Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · p. Seite 792

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 792 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605820--8589-9605824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 792. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. Thoraismus, nicht Zionismus, heiße unser Losungswort. Den begeisterten Ausführungen Dr. Silberbergs folgte ebenfalls lebhafter Beifall. Dr. Gronemann suchte die Einwände des Opponenten zu entkräften, so daß sich die anregende Debatte bis gegen Mitternacht hinzog. Das zahlreiche Publikum folgte der lebhaften Diskussion mit gespannter Aufmerksamkeit. — Die Zionisten in Deutschland, deren Regsamkeit alle Anerkennung verdient, haben jüngst auch außerhalb Königsbergs agitatorische Versuche gemacht. Ihren besten Erfolg haben sie in Lübeck errungen, wo ein erheblicher Teil der Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. Carlebach an der Spitze, nach einem Vortrag des Herrn Dr. Klee aus Berlin, volles Einverständnis mit dem Zionismus kundgab, wie dieser geschickte und sympathische Agitator ihn dargestellt hatte. Hieraus sind die Zionisten sehr stolz, und man muß zugeben, daß sie Ursache dazu haben. Freilich ist der Erfolg in Wirklichkeit nur ein scheinbarer. Der Klee'sche Zionismus, d. h. der Zionismus, für den Herr Dr. Klee in der Oeffentlichkeit wirbt, ist rein jüdisch, er ist gar nicht zionistisch. Abgestreist sind die Judenstaats-Phantastereien, im Vordergrund steht einzig und ausschließlich das Streben nach Weckung des jüdischen Selbstgefühls, des ausrechten jüdischen Stolzes, der nicht möglich ist ohne feftgegründetes Selbstbewußtsein, das wiederum nicht denkbar ist ohne liebevolle Vertrautheit mit der jüdischen Geschichte nnd aller jüdischen Eigenart. Vom eigentlichen Zionismus ist da nichts zu spüren. Die „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte" ist kein Staatsphantom, sondern nur der Ausdruck organisierter Fürsorge für die bedrängten Brüder im Osten, eine ideelle Unterstützung der kolonisatorischen Wohlthätigkeits- und Wohlsahrtsbeftrebungen. Der also gereinigte Zionismus, der vom Zionismus nur den Namen hat, kann allerdings auch klare Köpfe gewinnen, ja er ist in diesen schon immer heimisch gewesen; er ist nicht zionistisch, sondern jüdisch. Der soll willkommen sein und ist willkommen. Wir mögen von Niemandem annehmen, daß er etwa bei seiner zionistischen Propaganda seine eigentlichen Ziele verheimlicht, meinend, er habe Zeit, diese zu offenbaren, wenn er erst die nominelle Zugehörigkeit zum Zionismus gewonnen. Solche Unredlichkeit, die vor sich selbst ihr Wesen versteckt, indem sie sich „Taktik" nennt, setzen wir nicht voraus. Wir brauchen sie auch in keiner Weise zu fürchten, denn ihre Rechnung wäre falsch. Die auf Grund einer Vorspiegelung gewonnenen Anhänger würden eben das Zionistische aus dem Zionismus verbannen, nicht das Zionistische für sich annehmen. Dieser unzionistische Zionismus ist ja heute schon das stille Bekenntnis der Klügeren unter den zionistischen Führern. Sitzung der EimkdMllgskMmljiim in London. Am Montag nahm die Einwanderungskommission in London unter Vorsitz des Lord James von Heresord ihre Untersuchungen wieder aus. Anwesend waren das Parlamentsmitglied Major Eoans-Gordon, Mr. W. Vallance, Sir Kenelm Digby und Lord Rothschild. Der erste Zeuge, Ehrwürden W. H. Davies, Oberpsarrer von Spitalfields, bekundet, unter den 25000 