Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seile 263. in London die Konferenz jüdischer Frauen stattfinden, an der alle Damen teilnehmen können, die in England in der öffentlichen Wohlfahrtspflege thätig sind. Vakanzen. Meckenheim. Lehrer u. K., 1000 M. Geh. Meid, an Borst. — Trebnitz i. Schl. Rel.-L., K., Balk., Sch., 1000 M. Geh. Meld. an Vorst. — Lipine, O.-Schl. Rel.-L., K., Sch., 1350 M. Geh., 400 M. Nebeneink. Meld. an Herrn Max Goldstein. — Bad Ilmenau i. Th. Rel.-L., K., Sch, 800 M. Geh., 300 M. Nebeneink. Meld. an Herrn Bernh. Lang. — Posen. K., 2500 M. Geh. Meld. an Herrn Israel Friedländer. — Hottenbach, Reg.-Bez. Trier. Rel.-L., K., Sch., 600 M. Geh., 200 M. Nebeneink., fr. W. Meld. an Herrn M. Burg. — Hüttenbach, Mittelfranken. Sem. geb. K. iytt> Sch., 700 M. Geh. 200 M. Nebeneink. Meld. an Vorst. — Oppeln, O.-S. K. und Sch., Chordir., 1800 M. Geh., 500—600 M. feste Nebenbez. Meld. an Vorst. — Zülpich. Rel.-L., K, Balk., 1000 M. Geh., 400—500 M. Nebeneink. Meld. an Vorst. — Bischofswerder, Westpr. Rel.-L., K., Sch., 600 M. Geh., 600 M. Schächtgeb., 300 M. Nebeneink. Meld. an Herrn H. Nawratzki. — Großen- Buseck bei Gießen. Rel.-L., K., Sch., 600 M. Geh., fr. W., 500 bis 600 M. Nebeneink. Meld. an Herrn S. Wallerstein. Feuilleton. Spinuru und Fliegen. Kulturhistorische Erzählung von Gregorij Bogrow. (Schluß.) Nachdruck verboten. Das Kommando billigte sichtlich die Gewaltthaten des Pöbels nicht und schien fest entschlossen, den Arrendator nicht fallen zu lassen. Mit hoch erhobenen Peitschen durchbrach es die lebende Mauer, ohne aus die Schimpsworte und Rippenstöße der Masse zu achten. Und die gänzlich unbewaffnete Menge wich vor den Peitschen zurück, und der rote Gerschko, hinter dem Rücken seiner Trabanten sich bergend, glaubte schon fast an seine Rettung und gewann frischen Mut. Noch waren zwei, drei Reihen zu durchbrechen, um die Freiheit zu gewinnen, da ... da sprang ein Unbekannter aus einen mit Reisig hochbeladenen Wagen und brüllte mit Donnerstimme: „Seht doch, Brüder, wie unsere rechtgläubigen Mitchristen ihre Brust Hinhalten für einen schmutzigen Juden! Nehmt Vernust an, zweibeinige Ochsen! Wen beschützt ihr da? Euren Peiniger! Und um eines solchen Mörders willen beschimpft ihr eure leiblichen Brüder! Habt ihr Gott im Herzen oder nicht? Was seid ihr für Christen? Ihr seid noch schlimmer als die heidnischen Tartaren. Spuckt dem Juden ins Gesicht und übergebt den Blutegel dem Volke — mag es ihn richten. Mir nach, Rechtgläubige! Für Freiheit und Glauben!" Mit diesen Worten sprang der Unbekannte wie ein Tiger vom Wagen über die Köpfe des Kommandos in die Mitte des Karrees und faßte den Roten an dem Bart. „Ah, mein Lieber!" flüsterte er dem Roten ins Ohr. „Wie gehts, Pan Arrendator? Brüder, hierher zu mir! Greift den Hund! Das ist ein berüchtigter Dieb und Mörder. An den Galgen mit ihm, an den Galgen! Wieviel des rechtgläubigen Volks hat er in seinem verfluchten Dasein schon gefressen! Hierher, Brüder, hierher!" Wie eine Lawine stürzte die Menge herbei und zerstreute die Trabanten Gerschkos, die sich unter das Volk mischten. Mehrere