenzufluß einzudämmen. Die Juden in Minen. Der Moskauer Korrespondent des Londoner „Standard" berichtet Folgendes über die Lage der Juden in Sibirien: „Auch Sibirien hat jetzt seine „Judensrage". Die Juden, die vordem aus dem üblichen Weg, das heißt als Verbannte, nach Sibirien gekommen sind, haben nach Abbüßung ihrer Strafe hier als sogenannte „freie Einwohner" gelebt, aber ohne das Recht, in das europäische Rußland zurückzukehren, und die Verwaltung hat sich niemals ihrer angenommen. Nachdem Sibirien nun für den Verkehr geöffnet worden, mutzte auch zur Judensrage Stellung genommen werden, und das geschah sofort in Gestalt eines Verbots der Niederlassung für die Juden. Was aber mit den von der Regierung selbst dorthin geschickten Juden zu geschehen hatte, davon stand in der Verordnung kein Wort. Wie in Rußland gebräuchlich, hat die neue Verordnung eine Anzahl von beutehungrigen Beamten zur Ausgrabung halbvergessener noch strengerer ministerieller Cirkulare und Regulative geführt, und sie mißbrauchen ihr Amt durch unberechtigte schlechtere Behandlung der Juden. Dazu kommt noch, daß die Fabrikanten in Lodz die jungfräulichen Gebiete der Mandschurei für ein glänzendes Geschästsfeld erachtet haben, und daß folglich eine große Zahl jüdischer Agenten sich unter den ersten Kausleuten befanden, die ins Land kamen. Wahrscheinlich ist es in der Praxis nicht möglich gewesen, sie fern zu halten; denn jeder kann eine Fahrkarte kaufen, soweit die Eisenbahn reicht, und Pässe sind im Bedarfsfall immer erhältlich. In Rücksicht darauf ist eine neue Ordre herausgekommen, die den Juden nicht nur das Ansiedelungsrecht nimmt, sondern ihnen auch verbietet, sich auch nur kurze Zeit innerhalb hundert Meilen von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.