Einwohnern seines Sprengels befänden sich mindestens 15000 Juden, er stände zu ihnen in den allerfreundschaftlichsten Beziehungen. Für und gegen die ausländischen Juden werde rege Partei genommen. Ein großer Teil des englischen Volkes sei ihnen durchaus gewogen. Der Zeuge meint, der Grund der feindseligen Stimmung gegen Ausländer sei die Annahme der Einheimischen, daß sie von ihnen aus den besten Bezirken verdrängt würden. Vor 25 bis 30 Jahren kostete ein ganzes Haus mit vier Zimmern in Stepncy wöchentlich 5 bis 6 Schilling Miete, nicht mehr als ein Zimmer in Westminster. Jetzt sind die Wohnungen in Stepney ebenso teuer. London hat eine Durchschnittsbevölkerung von 57 aus den Acre; im Stadttheil Bethnal Green, der von der Einwanderung nicht beeinflußt wird, beträgt sie 175, im jüdischen Viertel Whitechapel 193 und 333 in Spitalfield. Aus diesen Zahlen folgert man, daß Leute Herkommen, die nicht Handwerker sind, für geringen Lohn arbeiten und die hohe Miete nur dadurch erschwingen, daß sie einen Teil ihrer ohnehin beschränkten Wohnung weiter vermieten. Die Mieten sind am teuersten, wo die Armut am größten ist. Herr Davies führt dafür fast unglaubliche Beispiele an. Er kenne eine Familie, die ein Schlafzimmer und eine Küche bewohne; abends um 10 Uhr, wenn sie sich in das Schlafzimmer zurückziehe, komme ein Herr mit seidenem Zylinderhut und langem schwarzem Gehrock und mache sein Bett in der Küche auf dem Fußboden zurecht. Er habe auch gesehen, daß in einem Zimmer vier Männer und sechs Frauen schlafen. Das seien alles ausländische Juden, die respektabel seien und hart arbeiteten. Viele Familien mieteten überhaupt nur für die Nacht ein Zimmer zu einem Mietspreise von einem Schilling (--- einer Mark), und wenn sie am Abend den Schilling nicht hätten, seien sie für die Nacht obdachlos. Dem Zuzug der Fremden müsse die Erhöhung der Mieten und Verringerung der Erwerbsquellen zugeschrieben werden; man dürfe aber nicht außer Acht lassen, daß die Fremden auch neue Industrien eingeführt haben. Die sanitären Einrichtungen im Viertel seien ausgezeichnet, und dementsprechend sei der Gesundheitszustand der Einwanderer. Viele der russischen Männer und Frauen scheinen die Entsagung gewöhnt zu sein. Trotz kärglicher Nahrung, wie sie keinem Engländer genügen würde, arbeiten sie von früh bis spät. Je ärmer sie sind, desto mehr werden sie ausgebeutet. Auch vermehre sich die Zahl der jüdischen Arbeitgeber, und englische Arbeiter, die von ihnen angeftellt seien, müßten am Samstag feiern und am Sonntag arbeiten. Die Sonntagsentheiligung durch christliche Arbeiter in jüdischem Dienst ist ein beklagenswerter Uebelstand. Die Juden aber würden jeder berechtigten Anforderung Folge leisten. Es ist den Engländern nicht übel zu nehmen, daß sie über Leute unwillig sind, die mit Hungerlöhnen sich begnügen und sie aus ihren Stellungen verdrängen; die Verdrängung hat mit erschreckender Schnelligkeit sich vollzogen. Für das Reinigen einer der größten Synagogen erhielt ein „Greener" (d. i. ein Neueingewanderter) wöchentlich 7 Schilling. — Ein anderer Uebelstand, den die Einwanderung mit sich führt, ist nach der Meinung des Zeugen das Erwachsen eines Volkes im Volke. Zwischen Juden und Christen finden keine Heiraten statt, und die Juden speisen mit ihnen nicht. Das darf ein religiöser Jude nicht, und er verdient deshalb unsere Hochachtung. Auch wird jede Verständigung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.