Sekunden stand der völlig erstarrte Arrendator Aug im Auge mit dem Unbekannten. In seinem Kopf ging alles durcheinander; seine ganze Empfindung war abgestumpft; erschien selbst den Schmerz nicht zu fühlen, als die Flocken seines roten Bartes in der Luft umherflatterten. Nur in seinen Augen konzentrierte sich sein ganzes Leben, und diese Augen vergrößerten sich um das Doppelte und traten derart hervor, als wollten sie aus ihren Höhlen fahren. Allein als die rauhe Stimme des Unbekannten sein Ohr berührte, erzitterte er, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, am ganzen Leibe. Sein Gesicht zuckte konvulsivisch. Seine Lippen öffneten sich und flüsterten etwas. Dann aber schrie er wie unwillkürlich, wild, unnatürlich: „Woickowski! . . . O weh, Woickowski!" „Du lügst. Schuft! Nicht Woickowski, sondern Pan Woickowski", zischte der Schlachtiz, ihn ins Gesicht und auf die Brust schlagend. „Du hast den Pan Woickowski verachtet, ihn an deine Juden verkauft und dich aus dem Staub gemacht. Für dich, elender Hund, mußte Pan Woickowski büßen, nun, laß uns fitzt freundschastlichst abrechnen. . . ." Und in demselben Moment, als der Rote: „Woickowski!" ausschrie, ertönte ein gleicher Schrei aus der Menge. Zodek, der sich unter dem Volke versteckt hatte und auf der Stätte der Meuterei bis zum letzten Augenblick ausharren wollte, um mit eigenen Augen den Untergang seines Feindes zu schauen, hatte diesen verzweifelten Schrei Gerschkos gehört. Dieser verhängnisvolle Name traf ihn wie ein Keulenschlag und unwillkürlich kam ein Schrei des Entsetzens über seine blauen Lippen. An seinen Feind und an seine Rache vergessend, drängte er sich mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden, der aus den brausenden Wellen sich zu retten sucht, durch die dichten Volksmassen. Zu seinem Glück hatte ihn niemand bemerkt; denn die rasende Menge hatte sich zum Teil auf den Arrendator gestürzt, zum Teil aber war sie nach der leerstehenden Schenke geeilt, um sich an dem Branntwein gütlich zu thun. Mit zerkratztem Gesicht und blutigen Händen ins Freie gelangt, lies Zodek aus Leibeskräften nach dem Gasthause und begann mit fieberhafter Geschwindigkeit, die Pferde anzuspannen. In dem Moment, als auf dem Marktplatz der Lärm entstand, der trotz der beträchtlichen Entfernung bis in das Gasthaus drang, versperrte sich Rahel in ihrem Kämmerchen, nahm ihre auf den Tod erschrockene Enkelin in die Arme und begann leise zu beten. Jeden Augenblick sah sie durch das trübe Fensterlein, von dem aus ihre Bude zu sehen war, und harrte ungeduldig des säumigen Fuhrmanns. Aber dieser kam nicht. Lange, bange Minuten verlebte die gepeinigte Frau in ihrem Kämmerlein, wagte aber nicht, aus die Straße zu treten. Im Gasthause herrschte Grabesstille, als sei dort kein lebendes Geschöpf vorhanden. Plötzlich durchzitterte ein lautes Wehklagen den ganzen Hof — die Frau des Arrendators und deren ältesten Töchter stürzten aus den Wohnräumen und schrieen um Hilfe. Und in diesem Augenblick kam auch Zodek atemlos hergerannt und begann die Pferde anzuspannen. Seine zersetzte Kleidung, sein blutiges Gesicht sagten Rahel